Jahrgang 
1867
Seite
558
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als eine Folge der Uebermacht und Unlenkſamkeit des böhmi⸗ ſchen Adels dargeſtellt hat, doch ſchließlich in ſeinem eigenen ſchwachen Charakter zu ſuchen iſt, der durchaus nicht das Zeug dazu hatte, Herr dieſer ſpröden Maſſe zu werden. Dunkel ahnt er wol die Intrigue und daß nicht Alles ganz klar ſei in dem Handel um das Erbe; denn er forſcht ängſtlich, wie man in Prag über die Wartenberg's urtheilt, und er iſt ſehr aufgebracht, als er hört, daß einige Offiziere dort die Partei der Vertheidigung der Frau von Wartenberg übernommen. Zärtlich bedauert er nur ſeinen umgekommenen atreuen Diener?, den armen Baron Slavata, der ſich doch nicht umſonſt als ein ſo treuer Diener erwies; und er tröſtet ſich, Gott werde ſolche Uebelthaten nicht ungeſtraft laſſen. Zum dritten end⸗ lich, nachdem ihm ſeine Frau in melancholiſchem Anflug über den vulkaniſchen Boden geſchrieben, der ganz Böhmen mit dieſer Adelsgeſellſchaft, ihren Leidenſchaften und zügelloſen Ränken war, ſtellt er ſich in den Schutz des guten Gottes, der ihn vor einem ſolchen Schickſal und anderen Unglücks⸗ fällen bewahren werden was bekanntlich nicht eintraf. Von der genaueren Unterſuchung der Thatſachen und der Erbſchleicherei Slavata's redet er nichts. Die ſtürmiſchen Zeiten, die hart darauf folgten, begruben die Sache bald in Vergeſſenheit; die Schlacht am weißen Berge in demſelben

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Jahre vertrieb den Winterkönig und den ganzen calviniſchen Adel; 185 alte Adelsfamilien wanderten aus oder ſtarben auf dem Schaffot, und die Maſſe der confiscirten Güter war endlos; die niedrige Taxe derſelben betrug allein 43 Millionen. Auch das Smirczickyſche Beſitzthum wurde der Witwe Slavata's entriſſen und von Wallenſtein, deſſen Mutter eine Smirczicky war, gewiſſermaßen als Erbe beanſprucht. der Sonne der kaiſerlichen Gnade weit unter dem Taxpreis, welche Erwerbung das Fundament ſeines ſpäteren Reichthums bildete. Von den Smirczickhſchen Gütern ſchlug er wieder Schwarz⸗Koſteletz für 600,000 Schock böhmiſche Groſchen an den Fürſten Lichtenſtein los. Den Beſitz von Nachod trat er ſpäter ſeinem getreuen Terzky für 203,000 Gulden ab. Allein noch ſchien all das Gut mit dem Fluch des Niblungenhortes behaftet zu ſein. Das reiche Gitſchin mit Zubehör kam beim Sturz Wallenſtein's an den Grafen Piecolomini, ſeinen Henker. Fürſt Lobkowitz erhielt Raudnitz. Die Witwe Slavata's endlich ſtarb arm und unbekannt am Hof von Kaſſel mitten in den ſchlimmſten Drangſalen des dreißigjährigen Krieges. Von dem Gemahl der Gräfin Katharina, dem Baron von Wartenberg, findet ſich keine weitere Nachricht, als daß er freigelaſſen wurde. Er verſcholl ebenfalls in den folgenden Kriegsunholden.

Eine ſchwäbiſche Ruine.

Im alten Urach-Thal, inmitten der ſchwäbiſchen Alp, ragt die Ruine Hohen-Urach hoch in die Wolken, einſt die Wiege eines ſtolzen Geſchlechts, jetzt noch als Steinhaufen zeugend von der alten Pracht und Herrlichkeit, die einſt in dieſen Mauern geherrſcht. Jahrhunderte haben mit ihrem verwitternden Hauche vergebens an dieſem ſtolzen Bau ge⸗ nagt erſt Menſchenhand zerſtörte, was Menſchenhände hier ſcheinbar für die Ewigkeit gebaut, und ein neues Geſchlecht erbaute ſich aus den Trümmern der Vergangenheit wieder neue Häuſer und Paläſte.

