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„Kann ich dafür, Junker.
„Sie können nicht wahr ſein, nimmermehr!“ rief das Mädchen heftig.
„Katharina!“ erwiderte Wartenberg.„Ich habe zufällig nach meinem Dorf einen lutheriſchen Prediger aus Sachſen bekommen, der Euren ehemaligen Geliebten Zacharias Werner perſönlich kennt und der Euch vorm Altar des Herrn ſchwört, daß jener bereits ſeit zwei Jahren Pfarrer in Kurheſſen und mit der Tochter ſeines Amtsvorgängers verheirathet iſt.— Er wird Euch ſchriftliche Beweiſe geben, wenn Ihr ſie ver⸗ langt.“
„Geht mit Euren Beweiſen.— Was wollt Ihr von mir? Laßt mich allein in meinem Unglück!— Ach!“ Sie weinte.
„Und Ihr wollt dem Slavata den Triumph über Euch gönnen? Ihr wollt Euren ſchönen jugendlichen Leib in dieſem ewigen Kerker vermodern laſſen?“
„Du lügſt in deinen Hals hinein; rede nicht von meiner Jugend und Schönheit!“ rief das Mädchen aufgeregt.„Alt bin ich und häßlich geworden vor Gram und Schmerz.“
„Ihr werdet widder blühen, wenn Ihr frei und die reiche Herrin Eures Erbes werdet.“
„Was redet Ihr? Bin ich denn wirklich Erbin oder iſt dies ein Wahnſinn meiner Gedanken, der mit der Einſamkeit täglich in meinem Gehirn aufſteht?“
„Wie könnt Ihr daran zweifeln? Ihr ſeid die Erbin Eures Bruders, ſo wahr Ihr die leibliche Tochter Eures Vaters und Eurer Mutter ſeid.“
„So will ich mich noch einmal an den Kaiſer wenden!“ rief das Mädchen raſch und bewegte die Gardine.„Wollt ihr mein Fürſprecher ſein?“
„Wohledles Fräulein!“ lachte Wartenberg.„Der Kaiſer hilft Euch nicht, der alte Matthias iſt ſchwach und ohn— mächtig, ſeine Gewalt in Böhmen iſt dahin, denn das Land iſt im Aufſtande gegen ihn. Den Ferdinand von Grätz will erſt recht Niemand zum König. Sie werden ſich wol einen calviniſchen König wählen, dieſen aber wird der calviniſche Slavata für ſich zu gewinnen wiſſen!“
„Biſt du ein lutheriſcher Mann?“ fragte das Mädchen.
„Ich bin von Sachſen und gut lutheriſch!“ betheuerte der Junker.
„Nun ſo geh und thu was du willſt. Geh und ent— ferne dich!“ rief ſie dringender;„denn du könnteſt ſonſt meinetwegen das Leben vor meinen Hütern einbüßen und ich fiel neuem ſchändlichen Argwohn anheim.“
„Zeige dich noch einmal, ſchönes Mädchen!“ bat Warten⸗ berg,„dann will ich gehen.“
„Nein, nein, geh!“
„Ich gehe nicht, ich will dich ſehen!“
„O mein Gott!“ ſeufzte ſie und ſchlug mit verſchämtem Blick die Gardine von einander. Sie hatte das lange, in natürlich braune Locken fallende Haar hinter das Ohr ge⸗ ſtrichen, von der geiſtigen Aufregung war ihr Geſicht belebt, das brennende Auge ſchlug ſie zum Boden nieder. Junker aber, der viel mehr fand, als er geahnt, lag vor ihr zwei Schritte auf den Knien und ſtreckte ſeine Hand liebe— flehend nach der ihrigen aus.
„Käthchen, ich liebe dich und ich werde dich befreien!“ rief er.
Aber das Mädchen ſprang zurück und machte ſolchen Lärm, daß Wartenberg es für gerathen hielt, ſich mit dieſem erſten Anſturme zu begnügen und ſeinen Rückweg anzutreten.
