Jahrgang 
1867
Seite
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lichen Familie ſeine chineſiſchen Schattenſpiele zu produciren.

Galerie des Palais⸗Royal ſein ſo populäres Unternehmen

Holz⸗ und Pappen⸗Puppen, aber er hatte ſeine Eleven, welche

ließ ſein Theater, das erſte in Paris, ſeinem Neffen Seraphin. WMan möge unſere Bezeichnung,erſtes Theater nicht mis⸗

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das wilde Getümmel des Krieges dieſe Flureu durchtönt. Dort am Erkerfenſter erblicken wir das bleiche Geſicht eines Mannes, deſſen Blick im Wahnſinn in das Thal hinabſchweift. Es iſt der Uracher Graf Heinrich, der aus einem Mönch ein wilder Ritter und von ſeinem Bruder Eberhard endlich dadurch unſchädlich gemacht wurde, daß er ihn auf Hohen⸗ Urach gefangen ſetzte, wo Heinrich halb irrſinnig 28 Jahre lebte. Hier hat der Alte im Bart, der wackere Eberhard der Greiner, wochenlang gehauſt und in den dichten Wäldern des Urachthales der edlen Waidmannsluſt gefröhnt; hier fiel das Haupt des intriguanten Kanzlers Enzlin nach langer Gefangenſchaft unter dem Schwerte des Henkers(1613). Acht Monate lang berannten im Jahre 1635 die Völker des kaiſer⸗ lichen Generals Gallas die Mauern der Hohen-Urach, welche von den Schaaren des Herzogs Bernhard von Weimar wacker vertheidigt wurde. Endlich capitulirte die Beſatzung aus Mangel an Lebensmitteln und die Veſte blieb bis 1649 in den Händen der Kaiſerlichen. Von da ab verlor ſich ihre kriegeriſche Bedeutung und ſie ſank allmählich unter die Trümmer der ſchwäbiſchen Vorzeit. 1731 öffneten ſich die Thore der Hohen⸗Urach noch einmal, um einen Gefangenen von Bedeutung in ihren Mauern aufzunehmen. Es war dies die berüchtigte Maitreſſe des Herzogs Eberhard Ludwig, Reichsgräfin von Urach, verehlichte Gräfin Würben, geb. v. Grävenitz. Nach zehnjähriger glücklicher Ehe lernte der Herzog dieſes intriguante Weib kennen, löſte, als oberſter Biſchof ſeines Landes, ſeine erſte Ehe ſelbſt und heirathete die, indeß zur Reichsgräfin von Urach erhobene Geliebte. Der Kaiſer erklärte zwar dieſe Ehe für null und nichtig und die

Maitreſſe mußte das Land verlaſſen, Ebethard Ludwig holte ſie aber bald wieder zurück, vermählte ſie mit einem Grafen Würben und machte ſie zur Landeshofmeiſterin. Jetzt begann eine Maitreſſen⸗Wirthſchaft, wie ſie Frankreich kaum unter der Dubarry und Pompadour kennen gelernt, und 24 Jahre lang ſeufzte das Land unter dem Scepter der Grävenitz. Der Tod des einzigen Erbprinzen endlich und die Bemühungen des Königs von Preußen brachten den verblendeten Herzog wieder zur Vernunft. und ſpäter auf die Veſte gebracht, wo ſie bis 1731 lebte. Sie ging ſpäter nach Heidelberg und nach dem Tode des Herzogs nach Berlin, wo ſich der preußiſche Hof ihrer annahm.

die Stadt Hohen⸗Urach, die früher ebenfalls ſtark befeſtigt war und deren Bürger manchen harten Strauß durchgekämpft haben. berg 1443 erbaute, bietet genug des Merkwürdigen für den Althumsforſcher, ebenſo der alte Mönchshof, früher ein über

angeſtrahlt, leuchtend auf uns herab und das Wort des Dichters ſummt uns durch den Kopf:

Die Maitreſſe wurde nach der Stadt Urach,

Auf dem Rückwege machen wir noch einen Gang durch Ein altes Schloß, das Graf Ludwig 1. von Würtem⸗

aus reiches Stift, jetzt ein einfaches Seminar. Die Ruinen der alten Veſte blicken, von der Abendſonne

Treulich von Jahrhunderten umfangen, Steht die alte Veſte ſtolz und hehr, Tauchet mit des Alters ſtillem Prangen Ihre Stirne hoch ins Wolkenmeer. Schwermuth zieht mit leiſem Flügelſchlage Durch die alternden Ruinen hin,

Wecket mir mit ihrer Trauerklage

In der Seele düſtre Phantaſien.