Schon im elften Jahrhundert glänzte unter den edlen Geſchlechtern Schwabens der Name der Grafen von Urach weite Landſtrecken und zahlreiche Mannen zu Fuß und zu Roß ſtanden unter ihrer Botmäßigkeit, und im ſogenannten Pfullinggau am nördlichen Abhange der ſchwäbiſchen Alp reſidirten ſie hinter Wällen und Gräben auf ihrer Veſte Hohen⸗ Urach. Auf einem ſtumpfen Bergkegel, in einer Höhe von 2449 Fuß, erhob ſie ſich aus dem Grün des Waldes, der den Berg vom Fuß bis zum Gipfel noch heute bedeckt, und terraſſenförmig zogen ſich die Werke und Mauern den Abhang hinan. Schon um 1260 ging die als uneinnehmbar geltende Burg durch Kauf an die Grafen von Würtemberg über und blieb in den Händen dieſes erlauchten Geſchlechtes bis auf den heutigen Tag. In impoſanten Maſſen treten die Ruinen von Hohen-Urach noch heute vor die Augen des Beſchauers ein bequemer Weg führt von der Stadt gleichen Namens in einem halben Stündchen zur Burg empor. An mächtigen Bruſtwehren vorüber ſchreitet man auf der erſten Terraſſe durch ein finſteres Thorgewölbe zur zweiten Terraſſe hinauf, wo ein zweites Thorgewölbe noch heute eine feuchte, ſchwarze Kerkerkammer mit koloſſalen Mauern und winzig kleinen Fenſtern enthält. Hier hat der lateiniſche Dichter und Ge⸗ lehrte Nikodemus Friſchlin der Freiheit entgegengeſeufzt und die zwölf Geſänge ſeinerHebräis(die Geſchichte der Juden unter den Königen) gedichtet. Wechſelvoller wie ihm hat wol das Schickſal nicht zum zweiten Male einem Dichter mitgeſpielt. 1547 zu Balingen geboren, hatte er ſich ſchon als Jüngling von einundzwanzig Jahren einen Lehrſtuhl an der lateiniſchen Schule zu Tübingen erworben und wurde ſieben Jahre ſpäter vom Kaiſer Maximilian II. auf dem Reichstag zu Regensburg für ſeine KomödieRebecca mit dem Lorbeer gekrönt. Der Neid ſeiner Collegen wurde durch ſeine Ernennung zum Pfalzgrafen aufs Höchſte geſteigert und

ihren Cabalen gelang es nicht nur, ihn zur Entferung aus Tübinen zu bewegen, ſondern ihn auch als Pasquillanten bei dem Herzog anzuſchwärzen, und ſo wurde Friſchlin im Jahre 1590 in einem Gaſthofe in Mainz auf Befehl der Würtem⸗ bergiſchen Regierung plötzlich gefangen genommen und auf die Veſte Hohen Urach abgeführt. Faſt acht Monate harrte er hier hinter finſteren Kerkermauern auf ſeine Befreiung durch ſeinen Gönner und Verehrer, den Kaiſer Max; endlich ent⸗ ſchloß er ſich zur heimlichen Flucht. In der Nacht vom 29. zum 30. November ließ er ſich an einem Seil, das er aus ſeiner Wäſche zuſammengeknüpft, aus ſeinem Kerkerfenſter hinab aber das Seil riß und auf dem harten Felsboden brach er ſich das Genick. So endete der talentvolle Dichter, von dem der geiſtverwandte Schubart ſagt: Beſſer warſt du als die Haſſer alle, die dich verdammt. Auch Juſtinus Kerner hat Friſchlin's trauriges Schickſal beſungen und ihm in folgen⸗ den Worten ein Denkmal geſetzt:

Ihn ſchloſſen ſie in ſtarre Felſen ein,

Ihn, dem zu eng der Erde weite Lande;

Doch er, voll Kraft, zerbrach den Felſenſtein

Und ließ ſich abwärts am unſichern Bande.

Da fanden ſie im bleichen Mondenſchein

Zerſchmettert ihn, zerriſſen die Gewande.

Weh! Muttererde, daß mit linden Armen

Du ihn nicht auffingſt, ſchützend voll Erbarmen.

Das Volk hat das Haupt des Dichters mit einer Art von Märtyrerſchein umwoben, und eine ſchwäbiſche Sage er⸗ zählt, daß aus ſeinem Staube ein Blümchen entſproſſen ſei, welches den NamenUracher Todtenköpfchen trägt(eine kleine Orchidee, Ophrys arachnites, deren Blüte Aehnlichkeit mit einem Todtenkopf hat).

Aus dem zweiten Thorwege ſteigt man über Trümmer⸗ haufen zu dem Gemäuer empor, welches den Gipfel des Berges krönt. Eine herrliche Ausſicht bietet ſich von hier aus dem Wanderer dar. Tief unten liegt das fruchtbare Thal mit dem Städtchen Hohen⸗Urach, von der Ems durchſtömt in ſchauerlicher Wildheit ſtreben die Felſen zu den Wolken empor, da der Dettinger Roßberg und der Sattelbogen, dort Schloß Hohenheim, hier die Landſchaften von Echterdingen und Deger⸗ loch. Geſchäftig baut unſere Phantaſie aus den Trümmern die alte Veſte wieder her, im Thale blinken die Rüſtungen der Ritter im Sonnenſchein, die wuchtige Streitaxt ſauſt durch die Luft, Helmbuſch und Reiherfeder ſchwankt im Winde oft hat

Er erwarb ſie in

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