Jahrgang 
1867
Seite
591
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nach dem Schloß zurückkamen, brach das Unwetter mit neuer Gewalt los. Ludwig XIV. lechte, die La Valliere weinte,

und eine Hofdame ſagte, auf ſie zeigend, zum Grafen von

Guiche:Es regnet heiße Thränen!

Ludwig XIV. verließ endlich Vincennes als Reſidenz es war im Jahre 1664 um ſein neues Schloß von Ver⸗ ſailles einzuweihen. Er war nicht mehr König bloß, er war jetzt ein Gott; der Staat, der war er. Verſailles wurde das Serail dieſesgroßen Ludwig, der der Staat war; die Damen des neuen Verſailler Hofes wurden der Harem des franzöſiſchen Sultans. Die La Vallikre zog hier ein als ſeine Favoritſultane, doch war ſie nicht die einzige; auch die Fontanges und Montespan beanſpruchten dieſe Ehre, und ſchließlich ſollte die eigentliche Roxolane des Harems von Ver⸗ ſailles eine ernſte, ſtrenge Frau werden: Frau von Maintenon. Aber im Jahre 1664 war es doch das ſchöne Fräulein von La Voalliere, welches mit dem König Ludwig XIV. zuſammen die galanten Traditionen des Schloſſes Vincennes nach dem neuen Schloſſe zu Verſailles übertrug. Sie konnte ſich rühmen, die neue Aera der franzöſiſchen Galanterie, welche mit einer Sündflut enden ſollte, eingeweiht zu haben. Ludwig XIV., derGroße, dachte nur noch daran, zu lieben und zu ge⸗

fallen, und die Höflinge nahmen ſich dies zum Muſter. Ver⸗

ſailles erſtand als ein neues Paradies; Vincennes verödete, aber ſeine Kerker nicht.

Ein Miniſter Ludwig's XIV., Fouquet, vermaß ſich, ſeine Augen zur Favoritſultane La Valliere zu erheben und damit fiel er in den Donjon von Vincennes. Fouquet war der erſte Höfling Frankreichs und wollte aus dieſem Grunde thun, wie der König that. Der König liebte, Fouquet deshalb auch; der König verſchwendete, Fougquet nicht minder; der König plünderte den Staatsſchatz, daher Fouquet ſich kein Gewiſſen daraus machte, auch ſeinerſeits mit öffentlichen Geldern zu

wirthſchaften. Ludwig XIV. gab ſeinem Harem feenartige

Feſte, ſein Miniſter desgleichen; Ludwig XlV. warf nach Laune einer der Hofdamen ſein Taſchentuch zu, weshalb Fouquet ein Recht zu haben glaubte, ähnlich zu verfahren. Das ſollte er eigentlich auf dem Schaffot bereuen, alſo König geſpielt zu haben; aber Ludwig XIV. begnügte ſich, ihm ſeine Güter und ſeine Freiheit zu nehmen. Fougquet ward Gefangener von Vincennes, dann von Angers, von Amboiſe, von Moret und der Baſtille, und er, der eine Copie Ludwig's zu ſein ſich beſtrebt, ſtarb elendiglich in einem dunklen Kerker.

Aehnlich war es mit dem Herzog von Lauzun, einem Gascogner, der eine Zeit leng um Hofe Ludwig's zu Vet⸗ ſailles eine glänzende Rolle ſpielte. Lauzun beſaß Geiſt, Schönheit und Verwegenheit. Der König amuſirte ſich über ihn und ernannte ihn zu ſeinem Gardekapitän; Fräulein von Montpenſier, die ſo viel Fürſten und Königinnen gefallen hatte, zeichnete ihn aus, und der tapfre Gascogner beſchloß deshalb, ſich dieſe Prinzeſſin aus bourboniſchem Geblüt zu annectiren. Der Teufel packt ihn und bringt ihn vor Seine Majeſtät, ohne daß er ihr den ſchuldigen Reſpect erweiſt. Er wagt die Sonne anzuſehen, ohne davon ſich geblendet zu fühlen, und ruft nach echt Gascogner Art dann aus:

Sire, Sie haben mir das Obercommando über die Artillerie verſprochen.

Das iſt wahr, antwortet der König,aber Ihre Hof fahrt nöthigt mich, mein Verſprechen zurückzuziehen.

Sire, ich hatte verſprochen, Ihnen zu dienen, verſetzt nun Herr von Lauzun,aber Ihre Ungerechtigkeit nöthigt mich, mein Verſprechen zurückzunehmen. Sie ſind nicht mehr mein Gebieter, ich bin nicht mehr Ihr Diener, und ich zer⸗ breche meinen Degen.

