Jahrgang 
1867
Seite
590
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haben.

Wer zählt die Namen der Gefangenen, die hier geſeufzt, die hier der Despotismus verſchmachten und lebendig begraben ließ? Nicht die Mauern der alten Baſtille hätten ſo viel erzählen können, als dieſe ungeheuren Quaderſteine der Thürme und des Donjon von Vincennes. Und noch ſteht dieſer Don⸗ jon, noch ſind die Mauern des alten Vincennes vorhanden

und bilden die Pfeiler und Stützen der jetzigen koloſſalen

Caſernements und Forts, die ebenſo drohend nach dem Oſten wie nach der guten Stadt Paris ihre Kanonen gerichtet

Ueber ſieben Jahrhunderte iſt Vincennes eine ſolche fran⸗ zöſiſche Burg und lange Zeit, bis zu Ludwig XIV., war ſie eine Reſidenz der Könige, bis ſie mehr und mehr von ihnen zum Staatsgefängniß gemacht wurde. Ludwig der Heilige nahm hier unter einer alten Eiche die Klagen ſeiner Unter⸗ thanen entgegen, die Valois bauten hier ihr Königsſchloß, Katharina von Medicis hielt hier Hof, und Ludwig XIV. ließ von Vincennes aus ſein großes Verſailles erbauen, von der Burg der feudalen Könige den Harem eines Sultans.

In dieſer alten Königsburg von Vincennes hat zu An⸗ fang des 15. Jahrhunderts der wahnſinnige König Karl VI. und ſeine wollüſtige, verrätheriſche Gemahlin Iſabella von Baiern gehauſt, jene Königin Iſabeau, die Schiller in ſeiner Jungfrau von Orleans als Genoſſin der vordringenden Engländer zu charakteriſiren nicht vergeſſen hat. So groß war der Abſcheu vor dieſem laſterhaften Weibe, daß nach ihrem Tode ſelbſt der Sohn, Karl VII., ſie der Ehre eines königlichen Begräbniſſes für unwürdig erklärte. In einem ſchlichten Holzſarg ſetzte man ihren Leichnam zu St. Denis bei. Königin Iſabeau, die Frankreich an die Engländer ver rieth, verrieth auch ihren Gemahl an mehr als einen Höfling. Ihre Orgien in Vincennes, ihre Buhlereien waren öffentliches Geheimniß: der König allein nahm Anſtand, zu glauben, was alle Welt wußte. Karl VI. wollte die Liebſchaften Iſabella's mit den Prinzen und Edelleuten ihres Hoſes nicht ſehen; aber einmal raffte er ſich doch auf, um ſich an Louis de Bois⸗Bourdon zu rächen, einem jungen Cavalier, der ihm als der Buhle ſeiner Gemahlin bezeichnet worden war. Als derſelbe einmal im Gehölz von Vincennes an ihm vorbeiſprengte, ohne mehr als einen Handgruß an den König zu belieben, ließ ihn Karl VI. am Thor der Burg verhaften. Iſabeau ſah den ſchönen Geliebten nicht wieder; er kam in ein tiefes Verließ des runden, Donjon genannten Thurmes und wurde hier der Folter unterworfen. Man fragte ihn über ſein Verhältniß zur Königin; aber Bois⸗Bourdon geſtand nichts und wurde daher gleich wegenverſchiedener Verbrechen zum Tode ver⸗ urtheilt. Schon in der darauf folgenden Nacht kamen die Henker in ſeinen Kerker, erwürgten ihn und ſteckten ihn in einen mitgebrachten Lederſack, auf welchem geſchrieben ſtand: Laßt der Gerechtigkeit des Königs ihren Lauf! So warf man ihn in den Fluß. Laisser passer la justice du roi! Königin Iſabeau ihrerſeits wurde nach Tours verbannt, wo ſie ihre Intriguen gegen Karl VI. fortſetzte.

Ludwig Xl., der ſechzig Jahr ſpätere ſein tückiſches Re⸗ giment ausübte, war der eigentliche Stifter des Staatsge⸗ fängniſſes von Vincennes. Er hatte ſein Vergnügen daran, zuweilen des Tages nach den eiſernen Käfigen ſich zu begeben, wo er ſeine Gefangenen gleich wilden Thieren aufbewahren ließ. Höchſtſelbſt verhörte er ſie hier, tröſtete ſie in heuchleriſcher Weiſe, quälte ſie und machte ihnen die bitterſten Vorwürfe.

Katharina von Medicis hielt in Vincennes am liebſten ihre Reſidenz und vergrößerte und verſchönerte es bedeutend. Sie war eine der ſtolzeſten, herrſchſüchtigſten, majeſtätiſchſten Frauen, die je auf dem Thron geſeſſen, aber ihre Freund⸗ ſchaft war gefährlich. Als ſie Herrn von Bois⸗Fevrier ein⸗ mal mitmein Freund anredete, antwortete dieſer ſchnell:

Madame, geſtatten Sie mir, mich Ihren Feind zu nennen. Und er hatte recht calculirt. Kurze Zeit nachher ſaß er im Donjon von Vincennes und konnte über die Freundſchaft einer Königin nachdenken.

