weilen, wie zuletzt noch den unglücklichen Latude, lebendigen Leibes und elender Urſachen willen vermodern ließ. Der Tarif für den Unterhalt der Gefangenen auf Staatskoſten war auch derſelbe wie in der Baſtille. Es gab täglich für einen Prinzen von Geblüt 50 Livres, für einen Marſchall von Frankreich 36, für einen General 24, für einen Parlaments⸗ rath 15, für einen Richter, Prieſter, Finanzier, Kapitän, höheren Beamten 10, für einen Advokaten oder einen ange⸗ ſehenen Bürger 5, für einen gewöhnlichen Bürger 3, für einen Diener 2 Livres. Die Verpflegung hätte alſo ſehr anſtändig ſein können, wenn nicht die Gouverneurs von Vincennes durch⸗ gängig ſich auf Koſten der Gefangenen und ihrer Unterhaltungs⸗ gelder zu bereichern geſucht hätten. Ein leidlich geſchickter Gouverneur, d. h. einer, der nur etwas Spitzbube war, konnte
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täglich ſeine 300 Livres Verpflegungskoſten einſtecken— mehr
als 100,000 Livres im Jahre.
Die Baſtille wurde 1789 zerſtört, Vincennes nicht. Aber Vincennes hörte nun auch auf, Baſtille zu ſein. Es wurde vor allem Anderen nur als militäriſche Feſtung behandelt, wenn auch von Zeit zu Zeit noch Staatsgefangene hier unter- und, wie der Herzog von Enghien, umgebracht wurden. Im Jahre 1832 wurden auch die Gouverneurs von Vincennes abgeſchafft: Louis Philipp betrachtete den Platz nur als einen militäriſchen und machte ihn zu einem Haupt⸗ fort der Befeſtigungen, welche er rings um Paris anlegen ließ. Und in dieſem Sinne vergrößerte auch das Kaiſerreich die Forts und Wälle und Caſernements.
S.⸗W.
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Der Gänſemarſch.
Nur wenige Worte wollen wir der IFlluſtration beifügen. Unſer geſchätzter Künſtler Weiß hat das bekannte Bild des berühm⸗ ten Maler C. Arnold ſo glücklich wiedergegeben, daß wir hoffen dürfen, unſern Leſern eine Freude damit zu bereiten. Was es dar⸗ ſtellt, zu erklären, müſſen wir uns erſparen, denn es würde ſchwer ſein, das mit Worten zu ſagen, was das Bild ſelbſt ſo klar und deutlich ausſpricht.
** Die ſpaniſchen Feſte.
Am Oſtertage, ſchreibt uns ein Reiſender, fand ich in Barcelona die Kathedrale von Hunderten von Kindern jedes Alters gefüllt. Alle waren ſie mit langen Palmenzweigen bewaffet, die mit Dulces(Bon⸗ bons und Confect) behängt waren. Jedesmal, wenn der Chorknabe das Glöckchen in Bewegung ſetzte, ſchwenkten ſämmtliche Kinder die Palmen, ſtampften mit dem Fuße und ſchrien: Juli! Juli! In dem Augenblicke, in welchem die Geiſtlichkeit draußen an die Pforte (attolite portas) klopfte, ſchrien alle Knaben: Aubria! que volem me entra? Was im Patois bedeutet: Heffnet, wir wollen ein⸗ treten!
Man macht ſich keine Idee von der Menge von Dulces, die während der heiligen Woche in allen Conditoreien und in den auf der Rambea errichteten Buden verkauft werden. Der Spanier, ſonſt ſo enthaltſam, verſpeiſt den ganzen Tag hindurch eine zahlloſe Menge von Bäckereien und Süßigkeiten und löſcht den Gaumen mit Waſſer. Jedes Feſt hat ſeine beſondere Art von Dulces.
Die ſich darauf entwickelnde Proceſſion war eine großartige. Sie wurde eröffnet durch eine zahlreiche Truppe von Amateuren in Helmen, Küraſſen, mit Schildern bewaffnet. Alle dieſe Tapfern, die Söldlinge des Pontius Pilatus vorſtellend und mit langen Sapeur⸗ Bärten geſchmückt, marſchirten langſam daher, indem ſie mit ihren großen hölzernen Lanzen auf den Boden ſtießen. Von Zeit zu Zeit hielten ſie auf ein vom Fahnenträger gegebenes Zeichen inne und machten allerlei Evolutionen mit der ehrenfeſteſten Miene.
Fünf Stunden brauchte dieſe Proceſſion, um einen verhältniß⸗ mäßig ſehr kurzen Weg zurück zu legen.
Ich zählte wol an zweitauſend Menſchen, die armlange Kerzen trugen. Da dieſe aber ſehr ſchnell abbrennen, hatten die Gläubigen von Rang und Anſehen, ihre Diener hinter ſich, welche ihnen neue reichten. Jede dieſer Kerzen koſtet etwa 50 Realen und Jeder macht ſich eine Ehre daraus, deren ſo viel wie möglich zu verbrennen. Da nun die Dauer der Proceſſion ganz von dem Anführer der ge⸗ harniſchten Soldaten des Pontius Pilatus abhängt, und derſelbe nach Belieben den Marſch beſchleunigen oder verzögern, auch mit ſeinen Soldaten nach Gutdünken Stationen und Manöver machen kann, ſo geben ihm die Fabrikanten der Kerzen eine Prämie von 20 bis 30 Duros, damit er die Proceſſion um einige Stunden verlängere.
