Jahrgang 
1867
Seite
545
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Die

Waffe.

Erzählung von Otto Girndt.

(Fortſetzung.)

ei gedämpftem Lampenlicht lag Comteſſe Margarethe in eine Chaiſe⸗longue zurückgelehnt und las. Aber ihre Auf⸗ merkſamkeit war nicht bei dem Buch; denn jedes kleinſte Geräuſch zog ihre Augen von den in Goldſchnitt gebundenen Blättern nach der Thür. Plötzlich ſchnellte die ſchlanke Geſtalt

aus der ruhenden Stellung empor, neigte das Ohr und

lispelteMein Bruder! Das Buch ſank über ihr ſeidenes

Gewand auf den Teppich hinab. Sie merkte es nicht, ſondern lauſchte mit angehaltenem Athem den ſchweren Tritten der Reiterſtiefel, welche die Treppe heraufſtiegen. Doch was ſie fürchtete, blieb aus: der Bruder erſchien nicht in ihrem Gemach, die Tritte verloren ſich im Corridor, wo des Grafen eigene Zimmer lagen.

Es war der Comteſſe, als höre ſie noch andere Perſonen draußen gehen, und richtig: es pochte an ihre Thür.Ah, Mathilde! und über das Antlitz der jungen Dame flog es wie Frühlingsſchein.Herein! rief ſie lebhaft, wartete jedoch den Eintritt der erſehnten Zofe nicht ab, vielmehr ſtand ſie ſchon an der Schwelle, als geöffnet wurde, und fragte voll Haſt:Wird er kommen?

Verzeihung, Comteſſe, wenn ein Anderer kommt, als Sie hoffen!

Baron Hochberg! Sie?

Ja, ich, Comteſſe Margarethe, um eine Unannehm⸗ keit von ihnen abzuwenden!

Sie erſchrecken mich. Wie traurig klingt Ihr Ton wie düſter ſchauen Sie drein!

Vergeben Sie, wenn ich nicht ſtark genug bin, meinen Schmerz zu verhüllen! Es gibt Gemüthserſchütterungen, die jeder Selbſtüberwindung ſpotten.

Um Gott, lieber Baron, was iſt geſchehen?

Erlauben Sie mir zu ſitzen, Comteſſe!

nieder an den Boden geheftet, begann ſeine Mittheilungen und brachte ſie in tonloſem Vortrag zu Ende, anſcheinend ohne durch Margarethens leiſes Schluchzen an manchen Stellen im Geringſten bewegt zu werden.Das Einzige, ſchloß er, was ich über Alexander vermocht, war, daß er mir die Gunſt gewährte, Sie, Comteſſe, früher ſprechen zu dürfen, als er ſelbſt. Beantworten Sie mir nun, wenn meine herz liche Bitte Ihnen Etwas gilt, unumwunden eine Frage!

Die Comteſſe legte ſanft die Fingerſpitzen ihren Rechten auf des Barons Arm und forderte mit noch immer erſtickter Stimme:Ehe Sie fragen, hören Sie mich! Ich ging Sie und Alexander an, Weikert's Atelier zu beſuchen, weil ich hoffte, das mächtige Kunſtwerk werde ſeinen Zauber ſelbſt auf eine Natur üben, wie die meines Bruders leider iſt.

Dies Leider, Comteſſe, berechtigt mich zu einem Geſtänd⸗ niß. Glauben Sie, das Weſen des Grafen ſei dem meinigen ſympathiſch? Nichts weniger! Unſere Lebensanſchauungen gehen in jedem Punkte, in jedem, weit auseinander. Alexander hätte vor zwei Jahrhunderten auf die Welt kommen müſſen, dann wären ſeine Anſichten über Menſchen und Dinge allen⸗ falls geringere Verſtöße geweſen, als heutzutage, wo ſie nicht nur die Humanität, ſondern ſogar den geſunden Menſchen⸗ verſtand beleidigen. Ich bin auch«von Familie, wie wir

lächerlicher Weiſe zu ſagen pflegen, doch darauf in unſerer Zeit den Bürgerlichen gegenüber noch einen Trumpf ſetzen zu wollen, würde mir ebenſo verkehrt und thöricht erſcheinen,

Kommen Sie armer Freund! Sie vergaß einen Augen⸗ blick, weshalb er ſie aufgeſucht, zog ihn zu einem Fauteuil

neben der Chaiſe⸗longue und fuhr fort;Weiß Alexander, was Ihnen widerfahren?

Gerade vor ihm, vor ſeinem Jähzorn will ich Sie ſchützen!

Ein kurzer, unartikulirter Schreckensruf war die einzige Erwiderung der junge Dame. Der Baron, den Blick vor ſich

Wachenhuſen's Hausfreund. K. 12.

wie wenn der Chriſt eine edlere Creatur zu ſein glaubt als der Jude.

O, dächte mein Bruder, wie wir! ſeufzte die Comteſſe.

Ich hab' es längſt aufgegeben, ſprach Hochberg weiter, ihn von ſeinen Vorurtheilen zurückzubringen, und hätte mich wahrlich auch längſt ſeiner Geſellſchaft entzogen, wenn nicht er hielt ſtockend inne und ſah zum erſten Mal, ſeit er Margarethen nahe ſaß, in ihre Augen. Unausſprech⸗ licher Schmerz brannte in ſeinem Blick, ſo daß Margarethe den ihrigen niederſchlug und ablenkte:

Sie ſollten und wollten mich hören, Baron Benno! Hochberg neigte ſchweigend das Haupt, wie Jemand, der ge⸗ faßt iſt, die Verkündigung eines Schickſals zu vernehmen, das er bereits ahnt. Die Comteſſe fuhr weich fort:Sie wiſſen, wie wenig der Gedanke, Hofdame zu werden, mir zuſagt. Wollte man mich auch nicht bei der alten, grämlichen Prinzeſſin

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