Jahrgang 
1867
Seite
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war es ihm gelungen, wieder die hohe See zu gewinnen? wer konnte es wiſſen?

Als der Sturm ſich gelegt hatte, fuhren die Inſulaner hinüber nach der Düne, und der erſte Blick belehrte ſie, daß das holländiſche Schiff ſeinem furchtbaren Schickſale nicht habe entgehen können, denn der Strand, den die Wellen nicht mehr überſpülten, war mit Planken und zertrümmertem Maſten und Tauwerk bedeckt. Dazwiſchen lag die Leiche einer jungen ſchönen Frau im weißen Nachtanzuge, auf letzterem fand ſich das Wäſchezeichen J. R. Sonſt gab nichts davon Kunde, welchen Namen das Schiff und die Menſchen, die es getragen, geführt habe, woher es gekommen und wohin es gewollt habe die See hatte das Geheimniß in ſich verſchlungen. Auch ſpäter ließ ſich, trotz aller Nachforſchungen, darüber nichts ermitteln; wer weiß, an welch' anderen fernen Strand die Wogen die Leichname der übrigen Mannſchaft geſpült hatten!

In das aufgelöſte blonde Haar der jungen Frau hatte ſich der braune Seetang hineingeflochten, die rothen Wangen waren bleich, die friſchen Lippen blau geworden, der Todes⸗ kampf ſtand noch auf ihrem Antlitze geſchrieben, und die zarten Hände hatten ſich krampfhaft geballt. An Belebungsverſuche war bei dieſem Anblicke nicht zu denken, die Flamme dieſes jungen, vielleicht ſo bewegten Herzens war längſt erloſchen. Die Landſchaft der Inſel ließ der armen Schiffbrüchigen im Sande der Düne ein eigenes Grab bereiten, nahe dem Platze, auf dem ſchon ſo viele Seefahrer den ewigen Schlaf ſchlafen, und ihr das Kreuz mit der Inſchrift ſetzen:Die Erde iſt

überall des Herrn!

Da ruht die arme holländiſche Frau nun fern von den Ihrigen, die keine Kunde von ihrem Schickſale haben müſſen, denn noch nie iſt Jemand gekommen, das einſame Sandgrab mit Blumen zu ſchmücken.

Ob ſie überhaupt noch Lieben hat, die ihren frühzeitigen Tod beweinen, die vielleicht heute noch auf ihre Rückkehr hoffen, obgleich vor der kalt und beſonnen überlegenden Ver nunft der letzte Hoffnungsſtrahl ſchon längſt erloſchen ſein müßte? Wer ſie geweſen? Was das in der Jugendblüte dahingeſchwundene Leben einmal Alles bewegt haben mag? Es gehört nicht viel Phantaſie dazu, ſich ein Bild von dieſer verſchleierten Vergangenheit zu machen; es möchte faſt als eine Entweihung der einfachen Geſchichte erſcheinen, wenn man künſtliche Romantik hineinzuweben verſuchen wollte.

Sollte man aber nicht als gewiß annehmen können, daß ſie die Frau des unglücklichen holländiſchen Kapitäns war, der Schiff und Leben auf den Helgoländer Klippen verlor?

Er muß noch ein junger Mann geweſen ſein, ein braver, ſturmerprobter Seemann, der ſich von Jugend auf dem be ſchwerlichen Berufe gewidmet hatte. Wie ſein Herz aber auch an der weiten Waſſerwüſte gehangen haben mag, die ſo viele ſeines Gleichen bezaubert und blendet, es barg auch noch eine andere Liebe in ſich, die es vielleicht jahreläng in ſich getragen und die es durch die halbe Welt begleitet hat.

Mit raſtloſem Streben hat er nach ſchweren Kämpfen mit den Elementen und der Ungunſt ſoeialer Verhältniſſe ſich endlich eine Exiſtenz gegründet, die ihm erlaubt, das von Jugend auf geliebte Mädchen vor den Traualtar zu führen; der Rheder, auf deſſen Schiffe er bisher als Steuermann ge dient hat, überraſcht ihn bei der Rückkehr von einer glücklichen, gewinnbringenden Reiſe damit, daß er ihm das Commando eines ſeiner Fahrzeuge überträgt.

Ueberglücklich eilt der junge Kapitän zu ſeiner Braut, die inzwiſchen daheim die Jugend vertrauert und über die Trennung manche bittere Thräne geweint hat. Bei ſeinem plötzlichen Erſcheinen röthen ſich ihre bleichgewordenen Wangen wieder, ſie fliegt ihm entgegen, preßt die Hand auf das

klopfende Herz, das die Bruſt zerſprengen will, er ſagt ihr 2 welches Glück er gehabt und daß er ſie noch vor der en Reiſe heirathen will, die Thränen, dieſes Mal Freudenthränen, ſtürzen ihr in die Augen, und ſtumm

nkt ſie an die Bruſt des geliebten Mannes. Die Kirche hat das junge Paar eingeſegnet; es folgen ein paar herrliche Flitterwochen; aber ſie dürfen nicht lange

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dauern, der Seemann muß wieder hinaus auf das Feld ſeiner Pflicht, ſeines Berufes.

