Jahrgang 
1867
Seite
587
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WMorgenſonne.

Auf der Sanddüne ſteht das ſchwarze Holzkreuz mit der Inſchrift: Hier ruhet J. P. Die Erde ist überall des Herrn!

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Arme, namenloſe holländiſche Frau, ruhe ſanft unter dem

weißen Flugſande der Helgoländer Düne; dort oben findeſt

du gewiß deine Heimat wieder, den Mann deiner Liebe!

Ein Stündchen Raſt.

Ein Tagebuchsblatt

Es iſt ein ſonniger Juni⸗Morgen. Drüben in den dunkeln Maſſen des Waldes herrſcht noch ein nimmer mehr ſich aufhellendes Halbdunkel, weil durch das dichte Laubdach noch kein Sonnenſtrahl ſeinen Weg gefunden hat. Weiter höher hinauf, in den Schluchten und Bergſenken, wallen weiße Nebelſchwaden auf und nieder und werden von der Gewalt der höher ſteigenden Sonne immer tiefer in die Bergklüfte hineingedrängt. Die Gipfel der Berghöhen glänzen in der Dieſe waren die Hauptzüge des Bildes, das ſich auf einer Ferienreiſe in den Harz meinen trunkenen Blicken darbot. Und wenn dem Herzen, das von inniger Liebe zur Natur erfüllt iſt, ein ſolches Bild in ſeiner ganzen Fülle und ſtillen Schönheit aufging, ſo heißt es Unmögliches von dem Wanderer verlangt, daß er der ſchroff aufſteigenden, felſigen Landſtraße folgen und ſich nicht vielmehr hinein begraben ſoll in die grünen Bogen und Hallen des gewaltigen Natur⸗ domes. Alſoſchlag' noch einmal die Bogen um mich, du grünes Zelt! Welcher Genuß! Wie kräftigend wirkt der friſche Harzduft auf meine Bruſt! Wie melodiſch tönt der jubelnde Morgengeſang der Vögel mir ins Ohr! Wie wohl⸗ thuend iſt für das Auge der Blick in das tiefe, ſaftige Grün! Jetzt fühl ich, wie ſehr recht der Dichter hat, wenn er ſingt: Im Walde möcht' ich leben zur heißen Sommerszeit. Aher das Auge des Botanikers wendet ſich bald ab von dem großen Geſammtbilde, das ſich ihm hier darbietet; es richtet

ſich vielmehr mit Vorliebe auf die einzelnen Geſtalten der Pflanzenwelt, durch deren eingehende Betrachtung er ſich einen Blick eröffnen will in die äußere Geſtaltung und den inneren Bau ganzer Pflanzenfamilien. Siehe da, dieſes herrliche Eremplar einer Hrchis! Sie iſt wohl geeignet zu einer genauen Unterſuchung. Darum hinein in die Botaniſirtrommel! Die rankenden Waldbrombeeren, die mich mit ihren Stacheln dann und wann an die Beobachtung der Wald⸗Etikette mahnen, laſſe ich alsgemeine Leute für jetzt unberückſichtigt. An einer beſonders feuchten, ſchattigen Stelle ſind Pilze aus der Erdehervorgeſchoſſen wie der Volksmund ſo ganz der äußeren Anſchauung entſprechend ſich ausdrückt. Der Hut dieſer einen Gattung ſieht ſchmuzig weiß aus und hat einen ſchwachen Glanz. Ein gelblicher, trockener, faſt mehliger Staub fliegt heraus, wenn ich einen dieſer Pilze mit dem Fuße um⸗ ſtoße. Dazwiſchen ſteht da und dort der rothe, giftige Fliegenpilz, der an der Oberfläche des Hutes meiſt mit kleinen Wärzchen bedeckt iſt. Doch hinweg von dieſen Paria's der Pflanzenwelt, deren Anblick für das Auge kein erfreulicher iſt. Bieten ſich ihm doch noch viele andere, freundlichere und weit intereſſantere Erſcheinungen dar als dieſe unheimlichen Pilze. Der Moosteppich, auf dem ich ſo leicht und weich dahinſchreite, iſt eine ſolche. Das friſche, ewig grüne Moos mit ſeinen zarten, hellgrünen Blättchen, die nur aus einer einzigen Zellenlage beſtehen, entzückt mein Auge, ſo oft ich es anſehe. Daran, ſowie an den zierlichen Kapſeln auf der Spitze der fadenförmigen Fruchtſtielchen gibt es viel zu ſehen und zu lernen, darum will ich ein paar Büſchelchen hin⸗ zulegen zu dem ſchon Geſammelten.

