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ſtellt ſie öffentlich aus, gibt ihnen eine Nummer, einen Preis und kümmert ſich nicht darum, in welche Hände ſie gerathen. Das gefühlloſe Ding arbeitet, was man will, wie man will, mit ſeiner Nadel, und ſchweigt dazu. Solche Behandlung ließe ſich freilich auch keine gefühlvolle Nähmamſell gefallen: ſie vertrat ihre Menſchenwürde mit Nachdruck.
Nun, es iſt bekannt, daß die Nähmaſchinen, dieſe eiſernen Nähmamſells, noch in ihrem erſten jugendlichen Alter ſtehen. Die eigentliche Erfindung derſelben gehört dem Amerikaner Elias Howe an, der 1846 ein Patent darauf nahm, aber erſt 1849 eine aufmunternde Aufmerkſamkeit beim Publikum damit erregte. Nun fanden ſich auch gleich kluge Leute, welche die Sache beſſer verſtanden wie der eigentliche Vater derſelben, und die ſie auch induſtriell auszunutzen wußten. Mit der Errichtung dreier großer Nähmaſchinenfabriken in Nordamerika, von Singer, Wheeler und Wilſon, Grover und Baker, in den Jahren 1850, 51 und 52, wurde die Näh⸗ maſchine marktläufig, die eiſernen Nähmamſells wanderten hinaus in die Welt und nahmen den Kampf mit dem lieben Geſchlecht der menſchlichen Nähterinnen auf. Nur zu bald gab die alte Nähnadel den Widerſtand auf und anerkannte die Macht und Ueberlegenheit der Nebenbuhlerin mit der neuen Waffe.
Udi neuen Amazonen der Nadel kamen ſelbſtverſtändlich auch nach Deutſchland, und neugierig genug wurden ſie von den Menſchen, die nähen ließen, und ſolchen, die ſelber nähten, betrachtet. Der Deutſche iſt bedächtig, und die alten, weib⸗ lichen Nähmamſells waren ihm lieb. Er beſann ſich lange, ehe er Fleiſch mit Eiſen vertauſchte; er ſchämte ſich gewiſſer⸗ maßen, es zu thun. Nur im Stillen, mit böſem Gewiſſen, hielt ſich ein neugieriger Schneider, Schuſter, Handſchuhmacher, Sattler eine ſolche eiſerne Nähmamſell, ließ ſie arbeiten und fand ihre Stiche vortrefflich. Er ſagte gleichwol Jedem, der es hören wollte, daß die neuen Geſchöpfe nichts taugten, und ließ nach wie vor auch ſeine alten Nähterinnen arbeiten. Aber bald war ihm die eine Nähmamſell von Eiſen nicht genug; er legte ſich eine zweite zu, bald hatte er gar einen Harem und mußte nun wohl ſeinen Concurrenten eingeſtehen, daß er lieber Sultan von eiſernen als von fleiſchlichen Nähterinnen ſein wolle. Wie dies die armen Zurückgeſetzten erfuhren, wollten ſie mit allen Schneidergeſellen zwar ſociale Revolution machen; aber ſie beſannen ſich, ließen das Revolutioniren bleiben und waren klug genug, ſich mit den neuen, eiſernen Sclaven zu verbünden und ſie ſchließlich theilweis in ihren Dienſt zu nehmen. Denn ſie fanden bald heraus, daß ein Vortheil und Glück für ſie war, was ſie anfangs als ihr Verderben betrachtet. Sie vermochten, obwol der Arbeits⸗ lohn durch die Maſchinenarbeit nothwendig im Verhältniß zum früheren fallen mußte, zum Erſatz dafür vier bis ſechs und noch mehr Mal zu arbeiten, und leichter, angenehmer wie ſonſt. Und da die Näharbeit ſich viel billiger wie vor⸗ her ſtellte, ſo wurde auch mehr davon verlangt, und daher
die Nähterinnen in den großen Magazinen und Fabriken wurden trotz der Maſchinen nicht entlaſſen, ſondern, da dreimal, ſechs⸗ mal, zehmal mehr genäht werden mußte, wurden auch überall entſprechend mehr gebraucht.
In Berlin, wo es ſo viele, ſo hübſche und ſo liebens⸗ würdige Nähmamſells gibt, legte ſich die Induſtrie natürlich auch bald darauf, ſelber dergleichen, freilich nur von Eiſen, zu fabriciren. In Amerika, wo dieſe eiſernen wuchſen, waren inzwiſchen verſchiedene Syſteme bei der Fabrikation befolgt worden. Jeder Fabrikant wollte die beſte und vollkommenſte Maſchine liefern; der Eine richtete ſie ſpeciell für Sattler, Schuhmacher oder Schneider ein; der Andere für Wäſche; der Dritte für die Bedürfniſſe einer Fabrikation im Großen, ein Vierter für die Bedürfniſſe der Hauswirthſchaft. In Berlin machte man, wo die Nähmaſchinen gebaut wurden, all dieſe Syſteme nach, um allen Bedürfniſſen zu genügen; aber es war klar, daß damit die amerikaniſchen Maſchinen nicht vom Markte verdrängt werden konnten. Denn bei der äußerſt ſauberen und genauen Arbeit, welche die einzelnen Theile der
mehr Geld der Welt der Nadel zugeführt. Kurz und gut,
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Maſchine verlangten, konnte dieſelbe nur dadurch erreicht werden, daß beſtimmte Arbeiter immer nur beſtimmte Theile möglichſt vollkommen herſtellten, nicht aber an verſchiedenen Theilen des Ganzen ſich verſuchen mußten. So übertrafen die Amerikaner die Berliner nach wie vor und beherrſchten auch an der Spree den Markt. Die originalen Grover und Baker⸗Maſchinen blieben beſſer wie die hier nachgemachten, und die amerikaniſchen Wheeler und Wilſon'ſchen, welche vor Allem an die Wünſche der Familienmütter appellirten, brauchten ſich vor den Berlinern nicht zu fürchten.
