Jahrgang 
1867
Seite
549
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lieren, den eigentlichen Odeur von Paris zu athmen.

Wir haben in dieſem Kunſtſtück das genaue Vorbild jener Vorſtellungen der Herrn Davenport und Fay, nur mit dem Unterſchiede, daß es ſich dieſe Herrn noch etwas bequemer machen, ſich in einen Schrank ſperren, an einem Tiſch ſitzen und ſich des Beiſtandes ihres Gehilfen bedienen, was ihr Samojeden⸗ College in ſeiner höheren Virtuoſität nicht thut, überhaupt

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dergleichen Mittel zur Ausführung ſeines Spieles für nicht nothwendig erachtet.

Vielleicht werden die bezeichneten Herrn durch dieſe Mit theilung veranlaßt, zu ihren ſehr begrenzten Productionen noch die urſprünglich ſomojediſche hinzu zu fügen, wodurch ihr Ruf nur gewinnen würde.

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Weltausſtellungs-Bilder.

DieFührer in Paris und die(Gazette des étrangersv. Was ein Fremder Alles zu leiſten hat. Die Freuden und Leiden auf dem Marsfelde. Held Girardin. Die Frühlingsmoden der Damen. Kopf und Magen. Dumas péère und Adah Menken.

Die Ballet⸗Sklavinnen. Die Madelainen.

Meine bisherigen Weltausſtellungs⸗Bilder ſollten eben nur die Phyſiognomie des Pariſer Lebens enthalten. Das gegen⸗ wärtige bringt kleine Augenblicks⸗Bilder, gewiſſermaßen eine Chronik der Weltausſtellung.

Ich verſtehe es nicht, einenFührer durch Paris zu ſchreiben, der die Sehenswürdigkeiten mit A, Apotheke beginnt und alle die Curioſitäten der Muſeen mit peinlicher Gewiſſen⸗ haftigkeit herzählt. Jeder Fremde thut am beſten, ſich hier auf dem Boulevard für ein paar Sous einen dieſer Guides de Paris zu kaufen, die ihm von Colporteuren in die Hand gegeben werden, und daraus zu wählen, was ihm als das Intereſſanteſte erſcheint.

Mit Kopfſchütteln blicke ich ſtets in dieſeFührer, deutſche wie franzöſiſche, denn gewöhnlich ſtellen ſie an den Vergnügungs⸗Reiſenden Anforderungen, die zu erfüllen kaum ein Sterblicher vermag. Es kommt ihnen nicht darauf an, von dem Reiſenden zu verlangen, er ſolle in einem Tage eine Tour machen, die mindeſtens ihre vier Meilen beträgt. Was fragt der Verfaſſer des Buches danach, ob der Fremde Abends mit zerſchlagenen Gliedern daliegt und am nächſten Tage unfähig iſt, den Fuß zu rühren; wenn er ihn nur recht weit und mit aller Oekonomie der Zeit umhergejagt hat.

Naiv iſt namentlich die hieſigeGazette des étrangers in dem Programm der Vergnügungen und Unterhaltungen, das ſie abwechſelnd zum Nutzen der Fremden veröffentlicht. Da leſe ich z. B. wörtlich unter der Rubrikvoir oder visiter folgende, den nach Paris kommenden Fremden ge⸗ machte Zumuthung:

de 8 heures matin jusque 8 h. soir cours de danse

chez Mr. Perrin, de 10 heures matin jusque 10 h. scir cours et lecons d'escrime chez Mr. Chose,

bains Rue St.-Lazare, etc.

Wenn alſo ein Fremder in Paris um 8 Uhr Morgens aufſteht, was kein unbilliges Verlangen iſt, ſo ſoll er erſt hin⸗ gehen und von 9 bis 11 Uhr Tanz⸗Unterricht nehmen. Dann ſoll er von 12 bis 2 Uhr auf dem Fechtboden üben, dann ein Bad nehmen, und danach wird er denn wohl, meine ich, für den Tag des Amuſements genug haben und ſich hinlegen können, um bis zum andern Morgen auszuruhen und dann beliebig fortzufahren. Es iſt unglaublich, was man hier Alles zu beſorgen hat!

Ein rechtſchaffener Fremder wird in Paris ſeine acht Tage ſehr zweckmäßig und mit Aufopferung ſeiner Lunge verwenden müſſen, um die Sehenswürdigkeiten zu beſuchen; von dem eigentlichen Pariſer Leben aber wird er dann kaum Zeit ge⸗ habt haben, auch nur eine Idee zu bekommen.

