Jahrgang 
1867
Seite
555
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Römerbrief Kapit. 13:daß die Zeit und Stunde da ſei, aufzuſtehen vom Schlaf, ſintemal das Heil näher ſei, als ſeine geliebten Brüder in Chriſto glaubten. Die Nacht ſei vergangen und der Tag ſei herbeigekommen, nämlich, wie er zur großen Ueberraſchung ſeiner Zuhörer entwickelte: der Tag der Annahme des allein richtigen calviniſchen Bekenntniſſes. Die folgenden Worte:So laßt uns abblegen die Werke der Finſterniß, legte er in kühner Combination dahin aus, daß er die Finſterniß auf das Lutherthum bezog und ſeine Ge meinde feierlich aufforderte, ihm als ihrem Hirtenzur An⸗ nahme der Waffen des Licht zu folgen, d. h. zum reformirten Glauben, dem ihr künftiger Herr und die Majeſtät Böhmens angehöre, überzutreten. Die Maſſe des Volks erhob Sturm, denn noch vor einem Jahre hatte man ihm die Erhaltung des lutheriſchen Glaubens als höchſten Schatz angeprieſen, und die Begriffe des Volkes wandeln ſich einmal langſam, wie ſeine Trachten und Moden. In Gitſchin, das damals an 6000 Einwohner zählte, und deſſen zwei Prediger es ehr⸗ lich mit ihrem Glauben meinten, kam es zu öffentlichen Scenen gegen den Probſt von Raudnitz, der gewiſſermaßen der Biſchof der geſammten Snirczickyſchen Gemeinden war. Allein die eingeweihteren Laien, die der Probſt für würdig hielt zu unterrichten von dem, was bevorſtand, bequemten ſich ſchon ſacht zu gleichem Schritt.

Unterdeß hatte man verſucht, der Gräfin Katharina das Urtel des Gerichts zu inſinuiren. Sie verweigerte die An⸗ nahme und fand es am andern Tage an das Thor ihres Schloſſes geklebt; in Gitſchin wurde es im Namen des Königs öffentlich ausgerufen und ſonſt jeder herrſchaftlichen Gemeinde feierlich verkündet. Die trauernde und gebeugte Frau aber traute kaum ihren Augen, als ſie las:daß ſie im Namen der böhmiſchen Majeſtät und von Rechts wegen für eine unechte Smirczicky erklärt, daß dieſe Thatſache gewiſſenhafte Zeugen beeidigt und ihr eigener früherer Lebenswandel in verſchiedenen plebejiſchen Neigungen ihre niedere Abkunft be⸗ kundet, weswegen ſie und wegen ihrer Narrethei längſt ſchon von ihrem vermeintlichen Vater gefangen gehalten und nicht als ſeine Tochter behandelt worden ſei. Sie und ihr Ge⸗ mahl würden für ſchuldig befunden, betrüglicher und gewalt⸗ ſamer Weiſe ſich der Güter zu bemächtigt zu haben u. ſ. w. Schließlich ſtellte das Hofkammergericht feſt, daß am 17. d. M. die Uebergabe Gitſchins an den rechtmäßigen Erben, den Freiherrn Heinrich von Slavata, angeordnet ſei.

Daß ihr eigene heroiſche Liebe alſo geſchmäht wurde, war ihr gleichgültig, die vielfachen Erfahrungen ihres Lebens hatten ſie daran gewöhnt, allein daß Slavata und ihre Schweſter dazu die Hand geboten, ihre eigene Mutter im Grabe mit aufgeheftetem, verbotenen Wandel zu brandmarken und das öffentlich verkünden zu laſſen, regte die ganze Stärke ihres leidenſchaftlichen Gemüthes auf. Die Kriſis ihres Schickſals nahte und nahm eine Geſtalt an, die der Energie, die ſie in ihrem ganzen Leben bewieſen, nur zu conform war. Noch in tiefſter Seele verwundet von der Entdeckung der Machinationen Wartenberg's dachte ſie nicht daran, ſich von der Grabſtätte ihres Geliebten zu trennen. Sie ſah nichts

als Gewalt gegen ſich, und ſie ſann, dagegen mit Gewalt aufzukommen. Ihre Leidenſchaft ſuchte ihre Feinde zu ver⸗ derben, während ſie für ſich nichts ſehnlichſter wünſchte, als von dieſem grauenvollen Leben erlöſt und im Tode für immer mit ihrem Geliebten vereinigt zu ſein.

So kam der denkwürdige 17. December heran. Am hellen Wintermorgen hielt Slavata, begleitet von ſieben könig⸗ lichen Commiſſarien und einem Gefolge von über ſechzig Perſonen vor dem Gitterhor und der Zugbrücke des feſten Schloſſes Gitſchin. Ein ganzes Fähnlein königlicher Reiter kam außerdem hinter ihm, um nöthigenfalls der Gewalt Nachdruck zu geben, denn er kannte wohl den entſchloſſenen Sinn ſeiner Schwägerin.