Vierzehn Tage wartete er— Zeit genug, um die Gedanken
daß ſie wahr ſind?“ betonte der
Der
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des einſamen Mädchens in die heftigſte Gährung zu verſetzen. Unterdeſſen ſchickt er ſeinen Geiſtlichen nach Sachſen, damit dieſer ihm die nöthigen Belege und Documente verſchaffen ſollte. Hierauf nahm er ein Putzend kecker Söldlinge, deren genug im Reich herumliefen, überfiel bei Nacht das Schloß, band die Wachen und drang in die Zelle der Jungfrau, um ihr reſpectvoll den freigebahnten Weg aus der langen Haft zu verkünden, wenn es ihr genehm wäre, ihn zu benutzen. Ohne Beſinnen ſchlug ſie ein, und damit ergaben ſich die folgenden Phaſen ihres Schickſals von ſelbſt. Sie ſah ſich zunächſt genöthigt, mit auf das Schloß ihres Beſchützers zu fliehen, um geſichert zu ſein vor einer neuen Inhaftirung. Sie mußte ferner, wenn ſie ihre Rechte vertheidigen und ihre Anſprüche verfolgen wollte, beides auf ihren Retter über⸗ tragen, indem ſie ihn ehelichte. Wartenberg hatte zudem da⸗ für geſorgt, daß ſie überzeugt wurde, wie treulos ſie von ihrem früheren Geliebten, dem ſie ſo ſchmerzliche Opfer ge⸗ bracht, verlaſſen ſei; ſie ſelbſt hatte ſeit den letzten zwei Jahren keine Nachricht mehr von ihm. Ihr Entſchluß zur Ehe er⸗ forderte ſelbſt gebieteriſch dieſe Eile, denn zur Oecupation ihres Erbes und deren rechtlicher Verfechtung gehörte Ent⸗ ſchiedenheit und energiſches Eingreifen männlicher Hülfe. Die Zeit des Aufſtandes war mit ihren Wirrniſſen ohnedies von ſolchem Zuſchnitt, daß thatſächliches Handeln und Behaupten mehr galt als das Geſetz. Hierzu war ihr neuer Gemahl der Mann. In den Augen des Volkes hatte die ältere Schweſter das unzweifelhafte Recht für ſich; ſie war mit ihrem Gemahl lutheriſch; deßhalb zeigten ſich ihren Anſprüchen die Geiſtlichen eifrig geneigt, welche von dem calviniſchen Slavata, wenn er Herr wurde, wohl wußten, daß ſie alsdann per Decretum, wie es einmal in Böhmen üblich, ſich hätten dieſem neuen Bekenntniß anbequemen müſſen. Unter der Mitwirkung des Altars und der Kanzel aber huldigten alle Unterthanen der Güter dem Wartenberg und ſeiner Frau einmüthig, ohne Zögern und voll Jubel. Das geſchah zu Ende des Jahres
1618, und Alles vollzog ſich ſo entſchieden und ſchnell, daß
Slavata, der in Prag war, erſt davon Kunde erhielt, als es geſchehen. Letzterer wollte anfangs Gewalt anwenden und in richtiger mittelalterlicher Fehde den Wartenberg vertreiben, überzeugte ſich aber bald, daß dieſer mächtiger war als er, da er das ganze Volk für ſich hatte, mit der Huldigung der Städte alle feſten Plätze beſaß und namentlich das wohlbe⸗ wehrte Schloß und die Stadt Gitſchin in Vertheidigungszu⸗ ſtand ſetzte.
Er ſchlug deßhalb den Weg der Klage ein und es kam zum Proceß vor der Hofkammer in Prag. Wartenberg achtete deſſen kaum und ſtellte ſich auch keiner Vorladung, ſondern blieb in ſeinem thatſächlichen Beſitz, da er ſich in ſeinem Rechte wußte.— Am 19. Aug. 1619 wählten die aufſtändiſchen Böhmen den calviniſchen Pfalzkurfürſten Friedrich V. zu ihrem Könige. Als er ins Land kam, hatte Wartenberg große Luſt, zum calviniſchen Bekenntniß überzutreten, denn er war ſchlau genug, überall den realen Momenten des Lebens Rechnung zu tragen, allein ſeine Frau, vielleicht aus letzter Reminiſcenz ihrer unglücklichen Liebe, war heftig dagegen und drohte ſelbſt mit Scheidung ihrer ohnehin nicht eben ſehr glücklichen Ehe. Er mußte davon abſtehen. Sie war und blieb eifrige Lutheranerin, und die Seelenſorge in ihren Kirchen war eine ihrer liebſten Beſchäftigungen. Unerklärlicher Weiſe wich ein Zug des Leidens und düſteren Melancholie nie wieder aus ihrem Geſicht, obwol ſie ſich körperlich bald erholte und eine der ſeltenſten ſlaviſchen Schönheiten ihrer Zeit war, wie ihr der Pfälzer König ſelbſt in ſeinen hinterlaſſenen Briefen be⸗ zeugte.(Schluß folgt.)
Sprichwörter der Sachſen in Siebenbürgen.
Das biedere, kern⸗ und ehrenfeſte Sachſenvölkchen, welches einſt von ungariſchen Königen in die damals wüſten Einöden Pransſylvaniens gerufen wurde, um mit kräftiger Fauſt den
jungfräulichen Boden urbar zu machen und das der Cultur
gewonnene Terrain dem Könige zu ſchützen gegen räuberiſche Nachbarn, entſprach vollkommen den Erwartungen Derer, die


