Er will mich zerfleiſchen!? Die treue Pflegerin weckte den unglücklichen Träumer. Das Phantaſiebild wich aber nicht von ihm. Er umklammerte zähneklappend mit den mageren Fingern des Mädchens Arm und forderte Troſt, Hülfe von ihr. Zitternd mahnte ſie:(Herr Baron, befreien Sie Ihre Seele, geben Sie der Tochter Aaron's ihr Vermögen zurück!» (Ich will, nimm'“s, trag's fort!? Damit ſank er in das heiße Kiſſen und war hinüber.“
Der Maler ſchwieg. Große Thränen rannen
Margarethen's tieferbleichte Wangen. Hochberg blickte forſchend von ihr nach Weikert, von Weikert nach ihr. Wieiel verlangen Sie“, klang es plötzlich hohl hinter den Dreien, daß ſie beinahe entſetzt die Köpfe wandten, „wieviel verlangen Sie für die Bewahrung des Geheimniſſes?“ Alexander ſtand wieder in der Thür.
Weikert erhob ſich:„Herr Graf, Sie können mich über⸗ haupt nicht mehr beleidigen; ich vergebe Ihnen alſo. auch dies ſchmachvolle Anerbieten. Uebrigens hat Ihre edle Mutter bereits hinlänglich die Schuld Ihres Großväters zu ſühnen geſucht. Sobald Ihre Amme der Gräfin Falkenſtein anver⸗ traut, was ſie beſſer unterdrückt hätte, ging Ihre Mutter die meinige in der zarteſten Form brieflich an, mich, den acht⸗ jährigen Knaben, ihr zur Erziehung und Ausbildung zu über⸗ laſſen. Ich ſollte in Ihrem Schloſſe neben Ihnen emporwachſen, aber noch heute, und heute tauſendfache danke ich's meinem wackern Vater, daß er in unſer Aller Namen die Forderung der guten Gräfin ſo höflich, wie ſie geſtellt war, ablehnte und
mir ſeine ſtarke Hand auf die Stirn legte:„Durch mich ſollſt
du zum Mann werden, durch Niemand anders!„ Sie, Herr Graf, verſtehen wohl kaum, was ſich in ihm regte. Wir Bürgerlichen nennen das Bürgerſtolz.“
„Ah, ſo!“ ziſchte Alexander durch die Zähne,„und aus dieſem Bürgerſtolz will der Herr Vetter—“
„Pardon, Herr Graf“, lächelte Weikert,„ich lege durch⸗ aus kein Gewicht auf unſere zudem ſehr entfernte Verwandt⸗ ſchaft!“
„Nicht? Weswegen hätten Sie uns die Piſtole auf die Bruſt geſetzt?“
Der Künſtler fühlte ſich immer launiger geſtimmt und erwiderte geſchwind:„Hat Jemand in meiner Hand verbotene Waffen bemerkt?“
„Sie wiſſen ſehr gut, wie ich es meine. Sie ſollen jetzt
aber auch über mich klar werden!“
„Ich glaube, es bereits in allen Punkten zu ſein!“ war die ironiſche Antwort.
„Nein, Herr! Erſt jetzt erfahren Sie, daß ich in Ihrem Atelier nur brüsk auftrat, um Ihnen den Abſtand zwiſchen uns deutlich zu machen.“
„Den Zweck hatten Sie ſchon nach zwei Worten voll— kommen erreicht!“ beſtätigte der ſatiriſche Künſtler.
Der Offizier verſtand den Doppelſinn nicht; denn er ging ohne Heftigkeit weiter:„Ich war längſt unter der Hand in Kenntniß geſetzt von dem abſonderlichen Intereſſe meiner Schweſter für Ihre Perſon.“
„Ein Intereſſe“, gab Weikert zu,„das in vollem Maß Erwiderung fand!“
„Eben dies befürchtete ich und wollte durch einen Bruch zwiſchen uns Beiden das Aeußerſte abwenden.“
„Was beliebt Ihnen das Aeußerſte zu nennen, Herr Graf?“
„Was in dieſer Stunde geſchehen. Zwar hatte ich keine Ahnung, daß Sie der Sohn jener Mamſell Aaron ſind—“
„Graf!“ fuhr Hochberg ſtürmiſch auf.
„O, bemühen Sie Sich nicht, lieber Herr Baron!“ be⸗ ſünftigte Weikert.„Laſſen Sie den Sprecher gütigſt' zu Ende kommen! Weiter, Herr Graf!“ ſchloß er gebieteriſch, und Alexander ſetzte die Erörterung fort:
„Daß Ihnen gewiſſe Dinge aus der Vergangenheit nicht fremd ſind gibt Ihnen freilich eine Waffe gegen uns—“
„Von der ich einzig und allein zu ihrer Belehrung, ja wenn Sie wollen, zur Beſtrafung Ihrer unzeitigen Hoffarth Gebrauch gemacht!“
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über
ewigen Schlafs auf den Wangen.
