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Buchhandlung verkehrte der Bruder des Beſitzers, der bekannte Regiſſeur des Berliner Hoftheaters, Herr Kaiſer, ſehr viel. Dieſem geachteten Künſtler geſtand der junge Poſſart ſchweren Herzens, daß er durchgehen und ſein Heil bei irgend einer herumziehenden Bühne ſelbſt verſuchen müſſe, wenn Herr Kaiſer ſeine Bitte nicht erhöre und ſeine ſchauſpieleriſche Aus⸗ bildung nicht in die Hände nehmen wolle.
Dem Künſtler gelang es jedoch, ſeinen jungen Freund für folgenden Plan zu gewinnen. Kaiſer wollte für die dramatiſche Ausbildung Poſſart's ſorgen, dieſer jedoch in der Schröderſchen Buchhandlung auch ferner verbleiben, um für den Fall, daß ſein Talent nicht ſtichhaltig ſei, ſeinem ehren⸗ werthen Beruf als Geſchäftsmann nicht entfremdet zu ſein. Dieſe Uebereinkunft blieb eine geheime. Herr Kaiſer, der Buchhändler, hatte einen ſehr fleißigen Lehrling, der ſeine Arbeiten mit größter Treue und Gewiſſenhaftigkeit verrichtete, und Herr Kaiſer, der Hoſfſchauſpieler, hatte einen Schüler, deſſen rieſige Fortſchritte ſich von Tag zu Tag mehr zur Freude des Lehrers entwickelten. Herr Kaiſer, der Buch⸗ händler, ſchenkte dem fleißigen Arbeiter ein volles Jahr an der Lehrzeit und beförderte ihn zum Gehülfen
Sein Militärjahr, das er in Berlin abdiente, ließ ihm um ſo mehr Zeit, ſeinen Lehrer fleißig aufzuſuchen, als er in der Buchhandlung nichts mehr zu thun hatte; überdies bot das bekannte Liebhabertheater Urania dem angehenden Künſtler genügende Gelegenheit das zu thun, was ſeit Jahren ſein
einziger Gedauke bei Tag und Nacht geweſen: zu ſpielen.
Sehr bedeutend können die Erfolge auf dieſem Liebhaber⸗ theater keinesfalls geweſen ſein, den der Lehrer drang recht ſehr darauf, daß der Schüler, nachdem er ſein Jahr abge⸗ dient hatte, wieder ins Comptvir zurück ſolle; ebenſo die Aeltern. Jetzt zeigte aber Ernſt Poſſart, daß er in Wahr⸗ heit ein Künſtler und als ſolcher„frei geboren“ ſei— er brannte einfach durch und debütirte friſchweg in Breslau, ge⸗ fiel und ließ ſich, trotz allen Proteſtirens von Seiten der Aeltern, die außer ſich waren, daß der Sohn, auf den ſie ſo ſchöne Hoffnungen geſetzt,„unter die Komödianten“ gegangen, in Breslau engagiren.
Wenn es ſich nun auch ſehr glücklich traf, daß gerade damals eine„erſte Kraft“ es in Breslau gemacht hatte wie Poſſart in Berlin, nämlich durchgegangen war, wodurch Poſſart
als Stellvertreter ſehr viel zu thun bekam, ſo muß die Situa⸗
tion unſeres Helden im Ganzen doch keine ſehr angenehme und roſige geweſen ſein, denn das Sprichwort, das Poſſart heutzutage noch namentlich da anwendet, wenn er Klagende tröſtet:„Lieber Freund, wir haben auch ſchon mit Executoren gefrühſtückt“, ſoll genaueren Nachforſchungen zufolge ſeinen Urſprung in Breslau gehabt haben.
Genug, nach kaum einem Jahr und nach einem kurzen Interregnum in Zürich, wo der junge Mime Alles ſpielte und ſpielen mußte, ganz gleich was es war, kam er nach Hamburg ans Stadtheater. In kurzer Zeit war er der Lieb⸗ ling des Hamburger Publikums und wurde von demſelben wahrhaftig auf Händen getragen. Unter allen dieſen Erinne⸗ rungen von Beifall, Hervorrufen, Kränzen, Bouquets und Briefen iſt für Poſſart eine ewig unvergeßlich, und dieſe eine wiegt alle die anderen, ſo zahlreich ſic auch ſein mögen, auf. Poſſart ſpielte den Narciß, und an dieſem Abend ſah man einen alten weißhaarigen Herrn im Parket, der ſonſt nie die Räume des Stadttheaters betrat. Es war Heinrich Mar, jedenfalls der bedeutendſte unter den Veteranen der Schau⸗ ſpielkunſt, der beſte aus der guten alten claſſiſchen Schule, und nächſt Laube der feinſte Kenner und Beurtheiler im Be⸗ reich der dramatiſchen Kunſt. Während eines Zwiſchenaktes kam der alte Mar auf die Bühne und ließ den jungen Künſtler ſich vorſtellen. Mar iſt keiner von den Künſtlern, die über⸗ ſchwänglich mit ihrem Lobe gegen Andere ſind, er haßt die ſo vielfach gerade in Künſtlerkreiſen courſirenden Scheidemünze der Complimente gründlich. Gerade deshalb gewinnt aber ein Lob oder ein Tadel aus ſeinem Munde eine ganz andere und ſchwerwiegendſte Bedeutung. Und dieſer Richter der
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deutſchen Bühne war der erſte, der Poſſart eine bedeutende Zukunft prophezeite.
