Jahrgang 
1867
Seite
543
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es hierher auf fremde wilde Erde, rings umgeben von feind⸗ lich geſinnten Volksſtämmen, verpflanzt hatten. Unerſchrocken drangen ſie weiter und weiter oſtwärts vor. Anſiedelung auf Anſiedelung erſtand. In nicht gar langer Zeit ſchützten ſchon feſte Mauern und Burgen auch einige volkreiche, gewerbthätige Städte, welche ein freiſinnig geordnetes Gemeinweſen zu immer größerer Bedeutung und Blüte erhob. Der Handelszug mit dem Oriente ging damals noch durch dieſe Ländergebiete, wo⸗ durch ſich der Wohlſtand und politiſche Einfluß der deutſchen Colonien weſentlich erhöhte. Mit dem weitentfernten Mutter⸗ lande hielten ſich die Ausgewanderten ſiets in freundlicher Verbindung. So brachten namentlich reiſende Kauf⸗ und Handelsleute Bücher mit, welche damals einen hohen Werth hatten, wo von Druckereien im Inlande noch keine Rede war. Nach der Reformation beſſerte ſich's auch in dieſer Hin⸗ ſicht bedeutend. Namentlich Johannes Honterus, der Refor⸗ mator Siebenbürgens, und ihm gleichgeſinnte Männer, wirkten erſtaunlich auf die geiſtige Fortbildung ihres Volkes. Bücher in deutſcher Sprache waren fortan keine Seltenheit mehr. Auch die lateiniſche Sprache war bei Gebildeten in hohem Anſehen, und Viele wußten ſich darin beſſer auszudrücken als in dem ungelenken Idiom ihrer deutſchen Altvordern. Nur das Landvolk hielt auch hier feſt an alter Sitte und Sprache. Im Volke erhielten ſich am längſten jene oft uralten Sprich⸗ wörter und Redensarten, die ſich wegen treffender Kürze und leichter Faßlichkeit tief dem Gedächtniſſe eingeprägten und den Leuten wit dem ſchlichten Sinn oft alle Philoſophie ent behrlich ſcheinen ließen. Das Sachſenvölkchen beſitzt einen großen Schatz ſolcher alter Sinnſprüche, Bauernregeln und Zauberformeln, die oft dem höchſten Alterthum entſtammen. Im Folgenden erlauben wir uns, dem geehrten Leſer einige Proben von Sprichwörtern zu geben, die wir F. W. Schuſter's trefflichem Sammelwerke entnommen. Wir übergehen dabei die eigentlichen Bauernregeln, deren herzliche Naivetät oft unwillkürlich zum Lachen reizt, und welche ſo treffend beweiſen, daß auch unſere Bauern hier der echt deutſchen Uebergemüthlichkeit treu geblieben ſind, die nicht zu verwüſten iſt. Der wahre Gläubige wird, wenn ſeine Regeln auch hundert⸗ mal durch Wetter und Schickſal zu Schanden gemacht wurden, dennoch treuherzig ſich einbilden, daß ſie in hundert und einem Falle doch einmal zutreffen würden.

Welch ſpeculativer Sinn ſchon die alten Sachſenväter oft durchdrang, ſpricht ſich am beſten in Folgendem aus: Wun em saijnt fum helige giszt,

da gält det kiren det allermist. Wenn man ſingt vom heil'gen Geiſt, ſo gilt das Korn am allermeiſt!

Alſo zur Pfingſtzeit, wo in der Regel die alten Vor⸗ räthe aufgezehrt ſind, und die Ernte des neuen Kornes noch ſo fern und ungewiß iſt; da mochte wohl manchen reichen Bauern, der am Pfingſttage auf dem Wege zur Kirche die weiten, grünen Kornfluren durchwanderte, der Speculations⸗ geiſt in der Andacht ſtören, wenn er berechnete, wie viele hundert Kübel prächtigen Weizens er noch im feuerſicheren Kirchencaſtell liegen habe, und was für einen Haufen blanke Gulden es geben würde, wenn er jetzt Alles losſchlagen möchte.

Recht anſpornend zu Fleiß und eifriger Thätigkeit iſt auch folgendes Sprichwort, deſſen Sinn dabei ſehr klar iſt:

Wier nät go wäl mät dem raichen, dat en de schnöken sén staichen, maisz äm wänter mät dem s6l, änt frögen of nät häài äsz fél.

Wer nicht geh'n will mit dem Rechen, daß ihn nicht die Schnaken ſtechen, muß im Winter geh'n mit dem Seil und fragen: ob nicht Heu iſt feil?