Einmal befragte Katharina von Medicis ihren Aſtrologen nach dem Orte wo ſie ſterben würde. Der aſtrologiſche Hocus⸗

pocus begann, und die Königin, die ſonſt keine Furcht kannte, zitterte dabei ſehr heftig. Der Aſtrolog, ein Italiener, nannte endlich St.⸗Germain als Antort auf die geſtellte Frage, und von dieſem Moment an bewohnts Katharina weder das Schloß der Tuilerien wieder, weil es zum Kirchſpiel St.⸗Germain [Auxerrois gehörte, noch die Wohnung in der Abtei, welche bei St.⸗Germain des Pres lag, noch das Schloß zu St. Germain⸗en⸗Laye. Sie wollte gegen ihr in den Sternen geſchriebenes Schickſal ankämpfen und reſidirte deshalb nur in der Burg von Vincennes. Es half ihr aber Alles nichts und der Aſtrologe erhielt Recht: Katharina ſtarb vierzehn Jahre ſpäter, 1589, in den Armen eines Beichtvaters des Königs, Namens St.⸗Germain. 5

Auch ihr herrſchſüchtiger, ſchlauer, in den Ränken und Lüſten der Mutter erzogener Sohn, Karl M., der Blutkönig der Bartholomäusnacht, an deren Ausführung Katharina den meiſten Antheil hatte, ſtarb in dem Vincenner Burgſchloß. Und er ſtarb, gemartet von den Schrecken, die er den Huge⸗ notten bereitet, von den Mordthaten, mit denen er ſich be⸗ fleckt, heulend und jammernd, raſend, von Schmerzen gequält und verfichtet, oberhalb jener Kerker, in denen er und ſeine Mutter ſo viele Vornehme unglücklich gemacht. Die blutigen Geſtalten der von ihm Gemordeten ſtanden an ſeinem Sterbe⸗ bette und preßten ihm das Blut in wahnſinniger Jagd durch die Adern aus dem Körper hervor. Der Admiral Coligny

ſtand vor ihm, ſein edler, proteſtantiſcher Freund, deſſen Er⸗ mordung das Signal zur Hugenottenmetzelei gab. La Mole ſtand vor ihm er ſah ſeinen blutigen Kopf und daneben ſeine unglückliche Gemahlin, die Königin Margarethe, welcher La Mele ſein Haupt vermacht hatte. La Mole! War dieſer ſchöne Edelmann des Hofes, der Liebling aller Damen, wol Königin Margarethe mehr theuer geweſen, als er es hätte ſein dürfen? Wer mag es wiſſen! Der Herzog von Nevers erzählt, La Moͤle und Coconas ſeien die Lieblinge zweier Prinzeſſinnen geweſen, welche ihre Schwärmerei ſo weit trieben, daß ſie, als ſie zum Tode verurtheilt waren, ihre Köpfe den Geliebten vermochten. Und Heinrich IV. erzählt, daß La Mole als Verſchwörer hingerichtet wurde und daß ſein auf. den Pfahl geſtecktes Haupt in der Nacht verſchwand. Ob Königin Margarethe es ſich hatte ſtehlen laſſen? Wie dein auch ſei, ſie hatte La Mole's Kopf in ihrem Betzimmer und weinte vor ihm und ſeufzte und küßte ihn.

Unter Ludwig XIV. hatte das alte Reſidenzſchloß der Könige von Frankreich ſeine letzte und glänzende Aera, auch ſeine. vornehmſten Kerkerb mer, ſeine intereſſanteſten Hof⸗ geſchichten. In dem ſchöng Park von Vincennes genoß der junge Ludwig XIV., der g udſte und galanteſte der bour⸗ boniſchen Könige, das Glütck, der reizendſten ſeiner Maitreſſen das erſte Liebesgeſtändniß abzuringen. Ludwig XIV. prome⸗ nirte inmitten eines großen Gefolges von Edelleuten und ſchönen Damen in dem Park, plaudernd, lachend, Schmeicheleien vertheilend, glückſelig im Hochgefühl ſeiner Allmächtigkeit und töniglichen Majeſtät. Plötzlich erhob ſich ein Sturm ein Gewitter zog auf, die Damen und Herren flüchteten ſich nach

dem Schloß zurück. Der König allein dachte am wenigſten an Donner und Blitz und Regen. Er hatte nur Augen und Aufmerkſamkeit, nur Gedanken und Galanterien für das ſchöne,

junge Fräulein von La Vallière, welches, geängſtigt von der

Majeſtät, hinter den übrigen Damen zurückblieb, in reizende Verwirrung ihrer Toilette durch den herabſtrömenden Regen gerieth und ihre kleinen Füße und engen Schuhe verwünſchte, die ihr nicht geſtatteten, ſo ſchnell als ſie mochte davon zu laufen. Die Schmeichelei des Königs brach alle Vorſchriften der Etikette, und die Hofleute und Hofdamen waren ſo ge⸗ fällig, mit der ſchüchternen Verliebtheit des herrlichen Ludwig Mitleid zu haben; ſie machten, daß ſie fortkamen aus dem Regen und aus dem Park und ließen das arme, zitternde Fräulein von La Vallière allein mit Ludwig XIV. zurück. Und dieſe Beiden ſuchten, ſo viel es ging, Schutz hinter einer Blumenwand es regnete und donnerte, und ſie küßten ſich.

Als ſie dann,

der König und die Ehrendame der Königin,