Jahrgang 
1867
Seite
563
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unddreißigſten Jahre

dem Bankerott Aaron's entfremdet. Der Freiheitskrieg war eine Erntezeit für ihn geweſen. Er erbot ſich damals zu Lieferungen für die Armee; man übertrug ſie ihm. Die Leute im Städtchen fragten ſich untereinander, woher er die Mittel dazu habe, und die Fama antwortete: durch das Geld um das er den armen Aaron gebracht. Nach dem Kriege'ſtand der Armee⸗Lieferant ſo begütert da, daß er geadelt werden konnte. Den Glauben ſeiner Väter abzulegen, koſtete ihm keine Ueberwindung. Anders verhielt ſich Aaron gegen die Religion. Er lächelte für ſeinen Theil über die Orthodorie der meiſten ſeiner Glaubensgenoſſen, blieb aber dem anerzogenen Bekenntniß treu, weil er meinte, man könne als Jude ebenſo gut Chriſt, wie als Chriſt Jude ſein. Nur ſeinen Kindern gab er den Rath, ſich taufen zu laſſen, und die zuvor erwähnte liebens⸗ würdige jüngſte Tochter trat ſpäter, als ihr ein Staatsbeamter die Hand bot, zum Proteſtantismus über. Dieſelbe Confeſſion hatte auch Falk angenommen, dazu den Namen und das Wappen eines Barons Falkenſtein.

Ha! fuhr hier Graf Alexander aus ſeiner Schein⸗ erſtarrung auf,Menſch, woher wiſſen Sie davon?

Ah, Sie wußten alſo auch ſchon davon! verſetzte Weikert gelaſſen.

Aber ich nicht, ich keine Silbe! fiel Margarethe vibrirend ein.

Ich kann es Ihrer vortrefflichen Mutter, Comteſſe denn ſie war eine edle Natur

Sie kannten auch unſere Mutter? forſchte die junge Dame haſtig.

Nur vom Hörenſagen. Ich kann es ihr keineswegs verdenken, daß ſie die Vergangenheit ihres eigenen Vaters aus Pietät mit einem dichten Schleier zu bedecken ſuchte, beſonders nachdem ſie Gemahlin des zufällig gleichnamigen Grafen geworden. Ueberdies wurde Gräfin Falkenſtein erſt ſpäter durch die Amme Ihres Herrn Bruders Weikert deutete dabei ſeitwärts auf Alexandervom Urſprung der

Mitgift, die ſie Ihrem Herrn Vater zugebracht, unter⸗ richtet. So hat Ihnen, platzte der Cavalerie⸗Offizier unvor⸗ ſichtig heraus,meine Amme auch ausgeſchwatzt, wie mein Großvater geendet?

Nein, Herr Graf, entgegnete der Maler feſt,ich weiß es indeß von einer andern Perſon, von der jüngſten Tochter des alten, weiſen Juden Aaron. Hieß jene Tochter nicht Julie, mein Herr? rief Baron Hochberg, der ſchon lange mit faſt athemloſer Aufmerkſamkeit zugehört. 3

Weikert ſtutzte, förmlich betroffen, und ſchaute den Fragen⸗ den durchdringend an, bis dieſer mit hörbarer Rührung im Ton fortfuhr:Ich frage nicht aus leerer Neugier, mein Herr! Eines Juden Aaron, eines Mannes, ganz wie Sie ihn geſchildert, und ſeiner hochherzigen Tochter Julie gedachte mein Vater noch auf dem Todtenbette mit Dankbarkeit als der bravſten Menſchen, die er je gefunden. Als Offizier war er im Freiheitskriege ſchwerverwundet vom alten Aaron ins Haus genommen worden, und das feingebildete Mädchen hatte die niedrigſten Dienſte bei dem Kranken verrichtet, bis er hergeſtellt war. Jeden Verſuch, ſie für ihre unendliche Sorgfalt zu entſchädigen, wies ſie ſo zart wie beſtimmt zurück. Mein Vater iſt ihr Schuldner geblieben, ich habe die Schuld geerbt. Sagten Sie nicht, Julie ſei die Gattin eines Beamten geworden? Wo find' ich ſie, daß ich ihr wenigſtens die Hände küſſe? Wo find' ich ſie? In der feurigen Aufwallung, die ſich Hochberg's bemächtigt, trat er dem Künſtler raſch ganz nahe und fragte zum dritten Mal:Wo find' ich ſie?

Im Grabe! ſprach Weikert dumpf und drückte die Hand vor die Augen.

Der Baron wich betreten einen Schritt:So war die ſeltene Frau Ihnen theuer?

Sehr theuer, Herr Baron; ſie war meine Mutter!

(Fortſetzung folgt.)

Das induſtrielle ßerlin.

