Höhe erreicht. Von hier ab bis Trieſt mußten wir ſehr unter der Kälte leiden, die vorzüglich im iſtriſchen Gebirge während der Nacht ſo heftig wurde, daß es unmöglich war, uns zu erwärmen. Als wir dann aber am Morgen am Adriatiſchen Meere nach Trieſt hinunterfuhren, trat der Wechſel des Klimas und die Luft Italiens belebend und erfriſchend
an uns heran.
Am 21. blieben wir in Trieſt und beſuchten Abends das Theatro grande, wo der Prophet in italieniſcher Sprache aufgeführt wurde. Nachts 12 Uhr dampften wir nach Venedig ab. Die Fahrt ſoll eigentlich nur ſechs Stunden dauern, aber durch einen gewaltigen Nebel, der uns gegen Morgen um⸗ hüllte, wurden wir vier Stunden länger auf dem Meere um⸗ hergetrieben und erblickten endlich erſt gegen 10 Uhr den be⸗ kannten Markusplatz.
Bis zum 26. blieben wir in Venedig, Die Stadt iſt ein wahres Wunder, ein Märchen aus verklungener Sagen⸗ welt. Bei jedem Schritte wird man an die ehemalige Größe erinnert. Außer den unendlichen Reichthümern, die in den Kirchen aufgehäuft ſind, machte auf mich das eigenthümliche Straßenleben einen ganz beſonderen, befremdenden Eindruck. Wagen und Pferde gibt es nicht— es werden nur zwei Pferde als Curioſität im Jardino publico gehalten—; daher herrſcht in der ganzen Stadt überall eine feierliche Sonntags⸗ ſtille, die nur durch das fortwährende Schreien der Verkäufer in den Straßen und durch das Läuten der Glocken unter⸗ brochen wird.
In politiſcher Beziehung ſieht es hier ſehr troſtlos aus. ²) Die Venetianer verkehren mit den Oeſterreichern gar nicht, beſonders nicht mit dem Militär; ja ihr Haß gegen Alles, was deutſch heißt, geht ſo weit, daß uns mehrere Herren in einem Cafs erſuchen ließen, nicht in unſrer Mutterſprache zu reden. Das Mistrauen gegen die Deutſchen muß naturge⸗ mäß bei jedem Fremden ein höchſt unbehagliches Gefühl er⸗ zeugen.
Doch weiter in der Reiſe!
Den 26. Abends 10 Uhr Abfahrt per Dampfer nach Trieſt; wieder ſtatt 6 Stunden 10 gefahren. Den 27. bei ungünſtigem Wetter in Erwartung der Dinge gelangweilt. Am 28. Vormittags lichteten wir die Anker. Wir hatten einen der ſchönſten und comfortableſten Lloyddampfer und ganz intereſſante Geſellſchaft, aus allen Nationen zuſammengeſetzt. Die erſte Kajüte war mit 30 Perſonen vollſtändig beſetzt, die ſich zum Dejeuner und Diner während der beiden erſten Tage unſrer Seefahrt recht pünktlich und fröhlich verſammelten. Aber am dritten Tage, nachdem wir in Korfu Kohlen eingenommen, begann die See hoch zu gehen, und nun verſchwanden nach und nach Alle in ihren Cabinen. Ich war einer der Erſten, die ſich zurückziehen mußten, und ſo kam es denn, daß ich gerade meinen Geburtstag, vollſtändig mit meinen inneren Verhältniſſen beſchäftigt, im Bette zubrachte. Das Einzige, was ich zur Feier des Tages zu mir nahm, waren drei Gläſer Limonade. Hübſch war übrigens, daß meine beiden Berliner Reiſegefährten, die mit mir in einer Cabine lagen, an meiner ſtillen Feier recht innig Theil nahmen.
Als Alles überwunden und das Meer ſich wieder einiger— maßen beruhigt hatte, langten wir heute Vormittag hier an. Wir wurden ſofort von einer Unmaſſe farbiger Geſtalten in den bunteſten Trachten in Beſchlag genommen und nach vielen Kämpfen glücklich in ein Hotel gebracht. Ueber das Leben und Treiben hier in Alexandrien nächſtens mehr.
Viele Grüße.
Dein P. S. Die Luft iſt wundervoll: der reine Sommer! Wir ſitzen am offnen Fenſter und ſchwitzen— am 3. December!
Cairo, den 17. December 1861. Lieber Vater! Nimm aus weiter Ferne meinen Neu⸗ jahrswunſch.—
Man vergeſſe nicht, daß der Brief im Jahre 1861 geſchrieben iſt.