Welch trauriger Abſchied! Wie der junge Mann mit dem wettergebräunten energiſchen Geſichte das in Thränen zer⸗ fließende zarte Weib an ſeine Bruſt drückt, wie er ihr tröſtend ſagt:Sei ruhig, in zwei bis drei Monaten bin ich wieder wohlbehalten bei dir!

Die Stunden werden ihr in der Einſamkeit des kleinen Haushaltes zu Tagen, die Tage zu Wochen und Monaten. Wer kennt nicht die Qualen des Wartens auf einen geliebten Gegenſtand?

Aber endlich kommt er doch! Vom Lootſenthurme wird ſein Schiff ſignaliſirt, und bald iſt es auch den unbe⸗ waffneten Augen in Sicht. Sie, die bei der erſten Kunde auf den Hafenkai geeilt iſt, hat es ſchon längſt an dem ge⸗ flickten Marsſegel erkannt. Die Leute wundern ſich über die auffällige Erregung der jungen Frau, die, am Rande des Bollwerks ſtehend, ſtarr auf die See hinausblickt, und für die nichts auf dem feſten Lande zu exiſtiren ſcheint; ſie winkt mit dem weißen Tuche noch lange vorher, ehe man ſie und daſſelbe vom Schiffe her erkennen kann, ſie weint und lacht abwechſelnd und ſagt haſtig einem Jeden, der an ſie hinantritt, das ſei die Galeaſſeſo und ſo, Kapitän, und der Kapitän ſei ihr Mann.

Nun fällt der Anker; ein Boot ſtößt vom Schiſſe ab. Wie wacker die kräftigen Arme der Matroſen die Riemen auch führen mögen, ihr ſcheint ſich die Jolle doch wie eine Schnecke zu nähern. Sie erkennt ihn, am Hinterſteven ſtehend, das Ruder führend, jetzt winkt er ihr, er wirft lachend das Ruder herum, und das Boot liegt am Bollwerk. Mit einem Sprunge iſt er auf dem Kai, ſie liegen ſich Beide in den Armen, aber das Entzücken des Wiederſehens läßt ſie nicht zu Worten kommen.

Was habe ich in deiner Abweſenheit gelitten! ſtammelt

ſie.O geh' doch nicht wieder von mir! aber du mußt es ja, es iſt dein Beruf. Das nächſte Mal wirſt du mich aber mit dir nehmen gleichviel wohin, ich kann nicht

ohne dich leben. Deine Hand darauf! Willſt du es mir ver⸗ ſprechen?

Du, zartes Kind, auf der wilden See? Ich ſelbſt habe ſchon daran gedacht, aber du wirſt es nicht ertragen können.

An deiner Seite? O wie ſchwach hältſt du doch die Frauen und ihre Liebe!

Gut, du wirſt mich auf der nächſten Reiſe begleiten; wir werden uns ſchon in der kleinen Kajüte einrichten, und der Rheder wird nichts dagegen haben, er kann dann deſto ſicherer auf meinen Eifer und meine Wachſamkeit rechnen.

Der Rheder hatte auch nichts dagegen, daß der junge Kapitän ſeine Frau auf die nächſte Reiſe mitnahm. Wie ihr das Herz weit wurde beim Blicke auf die unendliche See, wie ſie ihn umfaßte und erglühend flüſterte:

Es iſt doch ſchön, das Weib eines Seemannes zu ſein!

Zur Antwort küßte er ſie lächelnd auf die Stirn.

Noch ſechs, ſieben, acht Jahre, und er iſt ein unabhängiger, wohlhabender Mann; er träumt im Geheimen ſchon davon, wie er ſich dann in der Vaterſtadt zur Ruhe ſetzen und nur Frau und Kindern leben wird.

Da verdüſtert ſich plötzlich der Himmel, der Sturm bricht los.

Geh' in die Kajüte hinab und lege dich nieder, liebes Kind, bittet er ſie,du kannſt ganz ruhig ſein, ich wache für dich und mein Schiff. 3

Lächelnd antwortet ſie ihn.O, ich fürchte mich nicht; uns Beiden wird der liebe Gott gewiß gnädig ſein. Und ſie geht gehorſam in die Kajüte und legt ſich zur Ruhe, um den geliebten Mann nicht durch Mistrauen auf ſeine See⸗ mannsgeſchicklichkeit zu kränken.

Wer weiß, was weiter unter der Felſenküſte von Helgoland geſchehen iſt, von der das rothe Leuchtthurmslicht warnend weit in die See hinausſtrahlt?

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