Die
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argarethe legte den Finger auf die Lippen. Der Maler verbeugte ſich zum Zeichen, daß er ihren Willen ver⸗ ſtanden, und ſcherzte:„Ich werde das Papagenoſchloß, das Sie meiner Zunge anlegen, nicht eher löſen, Comteſſe, als Sie wünſchen. Aber Ihnen, Baron Hochberg, offene Arme und offenes Herz!“ Dabei ſchritt er auf den Befangenen zu und ſchloß ihn an die Bruſt wie einen Bruder.
Benno zitterte„Wie geſchieht mir denn? Weikert! Dieſe Andeutungen—“ „Sollten einem Diplomaten, der Sie ja doch ſind, die Augen öffnen, mein' ich!“ vervollſtändigte der Maler und ſchüttelte ihm kräftig beide Hände. „Mein Freund, mein hochherziger Freund!“ rief der Glückliche flammend,„Sie ſind der echte Sohn Ihrer Mutter! WMarga—“ „Baron Benno!“ ſchnitt ihm die Comteſſe ſchnell ſeinen Herzenserguß mit vielſagendem Blick auf ihren Brudet ab, der wie ein Pfahl in der Entfernung ſtand und vor Be⸗
ſchämung oder aus geheimer Sorge, der Künſtler werde ſich noch ſpeciell an ihm rächen, keine Silbe dreinzureden wagte. flüchtig dem des Mädchens, und als es den Grafen ſtreifte, verwandelte ſich ſeine Glut in Froſt. Er verſtummte. Doch leichtbeſchwingten Wortes fuhr Mar⸗ garethe fort:„Ich bin eine Egoiſtin, Baron; ich habe Ihre Seelenverſchwiſterung mit Vetter Weikert nur herbeizuführen
getrachtet, um einen Dienſt von Ihnen für die Kunſt und den
Künſtler zu fordern.“ „Ihm einen Dienſt? Jeden, jeden!“ Der Baron hob
Hochberg's Auge folgte
die Rechte wie zum Schwnr. „Ihre Beliebtheit beim Hausminiſter und Ihre übrigen Verbindungen mit einflußreichen Perſonen werden es Ihnen eicht machen, den Ankauf des Eromwell von Seiten des Staates zu bewerkſtelligen.“ „Mein Gott, warum bin ich nicht ſelbſt ſchon hierauf . efallen?“ ergriff Hochberg lebhaft den Gedanken. „Comteſſe!“ ſagte Weikert ernſt, faſt vorwurfsvoll. „„Ich werde mir erlauben“, lächelte Margarethe graziös, Zie ſo lange Couſin zu nennen, bis Ihr Stolz gebrochen i und ſie mich als Couſine behandeln.“ „Wer kann ſolcher Liebenswürdigkeit widerſtehen?“ ent⸗ gnete Weikert.„Indeſſen—“ „Indeſſen, Cvuſin, ſollen Sie ſich gefallen laſſen, daß
achenhuſen's Hausfreund. X. 13.
Erzählung von Otto Girndt. (Schluß.)
ihren Ruhm ſorgen, als Sie, wenn er ſein Werk
nicht an den Platz wünſchte, der ihm gebührt. Ich muß ſchon
wir beſſer für Ihr Wohl und der unverzeihlich damit ſpielen würde,
darum auf ſeinen Beſitz verzichten, weil ich außer Stande ſein würde, den Zudrang aller Schauluſtigen zu ertragen. Das Gemälde aber den Freunden wahrer Kunſt zu verſchließen, wäre eine Sünde wider den Geiſt, die ich niemals begehen möchte. Baron Benno, ich habe Ihr Verſprechen, daß Sie ſich für den Ankauf des Bildes aus Staatsmitteln verwenden, und bringen Sie mir Nachricht, daß er genehmigt iſt, dann“ — ſie hielt inne, um mit leiſer Schalkhaftigkeit hinzuzuſetzen —„dann hab' ich eine Belohnung ſür Sie
„Und welche?“ wagte Hochberg zu fragen.
„Vetter Weikert ſoll ſie Ihnen ertheilen!“ teſſe aus.
„Der Vetter bittet“, ſprach Weikert ſehr ernſt,„von dieſer Aufgabe, ſo ſchön ſie iſt, dispenſirt zu werden.“
Margarethe ſah ihn beſtürzt an:„Warum?“
„Weil bei der Aehnlichkeit der Situation mit einer aus ſeinem eignen Leben leicht ein Schmerz in ihm aufgähren könnte, der Ihnen den reinen Genuß der großen Stunde trübte. Der Vetter wird auf ſeinem Römerzug Raſt halten bei einem Friedhof, wird zurückdenken an ſeine Theuren in dieſer Stadt und um ein glücklicheres Schickſal für ſie beten, als ihm vergönnt war.“ Weikerts Auge hing, düſter brennend, an der Erde, ſeine Lippe bebte, er kämpfte gewaltſam ein Schluchzen nieder. Die Erſchütterung ſeines Innern theilte ſich den Andern, ſelbſt dem Grafen mit, der von Allen ver⸗ geſſen ſchien. Heilige Stille lag auf dem Gemach, bis der Maler, die Arme verſchränkend, den Kopf geneigt, freiwillig den Schleier von ſeinen liebſten, trübſten Erinnerungen zog: „Ich athme noch, ich denke, ich arbeite, ich ſehe bewundernd in einen roſigen Sonnenuntergang, der Berg, das Thal, Dämmerung wie Morgenlicht, Strom und Meer drängen ſich meinem Auge entgegen, als ergöſſe ſich alle Natur in meine Seele allein. Gelebt aber hab' ich nur ein einzig Jahr, ein Jahr ohne Winter, einen Frühling von zwölf Monden.“ Er drückte die Hand aufs Herz, als wolle er den Krampf darin erſticken, der ihn nur in abgebrochenen Sätzen ſein Schickſal ſchildern ließ.„Es geht die Sage“, begann er wieder,„daß hinter der Maria, als ſie durch die Wüſte floh, die Roſe von Jericho aufſproßte an jeder Stelle, wohin die Himmliſchreine den Fuß geſetzt. So ſchienen Blumen emporzublühen, wo
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wich die Com⸗