Alſo aus nichtigen Gründen ſcheue man nicht die Arbeit, ſonſt kommt man zu Schaden. Man kann ſich leicht denken, in welch fataler Lage ein Landmann iſt, wenn er aus Sorg⸗ loſigkeit nicht bei Zeiten für ſein Vieh das nöthige Heu⸗

quantum beſchaffte, und dann im Winter, wo es in der Regel

am theuerſten iſt, mit dem Seil gehen muß, um es bündel⸗ weiſe von den Nachbarn aufzukaufen und nach Hauſe zu ſchleppen.

Eine recht gute Lebensphiloſophie iſt namentlich auch oft in Sprichwörtern enthalten, die ſich auf Hochzeit, Heirathen und ähnliche Lebensverhältniſſe beziehen. So enthält folgen⸗ des Sprichwort eine recht beißende Kritik ſolcher Leute, die geneigt ſind, bei Hochzeiten einen unangemeſſenen Aufwand zu machen denen nichts gut genug iſt, und die dabei nicht an die Zukunft denken:

Af der hochzet wich brit,

no der hochzet kämer uch nit.

Auf der Hochzeit weiches Brot,

nach der Hochzeit Kummer und Noth.

Welche Gegenſtände ſchon in älterer Zeit die Sachſen ganz beſonders in culinariſcher Hinſicht zu ſchätzen wußten, lehrt folgendes Sprüchlein, in welchem ſich am Schluſſe zu⸗ gleich eine recht naive Galanterie ausſpricht, da nach Speck und Sauerkraut auch der ſchönen Frauen gedacht wird:

Dräser brit Draſer Brot.

Heltner kreokt, Heltauer Kraut,

Strekferder bäflisch, Streckferder Speck,

3o1keser weinj Bolkatſcher Wein,

Scheszburger fràn Schäßburger Frau'n

dien äsz geat seinj. bei denen iſt gut ſein.

Wie ſehr unter dem Sachſenvolke häusliche Tugenden, Sitte und Anſpruchsloſigkeit geſchätzt waren, zeigen die vielen darauf bezüglichen Sprichwörter, welche noch gang und gäbe ſind; wir wählen nur folgende wenige daraus:

Em säl det métche net ze muort dron! Man ſoll die Mädchen nicht auf den Markt tragen! d. h. heirathsfähige Mädchen nicht zu ſehr in die Oeffentlich⸗ keit bringen, zur Schau ſtellen und gewiſſermaßen wie eine Waare feilbieten. Dagegen heißt es aber auch: Det métche sal', wen em et réft. Das Mädchen ſoll gehn, wenn man ſie ruft.

Alſo nicht vorzeitig ſich ſelbſt zum Heirathen drängen, ſondern ſittſam und beſcheiden warten, bis der ihr beſchiedene Mann erſcheint, der ſie dann in den ernſten Lebensberuf des Weibes einführt. Dann aber ſoll ſie auch gehen, und nicht etwa durch zimperliche Sprödigkeit oder durch hochmüthiges Warten auf beſſere Partien ihr Glück verſcherzen, denn ſonſt heißt es:

All ze feinj woor gid net uf. Allzu feine Waare geht nicht auf.

Oder:

Wuort nor, wuort, et kid unt pitersettch verkiefen,

Wart nur, wart, es kommt zum Peterſil-Verkaufen.

Bekanntlich ein recht undankbares Geſchäft für ein heiraths⸗ luſtiges Mädchen, hinter dem Korbe mit Peterſilie zu ſtehen und zu warten, bis ein Käufer kommt. Dieſe gehen aber auf dem Markte des Lebens alle vorüber, ohne die betrübt und ver⸗ laſſen Daſtehende eines Blickes zu würdigen. Möglich, daß von ſolchen Peterſilie⸗Verkäuferinnen folgendes melancholiſche und ziemlich troſtlos klingende Sprüchlein erfunden wurde

Wier wisz, wo dier rekt, Wer weiß, wo der reit',

dier no mir sékt, der mich ſucht?

wier wias wo dier fiert Wer weiß, wo der fährt,

dier mech begiert, der mich begehrt?

wier wisz wo dier git Wer weiß, wo der geht,

dier mech nit? der mich nimmt?

Da wir dieſe Fragen auch nicht genügend zu beant⸗ worten wiſſen, ſo müſſen wir die armen Verkäuferinnen bis auf Weiteres noch bei ihrem Korbe ſtehen laſſen.

Als freundliche Tröſtung für ſo manches Mädchen glauben wir aber auch folgende Sprichwörter anführen zu ſollen, da ſich dieſelben mit lobenswerther Bündigkeit über etwas aus⸗ ſprechen, was jeder Schönen immerhin am Herzen liegt zu wiſſen.

Aser Härgod as em jede métchen en män

oder tausend gülde schäldig.

Unſer Herrgott iſt jedem Mädchen einen Mann

oder tauſend Gulden zu geben ſchuldig.

Daß diejenigen Mädchen gerade nicht zu bedauern ſind denen unſer Herrgott noch außer dem Mann auch die dann

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