Er zerbrach ihn, wie er dies ſagte, worauf Ludwig XIV. ſeinen Stock erhob und Miene machte, den Unverſchämten zu Aber er beſann ſich plötzlich eines Anderen und agte:

Ich will nicht, daß man ſagen ſoll, ich hätte einen Edelmann geſchlagen, entehrt. Herr von Lauzun mußte aber

wegen ſeiner Gascognade einige Zeit in Vincennes ſchmachten,

Kammerherr an den Hof zurückzukommen. Trotzdem gab er ſein Attentat auf das Königthum nicht auf, inſofern er ernſt⸗ lich darguf ausging, Fräulein von Montpenſier, wie geſagt, eine Prinzeß von Geblüt, zu heirathen. Und die Prinzeß war noch dazu damit einverſtanden! Sie zeichnete ihn öffentlich aus, behandelte ihn mit höchſter, ſkandalöſer Auffälligkeit als ihren Geliebten, nannte ihn ihren Herren, bat ihn, über ſie zu befehlen, ſeine Dienerin ſein zu dürfen und Herr von Lauzun war nicht der Mann, der ihr die Sklaverei leicht machte. Wirklich kam die Ehe zu Stande, und ſie brachte Herrn von Lauzun mit der Enkelin Heinrich's IV. vier Herzogthümer und einige zwanzig Millionen ein. Nun wollte ſich Lauzun aber auch noch des Namens Montpenſier bedienen, ſich als Couſin des Königs von Frankreich geberden, wofür ihm der Prinz von Condeé den Hirnkaſten einzuſchlagen drohte. Aber es kam nicht ſo weit. Die Maitreſſe Montespan ſorgte dafür, daß der Skandal ſein Ende fand. Die Prinzeß Montpenſier wurde nach dem Schloß d'Eu verbannt, Lauzun kam in den Donjon von Vincennes, wo er mit einem Fluch gegen Ludwig XIV. auf den Lippen auch ſtarb.

In dem Zimmer, welches der verwegene Lauzun zu Vincennes bewohnen mußte, hatten noch ein paar andere vor⸗ nehme Herren geſeſſen; der Cardinal von Retz und der Marſchall von Ornano. Cardinal von Retz lebte hier wie ein Prinz; er hatte Diener, Geld, Tafel, Damengeſellſchaft, Freunde, ſogar Schauſpieler. Hin und wieder ließ man den geiſtlichen Herrn auch eine Meſſe leſen. Trotzdem dachte der Cardinal nur daran, wie er entſpringen könnte. Man entdeckte indeß ſeine Vorbereitungen und brachte ihn nach dem Schloß von Nantes, wo er glücklicher war und entſprang, um erſt nach fünfzehn Jahren von Ludwig XIV. begnadigt zu werden und nach Frankreich zurückzukehren. Der Cardinal von Retz ge⸗ hörte zu den Frondeurs, welche Mazarin's Herrſchaft ſtürzen wollten, und war deswegen 1652 hinter Schloß und Riegel geſetzt worden.

Der allmächtige Cardinal Richelieu, der Regent Frank⸗ reichs unter Ludwig XIII., hatte ſeinerſeits mit den Vornehmen ſchon vor Mazarin kurzen Proceß gemacht. Von ihm war Vincennes ſo ſtark als möglich bevölkert worden. Von den vielen Gefangenen, die ihm das Verſchwinden verdankten, er⸗ wähnen wir nur den Marſchall von Baſſompierre, weil er einer der originellſten war und weil er das Glück hatte, nach Richelieu's Tode noch ſeine geiſtvollen Bonmots an den Mann zu bringen. Er ging an demſelben Tage aus Vincennes, als Richelieu, ſein Feind, begraben wurde. Als ihn nun Ludwig XIII. bald darnach fragte, wie alt er ſei, antwortete der Greis in ſeiner trockenen Manier:Nur funfzig Jahre, Sire. Der König ſchüttelte ungläubig den Kopf.

Ja Sire, fuhr darauf der Marſchall Baſſompierre fort,nach Abzug der zwölf Jahre, wo man mir verſagte, meinen Dienſt bei Ihnen zu verſehen.

Richelieu's Nichte, Madame d'Aiguillon, bot Baſſompierre eine halbe Million Livres an, um ihn mit dem Andenken des Cardinals zu verſöhnen.

Madame, antwortete der Marſchall,Ihr Onkel hat mir zu viel Böſes zugefügt, als daß ich von Ihnen ſo viel Gutes erhielte.

Fräulein von Balzac, die einmal ſeine Maitreſſe geweſen war, hatte eines Tages die Unverſchämtheit, ihm zu ſagen, er ſei einfältig.

Sie ſind nicht Schuld daran, entgegnete er,daß ich es wurde.

Wie ſo? fragte ſie neugierig.

Dazu hätte ich Sie heirathen müſſen.

Vincennes war alſo, wie man aus dieſen Geſchichten ſeiner vornehmen Inſaſſen erſehen haben wird, als Staats⸗ gefängniß daſſelbe wie die Baſtille. Es nahm unter allen Staatsgefängniſſen den erſten Rang ein, hatte die erlauchteſten Bewohner in den ſchrecklichſten unterirdiſchen Kerkern, aber auchgewöhnliche Leute, die der Despotismus des Hofes,

um dann dem Kühnen hilft das Glück! als erſter

der Maitreſſen oder der Familien hier ſchmachten und zu⸗