Ich kann mir nicht vorſtellen, daß die Verlängerung den Buße⸗ thuenden ſehr behage, die mit nackten Füßen und mit Ketten be⸗ hängt den Soldaten folgen, in jeder Hand, die Arme ausbreitend, leichtere oder ſchwerere Attribute der Buße tragen und die Ver⸗ pflichtung haben, den ganzen Zug in derſelben Poſition mitzumachen. Man verſicherte mir, daß dabei Mancher auf dem Pflaſter liegen
bleibe; ebenſo kommt es vor, daß Einzelne rieſige Gewichte tragen und ſich hierzu ſchon Wochen lang vorher einüben.
Der General-Kapitän von Barcelona, eine Perſon von höchſter Wichtigkeit, folgte dem Zuge, ein rieſiges Banner tragend; ihn be⸗ gleiteten alle Offiziere der Garniſon, ebenfalls mit Kerzen verſehen. Dann kamen die verſchiedenen Schulen(Colegios) in langen, ſchleppen⸗ den, ſchwarzſeidenen Kleidern mit ſchwarzem Sammtbarret und Kerzen . den Händen; darauf die Stutzer und Nichtsthuer, die nicht fehlen ürfen.
Die Koſten der Ausrüſtung der antiken Soldaten beſtreitet ge⸗ wöhnlich ein Einwohner der Stadt, welchem die Geiſtlichkeit das viel beneidete Recht einräumt, dieſe Tapfern zu commandiren und eben⸗ falls dieſes hiſtoriſche Coſtüm zu tragen.
Endlich iſt dafür Sorge getragen, daß ein Regiment Infanterie den Zug ſchließe, begleitet von einigen Schwadronen Cavalerie. Es hat dies den Doppelzweck, dem Himmel wohlgefällig zu ſein und zu⸗ gleich einen Aufſtand zu verhüten, den man in Spanien immer fürchtet und zu dem man ſolche Gelegenheiten zu benutzen pflegt. Die Infanteriſten ziehen barhäuptig daher, der Tſchako iſt auf dem Rücken unter dem Torniſter befeſtigt.
Einem alten Gebrauche zufolge verkündet der Alcalde der Stadt vor Beginn des Oſterfeſtes, daß die Schafe während vier Tagen zollfrei in die Stadt eingeführt werden können, damit die Bevölkerung im Stande ſei, das Feſt durch Lammbraten zu verherrlichen.
Wie man mir ſagte, war während meiner Anweſenheit in Bar⸗ celona der Papſt im Begriff, ſich mit Spanien wegen Verminderung der allzu häufigen religiöſen Feſte zu verſtändigen, um zugleich eine gar zu plumpe Schautragung aller Mhſterien und Heiligen der Kirche zu verhüten, wie ſie hier üblich iſt und wodurch auch der Geiſtlich⸗ keit jetzt unmöglich noch gedient ſein kann.
Gedenkblatt an die Schlacht von Königgrätz.
Es heißt wohl nicht, alte Wunden aufreißen, wenn wir einige Worte über das uns vorliegende, mit hiſtoriſcher Treue von unſerm Mitarbeiter Sell gezeichnete, prachtvoll in Farbendruck ausgeführte Bild ſagen. Daſſelbe iſt im Verlage der bewährten Kunſtverlagshandlung von Breidenbachu. Comp. in Düſſeldorf erſchienen. Es gibt außer einer Total⸗ Anſicht fünf einzelne Scenen des blutigen Dramas, die dadurch nothwen⸗ digen Gruppen ſind zu einem harmoniſch geſchloſſenen Ganzen verbun⸗ den. Ueber die Compoſition ſelbſt herrſcht in Künſtlerkreiſen und überall, wo das Original ausgeſtellt iſt, nur eine Stimme des Lobes. Der König von Preußen hat das letztere angekauft. An der von der Buchhandlung von Th. Lemke in Berlin, Kronenſtraße 21, eröffneten Subſcription haben ſich der König, ſämmtliche Prinzen u. ſ. w. betheiligt.
Das Bild ſelbſt iſt 35/26 Zoll groß und koſtet 5 Thaler.
Fleine Poſt der Redaction.
Frl. Anna v. H. in Oedenburg. Herzlichen Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Herrn H. R. in Itzehoe. Wir bedauern ſehr; die Gedichte ſind hübſch, paſſen aber für uns nicht.
Der Hausfreund erſcheint in Bänden von je 16 Heften à 6 großen Bogen mit ſchönen Original-Illuſtrationen, mit einem mit humoriſtiſchen Bildern illuſtrirten Umſchlag elegant geheftet.
Preis pro Heft 5 Sgr.
Verlag der Hausfreund⸗Expedition(Lemke und Comp.) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21. Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen.
Haupt⸗Expedition und Druck bei F. A. Brockhaus in Leipzig.
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