Jahrgang 
1867
Seite
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umfiel. Als ſie ſich erhob, kämpfte der Prieſter mit dem Tode, er hatte ſich ſelbſt erſchoſſen und die Kugel den rechten Weg durch die Bruſt gefunden.

Auf dem Tiſch fand ſie folgende Zeilen mit letzter er⸗ regter Hand geſchrieben:

Gräfin Smirczicka! Von ferner Miſſionsreiſe heim⸗ gekehrt, hörte ich jetzt erſt vom Tode deines Vaters. Ich kam, vom Bann der Urphede, die ich ihm einſt ſchwören mußte, erlöſt, um dich zu befreien, um dir mein Wort zu halten, wenn du mein noch harrteſt. Du harrteſt mein nicht mehr. Gott ſegne dich! Ich habe kein Recht, nach deinem Wandel zu fragen; allein ich fühle, daß ich nicht mehr leben kann, nachdem ich dich von Angeſicht zu Angeſicht wiedergeſehen. Die irdiſche Liebe verlangt ihr Opfer, ich bring' ihr den Lohn ihrer That. Der Herr wird mir vergeben, daß der Ueberdruß am Leben in mir ſtärker iſt als die Hoffnung. Lebe wohl!

Die Gräfin hatte Schmerzen genug in ihrem Leben er⸗ fahren, allein ihr Maß ſollte noch nicht voll ſein. Noch eben hatte die lebhaft erwachte Erinnerung ihrer Jugendliebe ihr Blut in ſtürmiſche Wallungen verſetzt, denn ſie hatte aus un⸗ erklärlichem Grunde zu Wartenberg niemals eigentliche Neigung verſpürt und der Troſt ihrer Trauer über ihr Lebensglück, das durch die Zerreißung ihrer erſten Verbindung zerſtört war, beſtand bei ihr nur in dem Gedanken, daß ihr Geliebter jene Schuld der Untreue getragen, die er jetzt mit dem ſtillen Vorwurf des freiwilligen Todes auf ſie zurückſchob. Bei dem Argwohn eines möglichen Betruges, der ihr geſpielt, waren ihr ſchon die raſenden Entwürfe einer Flucht mit dem Ge⸗ liebten durch den verzweifelten Sinn gefahren als ſie ihn das letzte Leben ausathmend, in ihren Armen hielt. Drohend reckten die Nachtſeiten des Lebens die verzweifeln⸗ den Hände in ihr auf. Sie ließ ihren Wagen vorfahren, ließ die Leiche in die Kutſche tragen, legte ſein blutiges Haupt in ihren Schooß und fuhr im Galopp zu jenem Geiſtlichen Wartenberg's, der ihrem Gemahl die ſchriftlichen Beweiſe von der Annahme der Pfarrſtelle und der Verheirathung Werner's geliefert.

Dieſer war im Verlauf des Jahres der erſte Geiſtliche des Territorialherrn geworden, er ſaß auf der fetten Pfründe der Probſtei zu Raudnitz, die er durch Wartenberg's Patronat gegen ſeine magere Pfarre zu Klein⸗Janitza eingetauſcht. Der Wagen der Gräfin fuhr vor das Pfarrhaus. Sie ſtieg nicht aus, ſondern befahl den Pfarrer an den Schlag.

Der äußerſt dienſam anlangende Geiſtliche erſchrak nicht wenig, als er, das Geſicht in das Innere des Wagens ſteckend, das zornige Auge der Herrin und das Antlitz einer Leiche im Schooß derſelben erblickte.

Ja, erſchrick nur, geiſtlicher Mann! höhnte jene;kennſt du dieſen Todten? dabei hielt ſie ihm zu vollem Lichte das Haupt entgegen und er ſtarrte in das bleiche Geſicht, das die Spuren des Todeskampfes noch in den verzerrten Mienen trug.

Gnädigſte! bat der Pfarrer in Aengſten.Wie ſollte ich dieſen todten Mann kennen? Ich habe ihn im Leben nicht geſehen.

Beſinne dich, Pfaff! rief die Gräfin mit leuchtenden Augen.Bedenk was du ſprichſt. Hier! tritt dicht heran, befehl ich dir. Sieh ihm noch einmal ins Geſicht!

Der Pfarrer, der nicht begriff, wo das hinauswollte, ſtammelte in ungewiſſer Furcht:Gnädigſte Herrin ſoll ich ihn ſtill beerdigen laſſen?

Ha! fuhr die Gräfin auf,meinſt du ſelbſt, daß du ihn gemordet haſt? Nichts, nichts! fuhr ſie mit ſchütteln⸗ dem Haupte fort,ich frage dich vor Gott: kennſt du ihn? Ja oder nein!

Wenn ich durchaus ihn erkennen ſoll, zögerte der Geiſtliche in ſeiner Rathloſigkeit;ſo laßt mir Zeit und Be⸗ ſinnung der Tod ſieht anders aus als das Leben.

