or r⸗
en ur en ſie
————————————————————— — S
Auch„Figaro“ ſchmückt ſich mit faſt täglichen Speiſe⸗ bulletins dieſes Herrn, die er unter dem Titel„Causeries du Baron“ bringt. Der Mann macht ſich berühmt durch Cotelettes, Poulards und Omelettes. Alle, die ihr Abendgebet mit
Rhabarber-Pillen verrichten, ſchwören auf ihn. Die populärſten
Schriftſteller in Paris können ſich alſo ihres Publikums nicht mehr verſichert halten, es ſei denn, ſie aſſociirten ſich mit einem Küchen Verſtändigen, der ihm alle Tage von Trüffeln, Faſanen, Saucischen und Paſteten erzählte.
Der Kopf dictirt alſo nicht mehr, ſondern der Magen. Und wie viel wichtiger noch ſind die Kleider. Man kann ſich, um anſtändig zu erſcheinen, der Trüffeln und Faſanen ent⸗ ſchlagen, nicht aber des Fracks und der weißen Cravatte.
Auch Alexander Dumas verfällt ſeit einiger Zeit auf die
ſeltſamſten Mittel, den Glanz ſeines Namens zu erhalten.
Seit einiger Zeit ſieht man ihn, den Vlten, photographirt in den Schaufenſtern in Hemdsärmeln, ohne Weſte daſitzend; an ihn geſchmiegt ein junges Weib mit dem Gliederbau der Capitoliniſchen Venus. Auch ſie iſt ohne Weſte, nur in Tricots gekleidet, über welche ſich um die Hüften ein weißer Schurz ſchlingt.
Es iſt Adah Menken, die amerikaniſche Künſtlerin der Pantomime, die hier ſeit einem Vierteljahr allabendlich im Theater Gaité in den„Piraten der Savanna“ auftrat, ſich als Mazeppa auf ein wildes Roß ſchnüren ließ und hier in der Photographie ſo zahm und ſanft den dicken alten Papa Dumas umarmt.
Ingrimmig darüber, daß der Photograph das Bild aus⸗ ſtellen ließ, verklagte er den Letzteren, und der alte Farceur
blamirte ſich nicht nur vor dem Publikum, ſondern auch noch
vor dem Gericht, das ihn abwies.
Der Alte hat's übrigens gut. Aber auch er hat ſeine ſchlechten Abſichten. Er macht ohne Zweifel transatlantiſche Studien mit der Amerikanerin, denn er will nach Amerika gehen und Vorträge halten, Conferenzen nennt man dies hier.
Miß Adah Menken, die man hier nur auf dem Rücken eines alten Gaules und auf dem des alten Dumas geſehen,
geht nach Wien und von da nach Berlin. Man ſagte, Papa
Dumas wolle ſie begleiten, aber ich glaube das nicht.
Sonderbare Karavanen ſind während der letzten Tage von Deutſchland hier eingetroffen. Amerika treibt mit Deutſch⸗ land einen Sklavenhandel, den ich denunciren muß.
— 551„—
Ganze Ladungen von Ballet⸗Figurantinnen kamen von Berlin und andern deutſchen Städten hier an, um ſofort nach Havre auf's Schiff gebracht zu werden. Sie gehen nach New⸗ York, wo der Theaterdirector Palmer die„Biche au Bois“ in Scene ſetzt, nachdem er mit der„Peau d'ane“ im vorigen Winter die Bagatelle von 600,000 Franes verdient.
Zu Hunderten werden die Mädchen für dieſes Ballet aus allen Nationen rekrutirt. Bei den Agenten iſt hier faſt täglich große Sklavenſchau. Alles, was ſchöne Büſte und ſchöne Beine hat, bekommt Handgeld, wird zum Hafenplatz trans⸗ portirt und nach Amerika eingeſchifft.
Aehnliche Ladungen treffen auch hier von London ein für das Theätre⸗International, und ſo kommt es, daß heutzutage eine Tänzerin zu einem ganz touriſtiſchen Lebenswandel ge⸗ bracht wird. Berlin, Petersburg, Odeſſa, Tiflis, Konſtantinopel, Paris, London, New⸗York, das ſind die großen Ballet⸗Etappen geworden, zwiſchen welchen dieſes leichtfertige Geſindel auf allen Meeren umherhüpft.
In den Pariſer Kirchen wird Buße gepredigt, weshalb gerade jetzt, weiß ich nicht, denn ich bin ein zu ſchlechter Chriſt und zu wenig katholiſch, um alle die Gründe zu kennen, aus welchen man eine Predigt halten kann.
