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placiren, ich möchte dennoch nicht unausgeſetzt die Luft einer Sphäre athmen, die— entre nous— ſo eng wie hoch iſt. Ich beſitze eine kleine Portion Eitelkeit. Mein Bruder nennt das„Degeneration“ und„Angewehtſein von demokratiſchem Peſthauch“; ich erkläre es nur für Hang zur Freiheit. Dieſer Hang trieb mich auch, andere Menſchen kennen zu lernen als Excellenzen, Kammerherren und ſo weiter. Mein Vormund, gegen den ich mich brieflich hierüber ausgeſprochen, ſchrieb mir zu meinem Troſt zurück:„Folge dem Zug deiner Natur, liebes Kind; ſie wird dich richtiger leiten und dich glücklicher machen, als der eingeſchnürte Gang in dem Panzer herkömm⸗ licher Satzungen!“
„Der alte, würdige Herr“, ſchaltete der Baron zu⸗ ſtimmend ein,„kennt das Hofleben aus eigener Erfahrung.“
„Darum läßt er mich ſo mild gewähren“, fügte die Comteſſe hinzu,„trotz der Beſchwerden, die Alexander bei ihm gegen mich erhebt. Ich ließ mich in die Häuſer einiger her⸗ vorragender Gelehrten einführen und geſtehe, daß mir die Abende dort bei weitem mehr Früchte getragen als alle Bälle, Diners und Soupers bei gewiſſen durchlauchtigen Herrſchaften. Der Sinn für Dinge ward in mir geweckt, die vordem gänzlich außerhalb meines Horizonts lagen. Jetzt erſt erſchien mir das Leben und meine Jugend intereſſant.“
„Namentlich, nachdem Ihnen auch das Weſen der Kunſt in jenen Kreiſen erſchloſſen worden“, ergänzte Hochberg,„nicht wahr, Comteſſe?“
„Ich verdanke“, antwortete ſie zögernd,„die meiſte Anregung auf dieſem Gebiet einem Manne, den ich im Cirkel des Profeſſor Brand traf.“
„Warum nennen Sie ihn nicht, Comteſſe? Es iſt Weikert!“
„Ja er iſt's!“ bekräftigte Margarethe.„Und ich habe heimlich ſeinen herrlichen Cromwell entſtehen, wachſen, ſich vollenden ſehen.“
„So, ſo!“ Der Baron dehnte die Worte und bog ſich vorwärts zur Erde.
„Was thun Sie?“ fragte die junge Dame.
Er hob ſtumm vom Teppich das Buch auf, worin die Comteſſe vor ſeiner Ankunft geleſen, behielt es in der Hand und blätterte darin. Margarethe ſah beklommen ſeinem Treiben zu. Als er wohl eine Minute nicht ſprach, fing ſie leiſe wieder an:„Das Gemälde erwarb ſich im Sturm die Be⸗ wunderung der Kenner und Laien, aber dem Künſtler, der darauf angewieſen, die Erzeugniſſe ſeiner Thätigkeit zu ver⸗ werthen, kann der bloße Zungenbeifall nicht genügen. Ich bemühte mich daher, ihm einen Käufer für das Werk zu
ſchaffen, und gerade heute, als Sie bei ihm waren, konnte ich
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ihm melden, daß ſich ein zahlungsfähiger Liebhaber gefunden.“ Jetzt ſchaute der Baron erſt von dem Buche empor und fragte:„Wirklich?“ „Woher Ihr Zweifel?“ verſetzte die Comteſſe. „Vergebung!“ bat Hochberg.„Alſo ein Käufer ge⸗ funden?“
„Ja, und das war der Grund, aus dem Mathilde Herrn
Weikert auf heute Abend zu mir bitten ſollte.“ „Das war—“ dem Baron verſagte das Wort. „Was iſt Ihnen?“ forſchte ſie beängſtigt.
Er raffte ſich gewaltſam zuſammen:„Sie werden des Vergnügens, ihn zu empfangen, verluſtig gehen, Comteſſe! Sagt' ich Ihnen nicht, Mathilde ſei durch den Grafen ver⸗
hindert worden, irgend eine Beſtellung auszurichten?“
hat ſie nicht abgegeben?“
auf ihn, ſondern eilte der Thür zu.
„Wohin, Mathilden nicht früher zu Ihnen laſſen.“
Erregt fuhr die junge Dame empor:„Auch meinen Brief
„Auch einen Brief?“ ſprach Hochberg langſam nach, und
ſeine Augen vergrößerten ſich. Margarethe achtete nicht mehr Plötzlich erinnerte der Baron ſich, welcher Gefahr ſie ſich ausſetze. Er ſprang auf: Comteſſe? Ihr Bruder erwartet mich und wird Die junge Dame blieb ſtehen und legte die Rechte an die Stirn. Hochberg
vorhin eine Frage an mich auf der Zunge.“
„Ich kann dieſelbe jetzt anders faſſen, Comteſſe Mar⸗
garethe! Wenn der Mann, deſſen Kunſt wir Beide hochſchätzen,
in dieſer Stunde an meinem Platze ſtände, hätten Sie ihm
wirklich nur mitzutheilen, daß ſein Gemälde in fremden Be⸗
ſitz übergehen ſoll?“ 3 c
„Was ſonſt?“ erwiderte Margatethe mit der offenſten
Miene. Eine Pauſe entſtand, in welcher Jeder den Andern
prüfend anblickte. Die bekümmerten Züge Hochbergs er⸗
heiterten ſich ein wenig.
