Jahrgang 
1867
Seite
579
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es mehr geſchaffen als ich! O, o! Und im Tiefſten über⸗ wältigt preßte der Künſtler ſeine Augen auf die Hand der Comteſſe.

Sanft legte Margarethe ihre Rechte auf ſeine Stirn und ſprach ſo weich wie entſchieden:Stehen Sie auf, mein lieber,

theurer Freund! Dank, tauſend Dank für Ihr rührendes

Bekenntniß! Baron Hochberg ſprach heute Abend, eh' Sie zu mir traten, ein ſchönes Wort das Schickſal laſſe uns meiſt Beſtimmungen erfüllen, die unſrer Willensrichtung zu⸗ widerlaufen. Sagten Sie das nicht, Baron Benno? Hochberg hatte keine Antwort. Der ganze Vorgang er⸗ ſchien ihm traumhaft. Dies Reſultat lag ſeinem Ideenkreiſe durchaus fern, wie hätte er auch an eine derartige Auflöſung des Verhältniſſes zwiſchen Margarethen und dem Maler denken können? Der Comteſſe entging das Motiv ſeines verwirrten Schweigens nicht. Von der Anweſenheit ihres Bruder nahm ſie ſo wenig Notiz, wie die Uebrigen es thaten.Lieber Baron Benno! richtete ſie von Neuem die Rede an Hoch⸗ berg. 8Sie befehlen! Er machte eine ſo jähe Bewegung, wie ein wirklich Schlafender, der plötzlich geweckt wird. Margarethe lächelte ihn ſtillfreundlich an, indem ſie

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wiederholte:Lieber Baron Benno, ich erlebe vielleicht nie einen reichern Tag als den heutigen, der mir das ganze Weſen zweier gleich edlen Männer aufgeſchloſſen; ich freue mich daher doppelt, daß dieſe beiden ſchönen, großen Naturen vor meinen Augen die Hände zum Freundſchaftsbündiß in⸗ einander gefügt. Wollen Sie den Bund noch einmal be kräſtigen, damit er dauernd ſei in alle Zukunft?

Ich darf, verſetzte Hochberg gedrückt,den Antrag nicht zuerſt ſtellen; ich muß abwarten, ob Herrn Weikert an einer Freundſchaft liegt, die er ebenſo leicht entbehren kann. Daß ich mich ihm durch die Beziehungen meines Vaters zu ſeiner Mutter auf ewig verpflichtet fühle, wiſſen Sie ja, Comteſſe!

Doch Sie wiſſen nicht, daß Sie ihm noch in anderm Sinne verpflichtet ſind, bemerkte Margarethe fein.

In des Barons Blick lag die Frage:Was bedeutet das? Ihrer lauten Aeußerung jedoch kam Weikert zuvor, der ſich aufathmend gegen die Comteſſe wandte:Lieberes könnte ich aus dieſem holden Munde nicht hören. Sie machen das Sprichwort zu Schanden, der Prophet gelte nichts in ſeinem Vaterlände. Nun wird Ihr Prophet im Vaterlande bleiben, bis

(Schluß folgt.)

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Die Handwerker in der Ausſtellung..

Das Handwerk hat einen goldenen Boden. Die natür⸗ liche Arbeitskraft des Menſchen, auf welche ihn die Natur an⸗ gewieſen, galt zu allen Zeiten als die ſicherſte Garantie der Exiſtenz; Könige und Fürſten lernten ein Handwerk, weil auch ſie höheren Schickungen unterworfen ſind; der Handwerker⸗ ſtand war die ſolideſte Grundveſte aller Staaten, die ſicherſte Steuerkraft des Landes, die ſicherſte Wehr in Zeiten der Noth und der Kriegsdrangſale.

Jahrhunderte hindurch iſt dies eine Wahrheit geweſen, iſt es heute noch aber wird es ſo bleiben? Die fieberhafte Haſt der Production durch die ewig unermüdliche Kraft der Maſchine, des Dampfes, die Aſſociativn des Kapitals zur Production im Großen, die Herabdrückung der Arbeitspreiſe, die Entwerthung der menſchlichen Arme, ſeit ſie die Diener, die Sklaven der Maſchine geworden, hat in England bereits eine ungeheuere Revolution im Handwerker⸗ und Arbeiterſtande hervorgerufen, ein Proletariat geſchaffen, das mit jedem Jahre mehr wie eine Seuche um ſich greift; Erzeugniſſe, die man nur durch die Gelenkigkeit der Finger mit Hülfe der zarteſten Muskeln und des feinſten Taſtſinnes hervorbringen zu können glaubte, die Maſchine mit ihren eiſernen Fingern verfertigt ſie heute mit einer viel größeren Genauigkeit, als der Menſch es vermag, mit einer Zeit- und Koſtenerſparung, die den Fabrikherrn der Nothwendigkeit überhebt, den Arbeiter ſammt ſeiner Familie zu ernähren, und ſo geſchah die Revolution der Arbeit, deren Folgen nicht abzuſehen ſind.