Gitſchin war, wie damals alle alten Städte, befeſtigt durch Manern, Wall und Graben; über der Stadt erhob ſich auf ziemlich ſteiler Anhöhe, welche heute noch das herr⸗ ſchaftlich Trautmannsdorfſche Schloß trägt, die Burg als

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Citadelle. Die Reiſige waren in die Stadt ungehindert ein⸗ gelaſſen worden, denn die Proclamation des königlichen Richterſpruches hatte bereits ihre Wirkung gethan und jeden Widerſtand in dem Sinn der Einwohner niedergeſchlagen; die Gräfin ſelbſt dachte nicht daran, den Widerſtand zu organiſiren. So hatten die Commiſſſarien ſchon kraft ihres Amtes die Schlüſſel der Stadt gefordert, einen viereckigen Spahn aus der Eichenpfoſte des Rathhausthores hauen laſſen und beides in feierlicher Anrede, unter dem Zulauf der gleich⸗ müthig darein ſchauenden Bevölkerung, dem neuen Herrn übergeben. Hierauf kam die Cavalcade vor das Thor der Burg zurück. Es war verſchloſſen, die Zugbrücke aufgezogen,

ſonſt dahinter Alles ſtill. Drohend ſahen zwei kleine eiſerne

Kanonen über den Wall. Man wußte, daß die Brug von Wartenberg früher in Stand geſetzt und mit Munition ver⸗ lehen worden war.

Dacht ich's doch, lachte Slavata zu den Commiſſarien, daß ſich meine tapfere Frau Schwägerin nicht ſo gutwillig ergeben würde!

Beſorgt richtete ſich ſo manches Auge auf die Heffnung der Kanonen, denn in jeden Moment glaubten furchtſame Gemüther ſie losblitzen zu ſehen.

Nachdem man die längſte Weile gehorcht und in allen Tonarten der Forderung und Drohung vergebens nach dem Thorwart gerufen, befahl Slavata, Aerte und Brechſtangen zu bringen, um den Eingang mit Gewalt zu verſuchen. Da fingen die Ketten an zu raſſeln, die Zugbrücke begann ſich langſam zu ſenken und über dieſelbe ſchritt die ſchwarzgekleidete böhmiſche Gräfin. Sie trug ſelbſt den Schlüſſel in der Hand und öffnete das Thor, um den Feind in ihr eigenes Reich einzulaſſen.

Einen Moment lang muſterten ſich die Blicke gegenſeitig. Der Gräfin Angeſicht war kalt und ernſt, keine Spur von Furcht oder Verlegenheit war in ihren Zügen. Als ihre Augen über die Commiſſarien, die Reiſigen, den Slavata hinwegglitten und neben Letzterem den ſo raſch calviniſch ge⸗ wordenen Probſt von Raudnitz, der von ihr einſt den Backen⸗ ſtreich empfing, gewahrten, ſchlug ihr Blitz nur einmal leuchtend auf, wie eine Flamme aus glimmenden Kohlen. Der Probſt, offenbar ihr Auge vermeidend, wandte ſich dienſteifrig zu Slavata und flüſterte; dieſer aber, dem die eingetretene Stille der gegenſeitigen Betrachtung ſehr ungeziemend ſchien, wehrte ihm mit der Hand ab. Als ein Hofmann, der ſich in allen Lagen mit einer gewiſſen Leichtigkeit zu benehmen wußte, grüßte er die Gräfin verbindlich und ſagte:

Ihr wißt, ſchöne Frau Schwägerin, ich komme nicht aus eigenem Antriebe, ſondern im Auftrage des Königs mit dieſen Commiſſarien. Ich gratulire Euch, daß Ihr bei dieſer

unerfreulichen Angelegenheit ſo reſervirt ſeid, wie es ſich ge⸗

Was der Gräfin Smirczicka ziemt, wußte ich immer, fiel die bleiche Frau mit ſtolzer Bewegung der Mundwinkel ihm ins Wort.Vor allen Dingen aber rathe ich Euch, daß Ihr ebenſo geziemend von mir ſprecht und ſomit jede Er⸗ wähnung der Verwandtſchaft aus Eurem Munde laßt, nach⸗ dem ihr ſolche vor dem Gericht ausgelöſcht.

Wie es Euch gefällt, erwiderte tändelnd Slavata und winkte ſie bei Seite.Im Angedenken an dieſe Verwandt⸗ ſchaft, fuhr er dringend fort,biet' ich Euch zur Sühne, ſchöne Gräfin: wollt Ihr Schwarz⸗Koſteletz mit allen Ein⸗ künften zum lebenslänglichen Nießbrauch?

Schwarz Koſteletz? höhnte die Gräfin,das ich ſchon zwölf Jahre zum Nießbrauch der Gefangenſchaft hatte? Ha, das ſieht Euch ähnlich. 3

Nicht doch, nicht doch! Ihr ſollt dort frei ſein und Euch frei des Gutes und Schloſſes bedienen, natürlich nur dann, wenn Ihr hübſch artig und manierlich ſeid; wenn Ihr Euch ſchickt in das, was nicht zu ändern iſt; Ihr wißt ja ohnedies, daß wenn Ihr je wieder hartnäckige und verwegene Einfälle haben ſolltet, was Gott verhüten möge, ich nun das Haupt der Familie bin.

Immer die Familie! herrſchte die Gräfin heftig da⸗

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