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Hier, wie in Alexandrien, glaubt man ſich in eine un⸗ geheure Maskerade verſetzt, ſo bunt und vriginell ſchieben und drängen ſich die verſchiedenen Raſſen des Orients zu Fuß, zu Eſel, Kamel, Pferd oder Wagen an Einem vorüber. Je ſchwärzer Jemand iſt, deſto bunter kleidet er ſich. Mitunter iſt die Zuſammenſetzung der Tracht ſo ſonderbar, daß man vollſtändige Caricaturen vor ſich hat. Die Frauen ſpielen eine ſehr untergeordnete Rolle. Ein dichter, ſchwarzer oder weißer Schleier verdeckt ihr Geſicht und läßt nur zwei mit ſchwarzer Farbe umzogene Augen erblicken, die meiſt einen wehmüthig gedrückten Ausdruck haben. Im Uebrigen beſteht die Frauentracht aus einem weiten, vorn offenen Ueberwurf mit weiten Aermeln und einem über den Kopf gehängten, bis zur Kniekehle reichenden Tuch von demſelben Stoff. Bei den Vornehmen kommen dazu noch lange faltenreiche Hoſen und gelbe Schuhe. Manchmal lüftet eine Frau den Schleier ein wenig und man erblickt dann ein eben nicht ſchönes Geſicht von gelbgrauer Farbe mit hervorſtehendem großen Munde.
Die Städte, vorzüglich Cairo, ſind echt orientaliſch: meiſt enge, unregelmäßige Gaſſen, deren Häuſer ſo nahe zu⸗ ſammenſtehen, daß man ſeinem vis-Avis die Hand reichen kann. Die breiteren Straßen ſind oben mit Matten oder Brettern belegt, damit die Sonnenſtrahlen die Bewohner nicht beläſtigen können. Unten in den Häuſern iſt ein Laden neben dem andern, d. h. Läden, die ich nur große viereckige Löcher nennen kann ohne Thür und ohne Fenſter. Darin ſind aber alle Schätze des Morgenlandes ausgebreitet. Man ſieht die prachtvollſten Seidenwaaren, Teppiche, Waffen, Edelſteine und Gott weiß was Alles in Unmaſſen.
Die Straßen ſind nicht gepflaſtert und daher, ſobald es nur ein klein wenig geregnet hat— was übrigens ſelten vorkommt— faſt unpaſſirbar, denn dann miſcht ſich der auf⸗ geweichte Boden mit den Maſſen von Abfällen und Unrath, die man, um ſich ihrer zu entledigen, aus den Häuſern einfach auf die Gaſſe wirft. Von Reinlichkeit iſt überhaupt keine Spur bemerkbar und, was die Sache noch ekelhafter macht: un⸗ zählige herrenloſe Hunde von ſcheußlichem Ausſehen treiben ſich in dem Koth umher und ſuchen darin ihre Nahrung.
Bei Eintritt der Dunkelheit iſt Jeder auf der Straße Gehende verpflichtet, eine Laterne bei ſich zu führen. Es iſt das ein Erſatz für die noch fehlende Gas- oder Lampenbe⸗ leuchtung. Wer ſich dem Gebote nicht fügt, kann leicht in die unangenehme Lage kommen, von einen Kavaſſen(Polizei⸗ mann) arretirt zu werden und die Nacht auf der Wache zu⸗ bringen zu müſſen.
Außerdem thut man gut, ſtets einen Stock oder eine Peitſche bei ſich zu tragen, erſtens um ſich vor den Hunden zu ſchützen, und dann um ſich die Araber vom Leibe zu halten, die eine heilloſe Angſt vor derartigen Inſtrumenten beſitzen. Ueberhaupt iſt das ganze Volk furchtbar feige und dumm. Alles, was ſie anfaſſen, geſchieht ſo unpraktiſch, wie möglich; ſich eine Arbeit bequem zu machen, verſtehen ſie nicht.
Da ich gerade von der Dummheit der Araber rede, muß ich eines Ereigniſſes erwähnen, das uns beinahe das Leben hätte koſten können. Wir fuhren von Alexandrien auf der Eiſenbahn hierher. Nur ein Schienenſtrang verbindet beide Punkte, Bahnwärter gibt es nicht; von Zeit zu Zeit iſt eine Station, d. h. ein paar Lehmhütten, bei denen auf kurze Strecken doppeltes Geleiſe liegt. Wir waren ungefähr auf der Hälfte des Weges, als wir durch ein fortwährendes Pfeifen unſerer Locomotive veranlaßt wurden, zum Wagenfenſter hin⸗ aus zu ſehen. Da erblickten wir denn einen Zug, der mit ebenſo raſender Schnelligkeit, wie wir ſelbſt fuhren, uns ent⸗ gegen kam. Nur den angeſtrengteſten Bemühungen unſres Locomotivführers gelang es, unſern Zug zum Stehen und ſo⸗ fort zum Rückwärtsgehen zu bringen; wenige Secunden länger hätten genügt, den Zuſammenſtoß zu bewerkſtelligen. So fuhren wir denn ebenſo ſchnell wieder zurück bis zur nächſten, eine halbe Stunde entfernten Station und ließen dort den
andern Zug, einen Güterzug mit zwei Arabern, die nicht im
Entfernteſten an ein Halten gedacht hatten, an uns vorüber⸗ ſauſen. Während der ganzen Zeit ſtanden wir an den offenen
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