„Dann würde es leicht ſein“, begann er,„die Aufge⸗
brachtheit Alexander's zu beſänftigen; denn er wähnt, Ihre
Schwärmerei für den genialen Maler—“ hier brach der Baron ab, da die Comteſſe ſeinen Blick nicht mehr mit der vorigen Ruhe auszuhalten vermochte. Er biß ſich auf die Lippe„Ei, ei, Sie ſind nicht aufrichtig gegen mich! Alſo iſt es dennoch wahr, was Ihr Bruder fürchtet? Weikert liebt Sie!“
„Er mich?“ Daß Wort war heraus, das Blut ſchoß ihr zu Häupten, ſie ſuchte einen Stützpunkt, um ſich aufrecht zu halten, Hochberg bemerkte es und bot ihr die Hand, nach der ſie mechaniſch griff. ℳ
„Ich kann es nicht verbürgen, Comteſſe“, ſprach er mit erheuchelter Feſtigkeit;„llein das weiß ich jetzt: Sie lieben ihn!“
„Wer ſagt das?“ zuckte ſie auf und trennte ihre Finger von den ſeinen.
„O, warum noch leugnen?“ fuhr er ſehr ſanft fort, wo⸗ bei er zu lächeln verſuchte.„Es iſt ja keine Schmach, einen hochbegabten Menſchen ins Herz zu ſchließen. Schon den großen Malern Murillo und Van Dyck wurde das Glück zutheil, Gräfinnen als Hausfrauen heimzuführen. Warum ſchütteln Sie die Locken? Ich glaube, Ihr Gefühl findet Erwiderung. Wenigſtens ſprach unſer Meiſter von beſonders günſtigen äußeren Einflüſſen, die auf ſeine Stimmung ge⸗ wirkt und ihm die Vollendung ſeines Cromwell in der un⸗ glaublich kurzen Friſt möglich gemacht. Wie lange kennen Sie einander?“
„Seit dem November!“ hauchte Margarethe.
„Alſo etwa fünf Monate, und vier hat die Ausführung des Werkes erfordert— nun ſteht es feſt, Comteſſe: Sie ſind geliebt!“
Von allen hohen und ſchönen Momenten im Leben kann ſich keiner mit dem Augenblick meſſen, in welchem ein junges Herz die Beſtätigung erhält, daß es nicht vergebens für eine andere Menſchenſeele glüht. Und zwar iſt das Glücksgefühl um ſo mächtiger, wenn die Verſicherung durch eine dritte Perſon gegeben wird. Findet die erſte Offen⸗ barung des ſüßeſten Geheimniſſes zwiſchen den Liebenden ſelbſt ſtatt, ſo ſchneidet räthſelhafter Weiſe ein tiefer Schmerz in die Wonne ein; die gegenſeitige Erklärung befreit die Ge⸗ müther nicht, wie man glauben ſollte, von einer Laſt, ſondern wälzt an Stelle der bisherigen Ungewißheit eine neue, weit ſchwerere auf die Bruſt.„Was nun?“ fragt Jeder von Beiden ſich insgeheim;„jetzt ſind wir unauflöslich aneinander gebunden für alle Zeit; wie wird die Zukunft ſich geſtalten?“ Nur ſehr leichtſinnige, oberflächliche Menſchen kann ein völliger Rauſch umfangen, wenn die drei Worte fallen:„Ich liebe dich!“ Aber wohl übermannt derſelbe Rauſch auch tiefe Naturen, wenn, wie erwähnt, ein Andrer als der Geliebte die erſehnte Enthüllung bringt; er erſcheint dann der Iris gleich, vom farbigen Bogen herab dem Erdegeborenen den Beſchluß der Himmliſchen verkündend.
Ein ſolcher Götterbote war Hochberg für die Comteſſe. Sie hätte vor Dankbarkeit ſeine Hände küſſen mögen, wäre ihr nicht in der nämlichen Secunde durch die Bläſſe ſeiner Wangen und das dunkle Glühen ſeiner tief in die Höhlen zurückgeſunkenen Augen erſchreckend klar geworden, was ſie
berührte leicht ihre Linke:„Ich will Sie, wie geſagt, vor dem
Ausbruch ſeines Jähzorns ſchützen!“
wol zuweilen geahnt, ſich aber ſtets ſchnell aus den Gedanken geſchlagen: daß er ſelbſt Leidenſchaft für ſie empfand. Sie
Halbzerſtreut verſetzte ſie:„Baron Benno, Sie hatten—
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