Entſetzliches Zeitalter, in dem Alles, was ſo altbewährt, ſo gut, ſo ehrwürdig geweſen, gewiſſenlos abſchafft, umgeändert, uüsgetrocknet, verdreht, Lerwechſelt uud verändert wird! Das ſchöne liebe Königthum voll Gottes Gnaden voran muß ſich ſolche rückſichtsloſe Behandlung etfahren laſſen; die Völker wollen mitregieren, raiſonniren und vpponiren, und die Miniſter fangen auch ſchon an, es beſſer wiſſen zu wollen als die Fürſten. Doch alle dergleichen Kleinigkeiten ließen ſich füglich noch vertragen, wenn nur dieſe Sucht und die Unbarmherzig⸗ keit des Zeitalters nicht auch das liebenswürdige und liebe⸗ froheſte Geſchlecht der Menſchheit mit nahe bevorſtehendem Untergang bedrohte. Bald, bei Gott! wird die letzte der alten Nähmamſells dem letzten der Mohikaner ins Grab nach⸗ folgen. Grauſame Welt, die du mitleidslos vernichteſt, was ſo lange zur Freude der Menſchheit ein harmloſes Daſein führte! Die Nähmamſell, die Nähterin ach, ihr jungen Leute, die ihr darnach ſchmachtet, den erſten Kuß von Mädchen⸗ lippen zu ſchlürfen, ihr werdet dieſe erſte That der Liebe ſchwerlich noch, wie eure Vorgänger, gegen den Kampf der alten Nähnadel der alten Nähmamſells beſtehen. Auch ſie ſind jetzt mit Zündnadeln bewaffnet. Es ſtirbt aus, dies gute Geſchlecht, die Marienblumen; die Nähterin mit dem hübſchen Geſicht, in der ſauberen, einfachen Kleidung, dem zierlichen Stiefel, dem kokett hervorſchauenden Bein, die in dem kleinen Zimmer am Fenſter hinter ein paar Blumentöpſchen ſaß und beim Nähen an den Geliebten dachte, an ihren Cana⸗ rienvogel, an den nächſten Ball ſie iſt nicht mehr, und mit ihr ſtirbt nach und nach die alte Garde aus, welche erſt mit dem fünf⸗ der ſüßen, oft genährten Hoffnung auf die Ehe entſagte, und die noch mit Vierzig darauf hielt, ſchmuck **

II. Eiſerne Uähmamſells.

und llieblich in der unſchuldvollen Mädchenhaftigkeit morgens nach dem Hauſe zu wandern, in dem ſie an gewiſſen Tagen zu nähen beſtellt war. Man konnte doch nicht wiſſen! Für 5, 7 ½ Sgr. den Tag nebſt Koſt nähte ſie emſig die Löcher der Wirthſchaft und die Kleider der weiblichen Kund⸗ ſchaft; ehrbarlich plauderte ſie dabei mit der Mama, für die kleineren Kinder war ſie Tante, und war jung⸗männlicher Beſuch da, ſo freute ſie ſich und nahm jede Aufmerkſamkeit mit liebeholdem Lächeln auf, namentlich, wenn ſie hoffte, am Abend nach Hauſe begleitet zu werden. Und ſo ward ſie älter und älter, die Sonne der Hoffnung ging ſchließlich ganz unter; ſie wurde die Freundin der Mütter, die Vertraute der Mädchen, ein liebes, altes Hausmöbel.

Damit iſt's aus! Statt dieſer heiteren, koketten, jugend⸗ lichen Nähterinnen von Fleiſch und warmem Blut hat man ſich kalte, eiſerne gemacht, und die ehrbaren Mütter ziehen dieſe ſchon längſt den lebendigen vor. Die eiſerne Näh⸗ mamſell, heißt es jetzt, iſt fleißiger, zuverläſſiger, billiger, kurz und gut in jeder Hinſicht beſſer. Und ſeufzend hören es und ſehen es die Nähmamſells von Fleiſch und Blut, und ſie räumen entweder mit einer Thräne im Auge den Platz, oder ſie bringen es dahin, für ſich ſelbſt ſolche eiſerne Rivalin zu erwerben und ſchonungslos arbeiten zu laſſen. Was hatte Gott ſonſt für Mühe, ſie zu erſchaffen, und wie lange währte es, ehe ſie nähen konnten, und dann ehe ſie nähen gehen durften! Jetzt machen Schloſſer, Mechaniker, Büchſenmacher die Nähmamſells zu Tauſenden, und ſowie ſie geboren ſind, nähen ſie auch ſchon. Man ſchleppt ſie, zierlich ausgeputzt, beſchlagen, bronzirt, lackirt, in elegante Mäntel gehüllt, ſcham⸗ haft ihre etwas dünnen Beine bekleidet, auf den Markt,