Elender! rief ſie in hellem Zorn und ihre ſchöne Hand holte aus und gab dem Pfarrer einen heftigen Backenſtreich. Wohl ſeh ich, daß du ihn nicht kennſt! So haſt du nie ſein

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Angeſicht geſehen und haſt doch Zeugniß über ihn abgelegt? Haſt ihn zum Pfarrer in Kurheſſen gemacht und ihn mit Ueberbringung ſchriftlichen Trauſcheines verehelicht?

Jetzt kam dem Pfarrer die Erinnerung zu Hülfe, er ahnte, um was es ſich handelte. Doch die Ohrfeige, ſeiner heiligen Perſon ausgetheilt, verletzte ihn tief und machte ihn ſtörriſch.

Gräfin Smirczicka! erwiderte er beſtimmt und kalt. Ihr ſeid offenbar nicht bei Euch ſelber, das entſchuldigt Eure Handlung. Ich ſage Euch, ich kenne den Pfarrer Zacharias Werner, über den ich die Documente beigebracht. Doch daß es dieſer ſein ſoll, das fällt Eurer Einbildung zur Laſt.

Da ſchlug die Gräfin den Kutſchenſchlag zu und ihr wilder Grimm brach in helles Lachen aus. Sie fuhr nach ihrer gewöhnlichen Reſidenz Gitſchin.

Wir übergehen die ſtürmiſchen Scenen, die ſich infolge dieſer Vorgänge zwiſchen ihr und ihrem Gemahl entwickelten. Es ward nun klar, ſie war arg getäuſcht worden durch den Zufall, daß Jemand in Sachſen wirklich denſelben Namen trug. Wer der eigentliche Urheber dieſer Täuſchung war, erfuhr ſie nicht, denn Wartenberg ſchob alles auf den Geiſt⸗ lichen und wollte ſelbſt in gutem, verzeihlichem Irrthum ge⸗ handelt haben. Sie aber ließ im Schloßgarten zu Gitſchin den geliebten Todten begraben und überließ ſich ganz und gar der maßloſen Trauer am Grabe ihres Erwählten. Ihren Gemahl vermied ſie gänzlich und jeden Verſuch ſeiner An⸗ nährung ließ ſie ſcheitern.

Unter dieſen Vorgängen befeſtigte ſich die Macht des gewählten Königs mehr und mehr; die böhmiſchen Feldherren vertrieben die Kaiſerlichen, brachen felbſt in Mähren ein, und die Krone Böhmen ſchien für immer dem Hauſe Habsburg entriſſen. Bei dem bedenklichen Zwiſt mit ſeiner Gemahlin und aus Beſorgniß vor den Umtrieben ſeines Nebenbuhlers Slavata am Hofe des neuen Königs fand es Wartenberg doch für gerathen, ſich den wiederholten gerichtlichen Vorladungen in Prag zu ſtellen. Er hoffte, daß es zum Vergleich kommen müßte und hätte ſich mit der ſicheren Hälfte des Erbes be⸗ ſchieden, ſtatt bis zum ungewiſſen Ausgang das Ganze zu behaupten. Allein der gereizte Slavata hatte als Hofmann und Calviner gut operirt. Um ſolcherlei zu begreifen, muß man ſich einen näheren Einblick in die Geſchichte des Haſſes zwiſchen Lutheriſchen und Reformirten in jener Zeit verſchaffen; wir können hier nur andeuten, daß ſich bei genauerem Zu⸗ ſehen überall dieſe Eiferſucht und Zwietracht wie der rothe Faden des Verhängniſſes hindurchzieht, und daß die ſchreck⸗ lichen Niederlagen der Unionspartei im dreißigjährigen Krieg ganz allein ihre natürlichen Folgen wurden. Die Partei Slavata's, von vorn herein gegen den ſächſiſch-lutheriſchen Wartenberg eingenommen, hatte dem Könige bereits einge⸗ redet, jene vermeintliche ältere Tochter des alten Smirczicky ſei nicht ſein echtes Kind. Zeugen waren ſchon beeidet, die aus dem Munde des Vaters den Ausſpruch gehört haben wollten:Katharina ſei keine echte Smirczicky, wie er wol möglicher Weiſe im Zorn über ihre Hartnäckigkeit im Betragen geäußert haben konnte. Dies Betragen ſelbſt bot für die abſichtliche Entſtellung nur zu viele Seiten dar, vermittels deren man ſie als übelgerathen, närriſch und gänzlich aus der Art geſchlagen, verleumden konnte. Als daher Wartenberg im vorgeladenen Termine erſchien, wurde er, als des abſicht⸗ lichen Betrugs verdächtig und der gewaltſamen und rechtloſen Occupation des Erbes angeklagt, in den Kerker geworfen. Der Proceß nahm nun unter dem calviniſchen Adelsgericht ſeinen ſchnellen Gang und lautete im Endurtel auf Zuſpruch des ganzen ungetheilten Smirczickyſchen Erbes an den Ge⸗ mahl der Margarethe Salome, an Slavata.

Es war im December des Jahres 1619, als der Streit ſeinem Ende nahte. Der Probſt von Raudnitz, wie die Schwalbe, die den Witterungswechſel verſpürt, predigte am erſten Advent über die vorgeſchriebenene Pericope aus dem