Jahrgang 
1867
Seite
562
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Herr, Sie holen weit aus!

Für einen Stammbaum, um den es ſich handelt, doch eben nicht weit! Im ſiebenjährigen Kriege forderten ruſſiſche Regimenter von einer kleinen Provinzialſtadt eine unerſchwingliche Contribution. Der Bürgermeiſter ſtellte dem feindlichen Befehlshaber die Mittelloſigkeit der Einwohner vor. Der moskowitiſche General aber war von Jugend auf zu viel mit Pferden umgegangen, um noch feinere menſchliche Regungen zu empfinden. Er blieb unerbittlich und drohte mit Brandſchatzung, wenn die Summe nicht binnen vierundzwanzig Stunden bei Heller und Pfennig auf dem Rathstiſch läge. Wollten und mußten die Bürger ſich gleich zu den ſchwerſten Opfern entſchließen, ſo ließ ſich die ruſſiſche Forderung doch nicht befriedigen: es fehlten zehntauſend Thaler. Da trat ein kleiner, jüdiſcher Handelsmann aus der Vorſtadt vor den verzweifelten Bürgermeiſter und bot ihm das Geld. Niemand hatte den Hauſirer für vermögend gehalten. Das Städtchen war gerettet, der Feind zog ab. Der Jude aber ſtand jetzt als Mann von fünfzig Jahren wieder ſo arm da, wie dreißig Jahre früher. Sein einziger Sohn befand ſich ſeit längerer Zeit in einem kaufmänniſchen Geſchäft zu Dresden. Er hörte, was der Vater gethan, und wollte ihn zur Ueberſiedelung nach der ſächſiſchen Reſidenz bereden. Doch die dankbaren Mitbürger mochten ihren großmüthigen Retter nicht von ſich laſſen, drangen vielmehr in den jungen Mann, heimzukehren, und ſtellten ihm Privilegien in Ausſicht, wie bis dahin noch kein Bekenner des Alten Teſtaments ſie in der kleinen Stadt genoſſen. Vater und Sohn errichteten gemeinſchaftlich eine Seidenwaarenhandlung, und in einem Jahrzehnt ſahen ſie den verlorenen Wohlſtand nicht nur wieder erreicht, ſondern verdoppelt. Der greiſe Aaron ſtarb, nachdem ihm noch die Freude geworden, Enkelinnen auf dem Knie zu wiegen. In Leipzig, wohin er alljährlich zur Meſſe reiſte, hatte der Sohn ſeine Lebensgefährtin gefunden.

Weikert hielt einen Augenblick inne. Dieſen benutzte der Graf, um ihm offen ins Geſicht zu gähnen mit der Erklärung: Herr, dieſe Geſchichte halte der Henker aus!

Der Maler verneigte ſich elegant gegen die junge Dame: Soll ich aufhören, Comteſſe?

Margarethe hatte wie gebannt ſeiner Erzählung gelauſcht; ehe ſie antworten konnte, rief Hochberg lebhaft:Wir bitten Sie dringend, fortzufahren!

Ungeſäumt folgte der Künſtler:Ein Schweſterſohn des alten Aaron, Namens Falk er hielt wieder inne, da Graf Alexander eine haſtige Bewegung machte, und ſagte, gegen ihn gewendet:vielleicht feſſelt die Geſchichte den Herrn Grafen von nun an etwas mehr. Alſo, beſagter Falk, der auswärts auf keinen grünen Zweig zu kommen vermocht, wanderte mit Weib und Kind in das Städtchen ein und nahm den Beiſtand ſeines Oheims und ſeines Vetters in Anſpruch. Namentlich der Vetter ging ihm willfährig zur Hand und gründete ihm, ohne Furcht vor der Concurrenz, ein ähnliches Geſchäft, wie er ſelbſt hatte, nahm ihn auch wiederholt mit zur Leipziger Meſſe, um ihn im Waareneinkauf zu unterrichten und ihm kaufmänniſche Verbindungen zu eröffnen. Bei einem ſolchen Aufenthalt in Leipzig ſchlug Falk vor: Aaron möge, da er bereits mehrmals Sehnſucht nach den Seinigen geäußert, allein nach Hauſe reiſen und ihm den Transport der acquirirten werthvollen Stoffe überlaſſen. So geſchah's. Eine Woche ſpäter ſtürzte Falk in Aaron's Wohnung, raufte ſich das Haar und jammerte: er ſei unterwegs angefallen worden, und die Diebe hätten vorzugsweiſe den Laſtwagen geplündert, welcher Aaron's Waaren enthalten. Der Beſtohlene faßte die Hiobspoſt viel leichter auf, als der Berichterſtatter gedacht. Kein Vorwurf kam über ſeine Lippen, daß der Vetter nicht die nöthigen Sicherheitsmaßregeln bei dem Transport ergriffen. Er ſah die Sache einfach als ein Unglück an, in das man ſich fügen müſſe, und ſchloß:Beſſer die Waaren ſind dahin, als du oder ich hätten bei der Rückkehr Einen der Unſern todt gefunden! Den Dieben wird das entwendete Gut keinen Segen bringen. Sprechen wir nicht mehr von dem Verluſt!» Und Falk ſprach in der That nicht mehr davon. Aaron blieb

