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Pflege des Kindes zu ſagen, ſo muß dringend davon ab⸗
gerathen werden, dieſelben von früh an zu verzärteln durch ängſtliches Zurückhalten in der Stube, durch erwärmende
Bekleidung des Halſes, durch Unterlaſſen der Waſchung
und dergl., denn dadurch werden dieſelben nur empfind⸗ licher gemacht gegen erkältende Einflüſſe, gegen welche man ſie im Gegentheil abhärten ſoll. Ja es gehört der be⸗ ſtändige Aufenthalt in der Stubenluft zu den Urſachen des
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bleichen Ausſehens huſtenkranker Kinder, wogegen oft der bloße Wechſel des Wohnortes und der Genuß der friſchen Landluft den hartnäckigſten Huſten wie durch einen Zauberſchlag be⸗ ſeitigt. Ebenſo thöricht iſt es, ſolche Kinder auf knappe Koſt zu ſetzen, während man ihnen im Gegentheil durch kräftige, leichtverdauliche Nahrung(viel Milch, Fleiſchbrühe, Ungarwein) die durch die Huſtenarbeit in Anſpruch genommenen Kräfte erſetzen ſoll.
Das Erbe der
Smirtzicky's.
Hiſtoriſche Stizze von M. Ant. Niendorf.
Die Geſchichte führt bei Namen die ſechs böhmiſchen Adeligen auf, die ſich am 23. Mai 1618 thätlich an den drei
kaiſerlichen Beamten, Martiniz, Slavata und Fabricius ver⸗
griffen und ſie in altböhmiſcher Gerechtigkeitspflege zu den Fenſtern des Hradſchin hinabwarfen. Es waren der Graf Thurn, die Obriſten Kinski und Fels, ein Graf Lobkowitz⸗ Haſſenſtein, ein Prager Procurator Martin Frühwein und der junge Graf Albrecht Johann Smirczicky. Der Biograph ſeiner Zeit, Khevenhüller, obwol ſonſt ein reizend objectiver Erzähler, verfehlt nicht, an allen ſechſen zu beweiſen, wie ſie als Miſſethäter ſehr bald von einem rächenden Schickſal ereilt wurden. Wir überlaſſen dieſe Anſicht ſelbſt ihrem Schickſal und der Beweis der Rache deſſelben bleibt dahin geſtellt; uns ſoll hier nur ein Familiendrama beſchäftigen, das ſich mit dem letzten der obigen Namen, mit dem des Grafen Smirczicky, verknüpfte.
Dieſer war ein junger intelligenter Mann von dreißig Jahren und ſein noch lebender alter Vater war einer der reichſten und mächtigſten Landherrn Böhmens. Man ſchätzte ſein Ein⸗ kommen auf 300,000 Gulden jährlich, für damalige Geld⸗ werthe gewiß enorm genug, da es einer heutigen Jahresrente von mehr als 1 Million Thalern entſpricht. Er ſtarb im September deſſelben Jahres, nachdem er wie ein ſtrenger, ſparſamer Hausvater ſich mit nichts anderem als mit der Bewirthſchaftung und Hebung ſeiner Güter beſchäftigt und es darin ſo weit gebracht hatte, daß die großen Ausgaben ſeines lebensluſtigen Sohnes, mit denen dieſer ſtandesgemäß in Prag lebte, ſelbſt ſeiner Sparſamkeit nicht einmal erheblich ſchienen. Er ſelbſt kargte dafür Jahrzehnte lang an dem Aufwand eines Landjunkers, den die Zinſen drücken— ganz zurück⸗ gezogen und keiner Leidenſchaft fröhnend als dem Anſammeln von Schätzen und der Erwerbung neuer Beſitzungen.