Pater Felix donnerte in der Notre⸗Dame, Pater Braun, ein geborner Ungar, der, wenn ich nicht irre, Anfangs dem Indenthum angehörte, als Bonvivant alle Sünden kennen lernte, um ſie ſpäter bekämpfen zu können, er predigt dem Hofe, Alle aber predigen ſie gegen die Laſterhaftigkeit der Geſellſchaft und rufen zur Buße.
Man behauptet, es gingen deshalb viele unſerer Madeleinen augenblicklich mit niedergeſchlagenen Augen, bleichen Wangen und Lippen und in ſchwarzen Gewändern umher. Wahr iſt es, daß die Frauen alle ſündige Kleiderlaſt abgelegt, wie ich oben angedeutet, aber ob die Madeleinen ſich zum Fuße des Kreuzes ſchleppen und beten werden wie ihr Vorbild, die heilige Magdalena, ich bezweifle das. Es iſt hier ebenſo guter Ton, in die Kirche gehen und zu bereuen, wie es noth⸗ wendig iſt, um neue Sünden zu begehen. Im Uebrigen weiß ja die Pariſerin, daß der liebe Gott viel nachſichtiger mit ihr iſt als ſeine Prieſter, und er muß wohl, denn ſonſt bekäme er ſicher keine von ihnen in ſeinen Himmel.
Hans Wachenhuſen.
g—2 2 —
königl. bair. Hofſchanſpieler.
Eine biographiſche Skizze von C. A. Dempwolff.
Im Anfange des Jahres 1862 erlitt eine Aufführung des damals neuen Stückes von Rud. Gottſchall,„Der Nabob“, im Breslauer Stadttheater eine merkwürdige Unterbrechung.
In einer der ergreifendſten Scenen, der des Indiers Matali, den ein damals ſehr unbekannter junger Schauſpieler Namens
Ernſt Poſſart mit ungemeiner Lebendigkeit und Wahrheit ſpielte, erhob ſich plötzlich oben auf der Galerie ein wüſter
Lärm, der ſich erſt ſpäter in eigenthümlich intereſſanter Weiſe
erklären ſollte.
Kurz vorher war in Breslau ein Schloſſermeiſter unter geheimnißvollen Umſtänden ermordet worden. Mitten in der Gottſchall ſchen Tragödie waren die Worte, von beredten Lippen geſprochen, an des Mörders Herz gedrungen und hatten ſein Gewiſſen gerührt, ſo daß er noch während des Stückes ſich oben auf der Galerie den Händen der Gerechtig⸗
keit ſelbſt übergab. Gewiß ein Triumph der Schauſpielkunſt, wie er ſelten dageweſen!
Dies paſſirte dem Helden unſerer biographiſchen Stizze: Ernſt Poſſart, nachdem er vor kaum einem Jahre die welt⸗ bedeutenden Bretter betreten.
Damals war der berühmte bairiſche Hofſchauſpieler noch ein ſehr junger Anfänger, deſſen Spiel, wie der Erfolg zeigte, allerdings ſchon zu den größten Erwartungen berechtigte, der aber ſich ſelbſt und ſeine Mittel noch nicht kannte und da⸗ mals noch ſehr an der Neugeſtaltung ſeines Schickſals, die er ſelbſt heraufbeſchworen, litt.
Ernſt Poſſart iſt ein Berliner Kind vom reinſten Waſſer. Die wohlhabende und angeſehene Familie verwandte viel auf die Ausbildung des hoffnungsvollen Knaben. Er beſuchte das berühmte Friedrich⸗Wilhelms⸗Gymnaſium und trat dann nach beſtandenem Maturitätsexamen, auf beſonderen Wunſch ſeines Vaters, in die renommirte Berliner Buchhand⸗ lung von E. H. Schröder als Lehrling ein.
Wenn auch Poſſart's Fleiß und Anſtelligkeit ihm das Lob ſeines Chefs erwarben, ſo ſchien doch der Beruf wenig Reiz für ihn zu haben. Was waren ihm Brockhaus oder Cotta, Wigand oder Spamer gegen Ludwig Devrient, Seidel⸗ mann, Iffland oder Döring? Das Theater und Alles, was mit dieſem zuſammenhing, übte auf dieſen Zögling des deut⸗ ſchen Buchhandels einen eigenen Zauber aus, welchem er ſich nicht entziehen konnte noch mochte. In der Schröder'ſchen