Ein Spaziergang durch die Maſchinengalerie der Pariſer Weltausſtellung überzeugt uns von der athemloſen Schnellig⸗ keit, mit welcher heute die Fabrikation beſchäftigt iſt, alle nur

denkbaren Bedürfniſſe der Menſchheit, mit allen den Raffinerien

unſerer überciviliſirten Geſellſchaft, zufrieden zu ſtellen. Was mühſam ſonſt die Hand ſchuf, die Tagesarbeit des Meiſters

und ſeiner Geſellen, die ſonſt die Familie des Erſteren ernährte

und wohlhabend machte, den Letzteren ein ausreichendes Brot gewährte; die Leiſtung eines Dutzends von Geſellen und der Lehrburſchen hier wird ſie durch die Maſchine geſchafft, durch das complicirteſte hundertarmige Räder⸗ und Federwerk. Wenige Handlanger genügen, um die gefräßige Maſchine zu bedienen, die immer von Neuem das Rohproduct mit ihren Armen erfaßt, verarbeitet und es als fertiges Erzeugniß nach wenigen Minuten ihrem Herrn und Meiſter abliefert, damit er es auf den Markt ſchicke.

Ein Ungeheuer, dieſe Maſchine! Sie arbeitet, ohne ſich

den Schweiß zu trocknen; ſie verlangt kein täglich Brot, nur

Waſſer oder Wind oder ein paar Pfund Kohlen; ſie wird nicht krank, ſie braucht keinen Arzt, ſie ſorgt für keine Familie, ſie trauert nicht am Sterbebett eines Kindes; ſie zahlt keine Steuern, keine Miethe, ſie hat kein Herz und kein Gefühl, und unheimlich iſt es, dieſes ſeelenloſe Geſchöpf die Verrichtungen des Menſchen erſetzen zu ſehen.

Lange Zeit hindurch waren es nur die großen Fäbrik⸗ zweige, welche den europäiſchen Markt in ſcharfer, immer

größerer Concurrenz mit den allgemeinſten Producten beſchickten. Die Anwendung des Dampfes und die Erfindung der Eiſen⸗ bahnen ſchufen die großen Maſchinenfabriken. Eine Rieſen⸗ maſchine ſchuf die andere, durch Maſchinen wurden Maſchinen gebaut; ſie gewährten den Armen der Menſchen reichliche Beſchäftigung und Brot; es wuchſen Etabliſſements, die Tauſende von Arbeitern ernährten.

Aber die Weber, ſie darbten, ſie hungerten und hungern heute noch. Die Klöpplerinnen, die ſich zu Tauſenden müh⸗ ſam von ihrer Hände Arbeit erhielten, ſie wurden durch die Maſchinen aufs Hungern angewieſen. Die Seiden⸗ und Tuch⸗ wirker wurden brotlos durch die Maſchine, und ſo nagten ganze Arbeiterklaſſen am Hungertuch.

Endlich bemächtigte ſich die Maſchine auch des kleinen Handwerks im Allgemeinen; ſie griff in die ſubtilſten Mani⸗ pulationen ein, in die Handarbeit jedes Einzelnen. Die Näh⸗, Stepp⸗, Stick⸗, Strick und Häkelmaſchinen entriß Tauſenden von weiblichen Händen ihre Arbeit. Wohin die unglücklichen Weſen, die auf die Nadel angewieſen waren, ihre Zuflucht nehmen, wer will das hier berechnen. Es lohnte Manchen nicht mehr zu arbeiten; der Hunger that weh eine große Zahl von ihnen nahm das Laſter auf, und die Hospitale ſahen ihr klägliches Ende..

Aber weiter gingen die Eroberungen der Maſchine, und wenige Jahre genügten, um ihr das ganze große Feld der Handwerke unterwürfig zu machen.

Ich bitte den Leſer, mir in die große Maſchinen Galerie der Weltausſtellung zu folgen. Wir halten uns nicht auf bei den koloſſalen Eiſen⸗ und Stahl⸗Cylindern, bei den unge⸗ heuren Schwungrädern, bei den Luft⸗ und Waſſerpumpen, den Hämmern und Amboßen, und wie die ſchwarzen Giganten mit den Stahlgelenken alle heißen; wir machen ſie zum Gegen⸗ ſtand eines anderen Artikels und treten heute gleich in die

fleißige Abtheilung der Handarbeiten in der franzöſiſchen Galerie,

wenn man ſie noch ſo nennen kann, da eben die Hand hier nur noch der bedienende Sklave der Maſchine iſt.

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