Es iſt ſtets meine Meinung: lieber ein paar Gobelins oder Bilder, ein paar verroſtete Waffen, ein paar zerbrochene römiſche oder griechiſche Töpfe weniger ſehen, als die Zeit Lieber mit Genuß ſich treiben laſſen, als athemlos von einem Palaſt zum andern jagen, ſich dann noch ebenſo athemlos ins Coupé zu werfen und endlich noch ganz ebenſo athemlos wieder zu Hauſe anzulangen.

Wer die Weltausſtellung mit einigem Genuß anſehen will, der wird ſchon ſeine acht Tage hierzu gebrauchen und im Grunde doch nichts davon tragen als einen allgemeinen Ueberblick. Wer ſie gründlich ſehen will, braucht dazu drei Monate.

Glaube Niemand, daß er am Morgen die Sehenswürdig⸗ keiten der Stadt beſuchen und dann Nachmittags ſich der Weltausſtellung hingeben könne. Die Reiſe durch die letztere iſt ſo ermattend, daß ſie ſtets einen Tag für ſich allein haben will.

Ebenſo nothwendig iſt es für jeden Fremden, das Mars⸗ feld nur mit einem beſtimmten Feldzugsplan zu betreten, ſich die Tage hierzu einzutheilen und mit Ruhe eine Abtheilung nach der andern zu beſehen.

Wer, den Induſtrie⸗Palaſt betretend, ſich die Sporen in die Seite ſetzt und ventre à terre durch denſelben jagt, der wird im beſten Falle ganz confus wieder heraustreten und nichts geſehen haben als eine ungeheure maſſenhafte Anhäufung der heterogenſten Gegenſtände und ſich über nichts Rechen⸗ ſchaft geben können.

Gerade die Aufmerkſamkeit, welche man ſpeciellen Dingen widmet, bietet den Vortheil, den man davontragen ſoll. Man laſſe ſich nicht verwirren durch das erdrückende Uebermaß, ſuche ſich aus Allem mit Ruhe das Intereſſanteſte heraus und laſſe Unbedeutendes bei Seite liegen.

Kein Beſucher der Weltausſtellung entgeht der lähmenden Einwirkung, welche dieſe Anhäufung von Wundern auf Körper und Geiſt machen muß. Die geiſtigen Fähigkeiten des In⸗ dividuums werden überſpannt, die Sinne werden verwirrt, das Auge erlahmt und fühlt ſich geblendet, das Ohr wird betäubt durch den Lärm der Maſchinen, die Füße ermüden.

Schließlich taumelt man auf irgend einen Seſſel, um ſich zu ſammeln. Da tritt der Vermiether der Stühle heran und verlangt ſeine zwei Sous für den Seſſel, denn Alles iſt hier verpachtet. Man zahlt und fängt von vorn an, ſich zu ſammeln. Endlich entſchließt man ſich, nach der Stadt zurück⸗ zukehren, um zu Hauſe oder in irgend einem Cafe dieſen Sammlungsproceß zu beginnen, da das uns umgebende Gewühl den Geiſt zu keiner Einkehr gelangen läßt, und hier gibt

man ſich erſt nach einem vier⸗ oder fünfmaligen Beſuch Rechen⸗

ſchaft über das, was man eigentlich geſehen.

Es war ein Rieſenwerk für Viele, das Alles aufzu⸗ bauen und zur Schau zu ſtellen. Aber es iſt auch ein Rieſen⸗ werk für den Einzelnen, das Alles zu genießen.

In demAlbum de l'Exposition finde ich das nach⸗ ſtehende kleine Wochen⸗Programm für den Fremden, das nicht allzu unbillig verfährt:

Montag: Le Bois de Boulogne, le Jardin d'acclimatation, Cascade, Lac et Rivière, I'Arc de Triomphe, le Parc Mon- ceaux, la Bibliothéque Impériale, les Medailles; Opéra.

Dienstag: Palais et Musée du Luxembonrg, I'Obser- vatoire, le Trésor de Notre-Dame, la Sainte-Chapelle, le Palais de Justice, le Panthéon, le Palais-Royal, Théätre frangais.

Mittwoch: Puits artésien de Grenelle, les Invalides,