Heute iſt es mit dieſem Zweig der Berliner Induſtrie viel beſſer geſtellt. An größeren Nähmaſchinenfabriken in der preußiſchen Hauptſtadt gibt es fünf: Beermann, Böcke, Pruckner, Schöning und Friſter& Roßmann; dazu noch mehrere kleinere. Gegen dreihundert Arbeiter mögen in dieſem Fach beſchäftigt werden, und die jährliche Production von 4000 Maſchinen dürfte jetzt anzunehmen ſein, was ein Kapital von ½ Million repräſentirt. Die verſchiedenſten Syſteme ſind dabei vertreten und neuerdings ſind es nur Friſter& Roßmann, Leipziger⸗ ſtraße 112, welche ſich durchaus auf Herſtellung der als am meiſten praktiſch bewährten Maſchinen nach dem Syſtem Wheeler und Wilſon beſchränken. Und damit haben ſie es erreicht, daß ſie verhältnißmäßig den meiſten Abſatz erzielen und als wirkliche und glückliche Concurrenten der Amerikaner mehr und mehr Terrain gewinnen. Lieferten ſie 1865, beim Entſtehen ihres Geſchäfts, nur etwa 250 Maſchinen in den Handel, ſo 1866 ſchon 400, und mit der größeren Vollkommen⸗ heit ihrer Fabrikate ſtellen ſie jetzt 30 Maſchinen in der Woche, alſo im Jahre circa 1500 Stück. Ihre Wheeler& Wilſon⸗ Maſchinen ſind als die beſten dieſes Syſtems anerkannt und werden dort, wo nun einmal viel auf Herkunft geſehen wird, auch für richtige amerikaniſche genommen. Sie wandern nach Oeſterreich, Rußland, Schweden, Italien, und treten hier als deutſche Fabrikate ebenbürtig neben den amerikaniſchen auf, haben in Berlin ſelbſt den Import namentlich anderer deut⸗ ſcher Maſchinen, wie der Pollack'ſchen in Hamburg, der Baer & Rempel ſchen in Bielefeld, ziemlich beſchränkt. Und da ſie außerdem merklich billiger ſind als die Amerikaner, ihre Maſchinen ſchon von fünfzig Thalern alle Dienſte der echten Wheeler und Wilſon ſchen Achzig⸗Thaler⸗Maſchinen leiſten, ſo iſt klar, daß die Berliner Induſtrie auch auf dieſem Felde immer größeren Aufſchwung finden wird.
Es iſt wahr, worüber wir einen Stoßſeufzer als Ein⸗ leitung nicht unterdrücken konnten, mit den alten Nähmamſells und mit der Poeſie der Nadel iſt es aus; aber, Gott ſei Dank, Nähmamſells werden nicht nur bleiben, ſondern auch ſich vermehren und einen ganz anderen, höheren Charakter er⸗ halten. Wir erfinden die Maſchinen, um die menſchliche Arbeitskraft ſo viel als möglich nur zu geiſtiger Thätigkeit zu verwenden, um den Menſchen ſeinem wahren Berufe, der denkenden Thätigkeit, mehr und mehr zuzuführen. Nun, alle Achtung vor dem Geiſt unſerer menſchlichen Nähmam⸗ ſells, wie ſie ſeither gelebt; aber wir wetten darauf, nun ſie ſich eine eiſerne Nähmamſell halten können, fühlen ſie ſich nicht hlos mehr Herrin als Dienerin der Nadel, ſondern ſie denken auch über mehr nach als über Oskar, der Abends um neun Uhr unten in der Hausthür ſie zum Begleiten erwartet. Da ſitzt nun ein hübſches, junges Mädchen(und warum ſollen wir uns ein anderes denken²) in dem Atelier mit zwanzig anderen zuſammen, vor der Nähmaſchine; ihre Füßchen ſtecken in den eiſernen Pantoffeln und laſſen das Rädchen ſchnurren; die Leinwand, aus der ein Hemd gemacht werden ſoll, wird von ihrer Hand unter die raſtlos arbeitende Nadel geführt und ſie gibt nur Acht, daß die Nadel ſo zuſticht, wie ſie es haben will. Die angenehmſte Beſchäftigung von der Welt für eine Nähmamſell, und ſie bekommt bei dem Ticke⸗Tacke curioſe Gedanken. Bringt ſolche Maſchine, fragt ſie ſich unwillkürlich, die menſchliche Arbeit mit der Nadel um? Nein, antwortet ſie ſich, im Gegentheil; das Nähen wird eine ariſtokratiſche Kunſt und es wird auf Näharbeit viel mehr Gewicht gelegt. Und dabei betrachtet ſie wohlgefällig den Doppel⸗Steppſtich, den die Friſter& Roßmann'ſchen Nähmaſchinen ebenſo ſchön
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