Jahrgang 
1867
Seite
577
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Slluſtrirtes Vollsblatt. Herausgeber: Haus Wachenhuſen.

X. Jahrgang.

1867. 37.

Die

Waffe.

Erzählung von Otto Girndt.

(Fortſetzung.)

6 in dreifacher Ausruf höchſter Ueberraſchung folgte der Ent⸗ hüllung, und die Comteſſe, halb Freude, halb Schrecken im glühenden Antlitz, rief:Sie unſer Couſin?

Was habe ich gethan! grollte der Maler, die Stirn runzelnd, gegen ſich ſelbſt.Die Erinnerung an meine Mutter raubte mir die Beſonnenheit.

Beſonnenheit? ſprach Margarethe gedrückt.Wie ſollen wir das verſtehen? Wollten Sie uns vorenthalten, daß wir die Ehre haben, mit Ihnen verwandt zu ſein?

Margarethe! Und ein zornfunkelnder Blick aus des Bruders Augen ſtrafte die Selbſtdemüthigung der Schweſter.

Der Herr Graf, warf Weikert leicht hin,bemerkt mit Misfallen Ihre Herablaſſung, Comteſſe!

Mein Herr, richtete Hochberg ſich imponirend auf, ich habe mich noch heute mit der Comteſſe über gewiſſe

Vorurtheile und verrottete Anſchauungen ausgeſprochen, und

erkläre frei heraus: Graf Alexander wird nicht wünſchen, ſich vor Einem von uns vollſtändig lächerlich zu machen!

Baron Benno? ſchäumte der Bezeichnete.

Hochberg verbeugte ſich kalt:Meine Meinung, Graf!

Statt jeder Erwiderung ſtampfte der Offizier mit dem wuchtigen Stiefel wild auf den Boden, drehte ſich kurz auf dem Abſatz um und ſchlug die Thür hinter ſich zu, daß Margarethe bei dem Knall in allen Nerven zuſammenzuckte.Um Gott, Baron, was wird er thun? flüſterte ſie angſtvoll.

Was er will! ſagte Hochberg ſo kühl wie vorher. Laſſen Sie ihn gehen, Comteſſe! Vielleicht kommt er zu ſich, vielleicht muß man ihn auf andere Weiſe Raiſon lehren. Er iſt ein adeliger Bauer! O, verzeihen Sie, ſetzte er ſchnell hinzu,aber ich kann das Wort nicht widerrufen! Mir iſt ein Alp vom Herzen, daß er uns verlaſſen! Wollen Sie uns zu ſitzen erlauben? Es drängt mich, dem Sohn der Dame, die mein Vater mit Recht bis zum Tode verehrt, innige Freundſchaft anzutragen, falls der bedeutende Mann den unbedeutenden nicht verſchmäht!

Herr Baron, entgegnete Weikert zurückhaltend,ich bin unzugänglich für Schmeicheleien! Dabei ergriff er, dem Winke der Comteſſe gehorchend, einen Seſſel.

Sie können aufrichtige Hochachtung unmöglich für Schmeichelei nehmen! verwahrte ſich Jener.

In dem Gefühl der Achtung, nickte der Künſtler,

Wachenhuſen's Hausfreund. XK. 13.

begegnen wir uns. Er bot die offene Hand, die der Andere mit Wärme drückte.Doch ich kam hierher, um der Comteſſe Lebewohl zu ſagen.

Verwirrt ſchlug Margarethe die Augen nieder. Hochberg aber lächelte:Ich glaube nicht an Ihren Entſchluß, zu reiſen.

Wie, Herr Baron?

Gewiß, ich glaube nicht daran, nicht mehr daran, betonte er.Comteſſe Margarethe wird den Couſin, den ſie unvermuthet in Ihnen gefunden, an den Ort zu feſſeln wiſſen.

Die Verwirrung der jungen Dame ſtieg durch dieſe etwas kecke, aber in beſter Abſicht gewagte Andeutung ſo hoch, daß Margarethe ſelbſt nicht wußte, was ihr auf die Zunge kam.Sie wollten uns noch mittheilen, Herr Weikert, wie mein Großvater geendet.

Das wollte ich nicht, Comteſſe!

Er iſt eines gewaltſamen Todes geſtorben?

Sie peinigen mich, gnädiges Fräulein! Ihr Bruder

Würde mir nie die Wahrheit ſagen, und ich will ſie wiſſen!

Vielleicht ſcheut unſer Freund, bemerkte Hochberg, meine Gegenwart.

O nein, Baron Benno, widerſprach Margarethe,ich bitte Sie, zu bleiben!

Wenn Sie befehlen, Comteſſe, ſagte Weikert,ſo hören Sie! Aber geſtatten Sie mir, kurz zu ſein! Baron Falkenſtein ging ſchwer aus der Welt. Schon lange Witwer, vereinſamte er nach der Vermählung ſeiner Tochter gänzlich. Die ſpätere Amme Ihres Bruders diente damals als junges Mädchen bei dem grämlichen alten Manne, den Mistrauen gegen alle Menſchen und auch wohl Gewiſſensbiſſe folterten. Er verfiel einem traurigen Siechthum. Die letzten Monate ſeines Lebens durfte er das Bett nicht mehr verlaſſen, ja nicht einmal die Lage darin verändern; denn bei der leiſeſten Berührung ſchrie er vor Schmerz wie ein Thier. Später fand ſich nun ſchaudern Sie nicht, Comteſſe, vor dem ver⸗ hängnißvollen Zufall! in den Rücken des Leichnams die ſcharfe Kante eines Goldſtücks eingewachſen. In der Nacht vor ſeinem Verſcheiden ſaß das junge Mädchen wachend an dem Lager. Der Kranke delirirte: Da, da auf meinem Geldkaſten der große ſchwarze Hund mit den feurigen Augen!

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