FJetzt hinein in das dichteſte Dunkel des Forſtes! Tiefe Stille umfängt mich hier. Das iſt die Waldeinſamkeit, von der die Dichter ſingen, die ſo wunderbar ſänftigend wirkt auf Geiſt und Herz. Die Rieſen des Waldes ſtreben empor in trotziger, nie verſiegender Kraft. Von den Blüten des Waldes, den Waldblumen, haben nur Wenige den Weg nach dieſen dunkeln, ſchattigen Orten gefunden. Scheuen ſie ſich vielleicht, ihre lichten, lieblichen Geſtalten in das dunkle, ge⸗

von A. Hummel.

heimnißvolle Heiligthum des Waldgottes zu tragen? Nach kurzer Wanderung trete ich aus dem finſteren Hochwalde her⸗ aus auf eine lachende Waldwieſe. Sonnbeſchienen und warm iſt ſie heimlich hineingebettet in einen majeſtätiſchen Kranz ernſter Waldbäume. Das iſt ein reiches Feld für den Botaniker! Der grüne Raſenteppich iſt von der ſaftig⸗gelben Blüte des Hahnenfußes, von der großen, rothen Blumenkrone der Wieſen⸗Lichtnelke, von der gelben, weißgeſäumten Blüte

der Wucherblume, von der blauen, zierlich geformten des

Wieſenſtorchſchnabels und andern Kindern Florens in den mannichfachſten Schattirungen durchwebt. Ueberdieſem Blumen⸗ meere gaukelt das luſtige Völklein der Schmetterlinge, ſummt das geſchäftige Heer der Bienen und bringt fröhliches Leben in die ſtille, regungsloſe Pflanzenwelt. Doch meines Bleibens iſt hier nicht länger. Bald nimmt mich der Wald wie⸗ der in ſeine grüne Hallen auf und rüſtigen Schrittes ſtrebe ich empor nach dem Kamm eines maſſiv und lang ſich hin⸗ lagernden Höhenzuges. Da werden meine Schritte plötzlich gehemmt durch ein Waldbächlein, das, einem hellen Silberfaden vergleichbar, ſich durch den bemooſten Felsgrund hindurchſpinnt. Dort ſcheint ein mächtiger Felsblock, der ſich quer in den Lauf des Bächleins hineingeſchoben hat, denſelben hemmen zu wollen; aber biegſam und ſchmiegſam, wie es eben iſt, ſpaltet es ſich an der ſteinernen Bruſt des Felſenſtückes und hüpft weiter, ſcherzend und flüſterndwie ein muthwilliges Kind, bis es ſich weiter unten wieder vereinigt und luſtig ſeinen Lauf fortſetzt. Ich verfolge den Lauf des Bächleins aufwärts, und nach kurzer Wanderung habe ich den Ort erdeicht, wo es aus dem kühlen Felſenſchvoße hervorrieſelt ſeine uelle. Sie iſt umwuchert von ſaftigem Moos, das zur Ruhe eisladet. Ellenhohe Farrnkräuter wiegen ihre zierlichen Wedel im Winde. Ueber mir, in den Aeſten der Buche, ſchmettert ein Fink ſein Lied. Fürwahr, ein herrlicher Ort der Ruhe und der Erquickung! An der murmelnden Quelle gelagert, beneide ich nicht den Reichen, der in den glänzendſten Hotels wie ſie nun auch in unſerm Harze ſich finden und zwar in größerer Anzahl, als es dem die Natürlichkeit liebenden Reiſenden lieb iſt ſich auf ſeidenen Polſtern wiegt.

Wie ich ſo daſaß und ſchauete und ſann, da war es Etwas in der Natur man nennt es ein Naturgeſetz das mir ſeinem ganzen Umfange nach ſo recht lebendig wurde in der murmelnden Quelle und dem rieſelnden Bächlein. Es wird in der Naturwiſſenſchaft viel geredet und geſchrieben von dem ewigen Kreislaufe, den Alles in der Natur mache. Hier trat mir dieſes Naturgeſetz lebhafter als je vor die Seele.

Der Gipfel des Berges, in deſſen mittlerer Höhe ich ſitze,

wird trotz der ſchon ziemlich hochgeſtiegenen Sonne noch fort

und fort umwallt von den weißen Schwaden und Bänken

des Morgennebels, der heute Morgen den ganzen Wald eingehüllt hat. Aber nach und nach fängt der Nebel an zu verſchwin⸗ den. Dieſes Verſchwinden hat unter anderen Urſachen auch darin ſeinen Grund, daß die kleinen Waſſerbläschen, aus denen der Nebel beſteht, ſich an die kalten Blätter der Bäume oder an die ſchwanken Halme des Graſes, die ebenfalls kalt ſind, anlegen. Die Leute, die am Morgen durch den Wald gehen, ſagen dann:Es hat gethaut! Daß beim Fallen

des Thaues gewöhnlich ein ganz bedeutender Waſſernieder⸗

ſchlag ſtattfindet, geht daraus hervor, daß das Gras früh oft

ſo feucht iſt, als wäre es mit Waſſer begoſſen oder als habe

Wenn man nun über einen ſo bethaut geweſenen

nachdem der warme Sonnenſchein einige 74*

es geregnet.

Raſenplatz geht,

Sin