Seraphin und

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts kam ein Italiener nach der Hauptſtadt Frankreichs. Von Natur mit einer hohen Intelligenz begabt, beabſichtigte er, der Nachfolger des berühm⸗ ten Marionetten⸗Spielers Briocht am Pont⸗Neuf zu werden. Er begann damit, daß er ſeinen Namen franzöſiſirte: von ſeinem Geburtsnamen Seraphini ſtrich er das i und nannte ſich Seraphin. Vorerſt erwirkte er ſich die Erlaubniß, in Verſailles ein Theater mit chineſiſchen Schattenſpielen und Nebelbildern zu etabliren. In der kaiſerlichen Bibliothek in Paris befindet ſich ein Actenſtück, in dem es wörtlich heißt:

Heute am 22. April 1784 befand ſich Se. Majeſtät in Verſailles. Herr Dominique Frangois Seraphin erhielt die Erlaubniß, vor Ihren Majeſtäten und der ganzen könig

Er beabſichtigte, ein ſtehendes Theater zur Beluſtigung der Kinder einzurichten, da ihm dies jedoch ohne die ausdrückliche Genehmigung Sr. Majeſtät nicht geſtattet wurde, ſo bat er um die höchſte Einwilligung. Se. Majeſtät hatte an den bunten Farbenſpielen großen Gefallen gefunden und erlaubte daher Herrn Seraphin, ſich in der Stadt Verſailles niederzulaſſen.

Sobald das Unternehmen ein von den Behörden er⸗ laubtes und ſogar begünſtigtes war, wuchs die Theilnahme an demſelben ſo ſehr, daß Seraphin ſchon vier Monate nach dem Beſuch des Königs nach Paris überſiedelte und in einer

gründete, das das größte Wunder für mehrere Generationen während ihrer Kinderzeit geweſen iſt. Am 10. September 1784 fand die erſte Vorſtellung im Palais⸗Royal ſtatt.

Seraphin I., den man in der Familie allgemein Onkel Seraphin nannte, trug ſechzehn Jahre lang das Directionsſcepter. Bis zum letzten Tage überwachte er die Bewegungen ſeiner

er längſt in die Geheimniſſe ſeiner Kunſt eingeführt hatte. Er ſtarb unverheirathet am 6. December 1800 und hinter⸗

deuten. Ebenſo wie das A⸗B⸗C die erſte Lectüre iſt, ſo iſt

ſein Theater.

das Seraphin⸗Theater das erſte Theater, und es iſt auch in moraliſcher Beziehung nicht das unwichtigſte. Die Eindrücke, welche es auf die jungen Gemüther zurückläßt, bleiben von Einfluß auf den Bildungs⸗ und Ideengang. Das auf dieſer liliputaniſchen Bühne aufgeführte Schauſpiel verdient das all⸗ gemeinſte Intereſſe, und die bedeutendſten Schriftſteller haben ihm das Wort geredet. Es iſt für den Erwachſenen immer intereſſant, man ſieht dort immer etwas Neues, denn es iſt für den aufmerkſamen Beobachter ein Gegeuſtand fortwähren⸗ der Studien. Da ſitzen ſie, die kleinen Zukunftsherren und die kleinen Schönen der Zukunft. Alle richten die geſpannteſte Aufmerkſamkeit auf das Theater. Und unter dieſen jungen Zuſchauern iſt noch keiner blaſirt, hier verlangt noch keiner die theatraliſchen Effecte, für die Meiſten iſt es noch ein Schritt in das Unbekannte und die Entdeckung eines neuen Vergnügens. Aus der erſten Zeit des Beſtehens des Seraphin⸗ theaters exiſtirt eine Anekdote, deren Wahrheit wir verbürgen können.

An einem Abende gegen das Ende des Jahres 1793 ging der öffentliche Ankläger Fouquier Toinville mit einem kleinen Knaben zu Seraphin und ſetzte ſich auf eine Bank im Parket. Neben ihm ſaßen zwei kleine, ſehr ſchweigſame Mädchen und ſo viele Mühe die Dame, welche hinter ihnen ſaß, ſich auch gab, ſie aus ihrer Lethargie zu erwecken, ſo gelang es ihr doch nicht. Es wurde hier das Stück:Die Schöne und das Thier gegeben, eine Uebertragnng der OperZemira und Azor. Die Handlung ſtellt ein rührendes Beiſpiel von Aufopferung der Aeltern und Kindesliebe dar.

In dem Augenblick, wo der Vater ſich von ſeinen drei Töchtern trennt, um ſich dem Ungeheuer, das ihnen ſonſt das Leben rauben will, zu überliefern, vergeſſen mit einem Male die beiden kleinen Mädchen ihre Unbeweglichkeit und rufen: Papa! Die Thränen ſtrömen dabei über ihre Wangen. Fouquier Toinville, von dieſer Scene gerührt, befragt die Be⸗

gleiterin und erfährt von dieſer, daß die Scene des Sa u

eine noch friſche Wunde wieder neu aufgeriſſen habe. ſie haben ſich von einem zärtlich geliebten Vater trennen