Poſſart empfing einen Gaſtſpielantrag nach München und griff mit beiden Händen zu.
Ernſt Poſſart debütirte dort als Narciß. Dieſem Debüt konnte ich nicht beiwohnen, ich hatte Abhaltung an dem Abend, und zudem, was war uns Herr Poſſart, wer kannte ihn, was wußte man von ihm!
Aber ſchon am andern Tage nach dem Narciß lief durch alle Kreiſe, die ſich fürs Theater intereſſirten, die Nachricht, daß da etwas Außerordentliches wieder einmal auferſtanden, daß dieſer junge Menſch, den Niemand kannte, ein Schauſpieler von der ſeltenſten Begabung, ein wahrhaftiger Künſtler von Gottes Gnaden ſei.
Darauf ſah ich ſeine zweite Rolle: Franz Moor. Ich erinnere mich noch wie heute, wie das Spiel des merkwürdigen jungen Künſtlers mich gepackt hatte, daß ich ſchier athemlos an ſeinen Zügen hing, und wie der Eindruck, den ich von ſeiner Darſtellung mit nach Hauſe nahm, ein ſo gewaltiger und nachhaltiger war, daß er mich am Einſchlafen hinderte und dieſer Franz Moor ſchließlich durch meine Träume ging. und doch war nichts Outrirtes, nichts Auffallendes in derſelben geweſen. Poſſart's Franz Moor iſt kein Böſewicht mit rothen Haaren, der entſetzliche Grimaſſen ſchneidet und Couliſſen umreißt. O nein, dieſer Franz Moor iſt ein eleganter junger Graf, der im Ganzen ſehr wohlerzogen iſt.
Das einfache Wort, die natürliche Mimik, wie ſie folge⸗ richtig das Wort begleitet, reichen dazu hin, um uns in die Hölle ſehen zu laſſen, die in der Bruſt dieſes Menſchen wohnt. Die erſte Scene im erſten Akt mit dem alten Moor:„Iſt Euch auch— wohl, mein Vater?“ der Monolog:„Tröſte dich, Alter ꝛc.“, das waren Anfänge, die uns das Großartigſte erwarten ließen.
Den Höhepunkt dieſer Leiſtung bildete das Geſpräch mit Pfarrer Moſer. Die zähneklappernde Gewiſſensangſt des feigen Mörders, der diaboliſche Hohn, der zwiſchendurch immer aufs Neue aufflammt, die düſtern Schatten des herannahenden gewaltſamen Todes, das Alles gab ein ſchauerliches Bild, deſſen Eindruck mir ein unvergeßlicher geblieben iſt. Mit dieſem Franz Moor war Poſſart Münchner Hofſchauſpieler und der Liebling des Publikums geworden. Seit dieſem denkwürdigen Abend geht man in München doppelt gern ins Theater, wenn Poſſart's Name auf dem Zettel ſteht, denn man weiß, daß man dann immer etwas Bedeutendes ſehen wird.
Einmal engagirt, einmal befreit von der drückenden Sorge einer Exiſtenz, die bislang doch immer nur eine frag⸗ liche war, konnte ſich jetzt der junge Künſtler ganz und gar den großen Aufgaben ſeines Berufs widmen. Nirgends hätte er aber auch dazu beſſern Boden gehabt, wie gerade in München, wo ein junger Monarch eben die Zügel der Herrſchaft ergriffen hatte, deſſen Herz noch freudig glüht für das Ideale, der, ſelbſt begeiſtert für Literatur und Kunſt, die Meiſterwerke derſelben als feiner Kenner zu würdigen und namentlich bei ſeinem Hoftheater das claſſiſche Drama mit ſeltenem Verſtändniß und Pietät zu begünſtigen verſteht.
Da hatte nun ein Künſtler wie Poſſart, der eigens für die großen Charaktere des claſſiſchen Dramas geboren zu ſein ſchien, vollauf Gelegenheit, ein Meiſterwerk nach dem andern vor unſern ſtaunenden Augen zu verkörpern.
Da kamen in langer, impoſanter Reihe nach und nach die großen Rollen; von Schiller: Franz Moor, Wurm, Burleigh, Domingo, Talbot, Chorführer(Braut von Meſſina), Geßler, Muley⸗Haſſan; von Göthe Mephiſto, Carlos(Clavigo), Antonio(Taſſo); von Leſſing: Nathan und Marinelli; von Shakeſpeare: König Johann, Richard III., Hamlet, Shylock, Jago, Mercutio. Mit jeder neuen Rolle erweiterte ſich der Kreis von Poſſart's Freunden, mit jeder neuen Leiſtung wuchs der Künſtler unter unſern Augen. Was Poſſart bringt— wir wollen durchaus nicht behaupten, daß Alles makellos von ihm ſei— iſt, ſelbſt wenn es nicht mit unſerer Auffaſſung über⸗ einſtimmen, wenn es den allgemein gültigen Anſichten ſogar aufs Schroffſte entgegentreten ſollte, doch immer reiflichſt durch⸗