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immer noch ein bemittelter Mann, ja ſo bemittelt, daß ihm in einer ſtürmiſchen Nacht des folgenden Winters Leute, die über Mein und Dein eigenthümliche Begriffe haben, einen unerbetenen Beſuch abzuſtatten für gut fanden. Zwar ward der Einbruch durch die Wachſamkeit eines Hundes vereitelt, aber am nächſten Tag erſchien Falk mit Beileidsbezeigungen und rieth dem Vetter, damit im glücklicheren Wiederholungsfalle die Schurken auf ein leeres Neſt ſtießen, ihm ſeine Gelder zu übergeben, er wolle ſie bei ſich verbergen, wo ſie ſicherer liegen würden.Wenn du meinſt*, ſagte Aaron,«ſo nimm ſie mit dir!? Es waren beträchtliche Summen. Nach ein paar Monaten reiſte ein polniſcher Jude, dem Aaron und Falk von Leipzig her bekannt waren, durch das Städtchen und kam in Aaron's Haus. Er begehrte ein Geſpräch unter vier Augen mit dem Chef und flüſterte:«Wiſſen Sie, wo Ihre geſtohlene Seide geblieben iſt? Ihr Vetter, der Falk, hat ſie, ich weiß es! Entrüſtet wies der Hörer dem Verleumder die Thür, der ſich ruhig entfernte mit der Mahnung:Sie ſollten nicht trauen, Sie ſind zu gut, wir werden uns wieder ſprechen!? Aaron theilte nicht einmal ſeiner Frau, geſchweige dem Vetter mit, welchen Verdacht ihm der Pole ins Ohr geblaſen; er hatte in ſeiner Art etwas von Nathan dem Weiſen, wie er denn auch das große, damals noch neue Gedicht Leſſing's wörtlich auswendig kannte. Er faßte ſelbſt da noch keinen Argwohn gegen den Blutsverwandten, als dieſer kaum eine Woche nach der polniſchen Viſite wiederum mit ſchreckenbleicher Miene gelaufen kam; nun ſei bei ihm Einbruch verübt worden und Aaron's ganzes Vermögen verſchwunden. Es war ja möglich, daß Falk die Wahrheit ſprach und die Beſtürzung empfand, die ſich auf ſeinen Zügen malte, wie durfte der Vetter ihn ohne jeden Beweis für die Schlange halten, die er an ſeiner Bruſt genährt? Aber der zweite Schlag war von größeren Folgen für Aaron, als jener erſte nach der Leipziger Meſſe; denn in kürzeſter Friſt mußten Zahlungen geleiſtet werden, bedeutende Zahlungen. Stillſchweigend nahm er an, Falk's Erſparniſſe ſeien neben den ſeinigen abhanden gekommen, und fragte deshalb den vermeintlichen Leidensgenoſſen gar nicht erſt:«kannſt du mir helfen? Er rief ſein Weib und ſeine Töchter zuſammen und bereitete ſie ſchonend darauf vor, daß ihr Hausſtand ſich zu einer beträchtlicher Einſchränkung bequemen müſſe, da er ſelbſt am Rande des Bankerotts ſtehe, Die jüngeren Glieder der Familie ertrugen das ſchwere Geſchick mit derſelben Faſſung und Würde, wie ihr Oberhaupt. Der Concurs brach aus Seltſamer Weiſe meldete ſich auch der Vetter Falk mit einer Forderung. Doch ich finde jetzt ſelbſt, ſchaltete Weikert plötzlich ein,daß ich zu breit und ausführlich in meiner Geſchichte werde.

Obgleich er hierdurch an den Grafen gewiſſermaßen die Aufforderung ſtellte, ſich den Reſt der Erzählung zu verbitten, traf Alexander dennoch keine Anſtalt dazu, ſondern blieb, in Schweigen verſunken, ſtehen, ſeine Unterlippe beißend, während

die Blicke unſtät über die Blumen des Teppichs flirrten.

Margarethe drückte nur in ihrer Geberde die Spannung aus, womit ſie weiterer Aufſchlüſſe harrte; ebenſo der Beron. Weikert nahm den Faden wieder auf:Ich will deshalb alles Unweſentliche übergehen. Die Familie Aaron wurde noch von anderm Unglück heimgeſucht im Laufe der Zeit. Die älteſte der drei Töchter, weit und breit als das ſchönſte Mädchen geprieſen, verlor nach einjähriger Ehe ihren Gatten und blieb mit einem Söhnchen hülflos zurück, gerade in den Tagen, da unſer Vaterland der ausſaugenden Franzoſenherrſchaft verfiel. Der Handel lag darnieder; der betagte Aaron, um ſich und die Seinen durchzubringen, nahm einige Ländereien dicht bei der kleinen Stadt in Pacht, aber was trugen die roſſezerſtampften Felder? Der offenbare Hunger wäre in den Kreis der ſchickſal⸗ verfolgten Menſchen eingekehrt, hätte nicht die jüngſte Tochter mit rührender Aufopferung, mit unermüdlicher Anſtrengung geiſtig und körperlich Tag und Nacht gearbeitet. Das herrliche Mädchen war viele Jahre hindurch die eigentliche Ernährerin der Ihrigen, bis dieſe, Eines nach dem Andern, ins Grab ſanken. Falk hatte ſich dem Hauſe ſeines Vetters ſchon ſeit