„Ich muß mir momentan Manches von Ihnen bieten laſſen“, ſeufzte Alexander.„Indeß Ihren letzten Zweck werden Sie dennoch nicht erreichen, daß iſt geſchworen!“
Weikert ſchüttelte den Kopf:„Mein letzter Zweck iſt, der mein erſter war— die Kunſt! Was haben Sie damit zu ſchaffen?“
„Heucheln Sie nicht, Herr! Sie ſind auf die intimſte Annäherung an uns, Sie ſind auf die Hand meiner Schweſter ausgegangen!“
„Bruder!“ rief Margarethe und ſtürzte in demſelben
Augenblick wie zerſchmettert in den Divan.
„Und wenn es ſo wäre“, brauſte Hochberg von Neuem empor,„ſo würden Sie, Graf Alexander, durch dieſe Ver⸗ bindung nicht erniedrigt, ſondern gehoben; denn der Name Weikert wird ſich höheren Klang gewinnen, als der Name Falkenſtein, der nur durch ſeinen Titel excellirt. Ich würde ſolchem Schwager mit Stolz meine Schweſter in die Arme führen, zumal wenn ſie ihn liebte wie—“
„Wie Comteſſe Margarethe mich nicht liebt, Baron!“ ergänzte der Künſtler mit ausdrucksvoller Geberde, und kreuzte die Arme.
„Sie nicht liebt?“ ſtammelte Hochberg, und gleichzeitig hob das ſchöne Mädchen, dem Weikert abſichtlich halb den Rücken zugewendet, leiſe das hingeſunkene Haupt.
„So iſt es!“ nickte der Maler dem Baron zu.„Der Comteſſe eigener Mund hat mir einſt geſtanden, als unſer Geſpräch von ungefähr das Thema der Ehe berührte, ſie möchte nie einem Mann angehören, der ſchon vor ihr ein geliebtes Weib beſeſſen. Ich ſtimmte ihr aus tiefſter Ueber⸗ zeugung bei; denn auch mir wär es unmöglich, zum zweiten Mal jenem Frühlingsſturm meine Seele zu öffnen, der ſie ein mal durchſchauert hat, nur einmal ſie durchſchauern kann.“
„Sie ſind vermählt geweſen?“ quoll es langſam, Wort
für Wort, erſtaunt über Hochberg's Lippen; Margarethens Lockenhaupt aber hob ſich ſprachlos höher und höher, die Hände blieben gegen die Polſter geſtützt.
Weikert's Ton nahm eine dunklere Färbung an, als er bejahte:„Ich bin vermählt geweſen mit dem holdeſten Ge⸗ ſchöpf der Welt, dem nur ein Weib hienieden noch gleicht an Seele und Leib, an Geſtalt und Augen, in der Sprache, im Gang, wie eine Zwillingsſchweſter. Dort ruht ihr Eben⸗ bild!“ Er deutete auf die Comteſſe, kehrte ſich zu ihr und ſchaute ſie mit unbeſchreiblicher Innigkeit an.„So glänzte ihr Haar, in ſolchen Wellen floß es um den Nacken! O Erinnerung, du mächtige Zauberin!“
Die Begeiſterung, welche die letzten Worte durchdrang und ſich auf der Stirn des Künſtlers ſpiegelte, übte einen Eindruck auf die Comteſſe, von dem ſie ſich ſelbſt nicht ſo⸗ gleich klare Rechenſchaft ablegen konnte. Noch wenige Minuten zuvor war der Beſitz dieſes Mannes ihr entzückendſter und quälendſter Gedanke geweſen; jetzt flutete weder Wonne noch Schmerz mehr durch ihr Gemüth. Ein wunderbarer Frieden war auf ſie herabgethaut, eine Art Verklärung umfing ſie innen und außen. Sie vermochte ruhevoll den großen Blick des Mannes zu ertragen, ja die Leidenſchaft ward nicht neu in ihr entfacht, als der Künſtler ſich jetzt vor ihr niederwarf, ihre durchſichtigen Finger an ſich zog, ſeinen Mund auf ihnen in langem, heißem Kuß ruhen ließ und das Geſtändniß aus⸗ ſtrömte:„Sie erſchienen mir, Comteſſe Margarethe, und, wie jetzt, hätte ich an jenem Abend zu Ihren Füßen ſtürzen
mögen und weinend aufjauchzen:(hab' ich dich wieder, mein
ſüßes, verlorenes Kleinod!? Der Tod trat vor mir ins Leben zurück, mein Ideal ſtand friſchverkörpert da in allem Blütenglanz der Jugend, nicht mehr die weißen Roſen des In Ihnen betete ich das Gedächtniß der Hingeſchwundenen an, Sie wurden meine Muſe, die meine gramerſchlafften Adern mit Thatkraft füllte, meine Phantaſie mit Geſtaltungstrieb, und den Geſtalten hauchten Sie Charakter ein, den rohen Formen gaben Sie
Farbe. Darum gebührt Ihnen das Werk, das meinen Ruf
gegründet. Ich übertrieb nicht, wenn ich ſagte, Sie hätten