Böhmen, als urſprünglich ſlaviſches Land, nach den Ge⸗ ſetzen des Mittelalters allmählich von der mächtigeren deutſchen Volkskraft vecupirt, hat in ſeinem Landeszuſchnitt noch bis heute den echten Typus der mittelalterlichen Feudalwirthſchaft bewahrt. Das ganze Reich beſtand aus lauter kleinen Herr⸗ ſchaften, die einem faſt ſouveränen Lehnsadel angehörten. Das eigentliche Volk, der Bauer des Dorfes, der Handwerker der kleineren Städte und ſelbſt der deutſche eingewanderte Coloniſt, waren dieſen Landherren unterthan und mit allen den vielfachen Hofedienſten und Dominialleiſtungen verpflichtet, wie ſie eben aus dem Hauptaxiom des Fauſtrechts floſſen: daß nämlich der Grund und Boden Demjenigen gehört, der die Gewalt und Macht hat, ihn zu occupiren, und nicht
Demjenigen, der ihn bebaut, urbar macht, d. h. vermittels
Kapital und Arbeit ihn erſt zu dem herſtellt, was ihn wünſchenswerth für die Oecupation geſchaffen. So beſaß der böhmiſche Adel in theils eingeborenen theils eingeſchobenen deutſchen Geſchlechtern das ganze Land mit allen Menſchen darauf, und wenn die Weltgeſchichte von den Huſſitenkriegen und den böhmiſchen Erhebungen im Jahre 1618 ſpricht, ſo muß man dabei nie vergeſſen, daß es allein dieſe Adels⸗ familien waren, welche ſo energiſch die Fahne der Oppoſition des Geiſtes aufpflanzten, wobei auch die weltlichen, ſocialen Motive niemals fehlten. Das eigentliche Volk aber war nur
Inſtrument, es folgte willen⸗ und gedankenlos dem Ruf und
Gebot ſeiner mächtigen Gewalthaber. Ja, daß in all den Adelskämpfen, die ſo oft die Habsburg zu Wien auf Leben und Tod bedrängten, kein einziger Fall vorkommt, in dem Oeſterreich direct oder indirect dies Volk zur Erhebung gegen den Adel aufſtachelte, wie es doch 1848 in Golizien geſchah und wie ſelbſt der Präſident Lincoln im amerikaniſchen Kriege die Negerſtlaven gegen ihre Herren aufrief: das zeigt nur zu klar, wie gedrückt, ſtumpf und gänzlich unwiſſend die leibeigne Maſſe des Volkes in Böhmen auch ſchon damals war. Dies erklärt auch allein den nachfolgenden Zuſtand dieſes Landes bis auf heute, der jedem Geſchichtskundigen auffallen muß, da nach dem Geſetz der geiſtigen Bewegung die gänzliche Ausrottung der einmal zunderfangenden Skepſis zur puren Unmöglichteit gehört, und betreffs Böhmens müßte man mit Recht fragen: wie konnte die jetzige Bevölkerung deſſelben jemals zu ſo gewaltigen Schritten der geiſtigen Oppoſition hingeriſſen werden, oder: wie war es möglich, dieſe Be⸗ wegungen alſo mit Stumpf und Stiel auszurotten, wo nach jetzigem Zuſtande gemeſſen, dieſes Land wol eines der letzten ſein möchte, daß ſich an einer Erhebung betheiligen würde? — Die Antwort auf all dieſe Fragen liegt nur darin, daß es eben allein die revoltirende Adelsſtandſchaft war, die den Anlaß zum Huſſiten⸗ und dreißigjährigen Kriege gab, und daß die ganze Flamme erloſch, ſobald dieſe Geſchlechter, durch das Richtſchwert, durch Verbannung und Confiscation ihrer Güter vertrieben, anderen, dem kaiſerlichen Hofe gefügigere Familien Platz machten.
Das Haus Smirczick) beſaß nun an Herrſchaften im Jahre 1618 zunächſt das durch den Krieg von 1866 ſo be⸗ rühmt gewordene Gitſchin, ferner Dimokur, Schlunitz, Chotie⸗ litz im Königgrätzer Kreiſe, ferner Schwarz⸗Koſteletz und das gleichfalls durch Schlachten verewigte Nachod an der ſchleſiſchen Grenze, endlich auch noch die große Herrſchaft Raudnitz an der Elbe. Jede dieſer Beſitzungen war Quadratmeilen groß, mit Städten, Flecken und Dörfern wohl beſetzt, im fernern Umfange mit endloſem Wald beſtanden; jede war ſchon allein darnach angethan, den Unterhalt eines Fürſten aufzubringen, denn dieſe waldreichen Gegenden mit furchtbaren Granitlöß⸗ boden hatten ſeit dem culturreichen ſechzehnten Jahrhundert, das in ſo vielen Beziehungen ſchon dem unſeren glich, an Erträgen und Werthen derart zugenommen, daß ſie, in der Hand eines einzigen Beſitzers vereinigt, ein wahrhaft uner⸗ meßliches Vermögen bildeten. So wiſſen wir aus Wallen⸗ ſtein's Hofhalt, was allein ſchon Gitſchin hergab, welche Be⸗ ſitzung er einige Jahre darnach für einen Butterbrotpreis von etwas über 100,000 Schock böhmiſche Groſchen aus der Con⸗ fiscation erwarb.
Der alte Graf Smirczick) war ſtrenger Lutheraner und ſein Volk war eben dieſer Confeſſion ſchon ſeit ſunfzig Jahren zugethan; doch der junge Erbe neigte ſich der freiern Richtung der Ealviner zu. Er war voll des allgemeinen Wahnes der Zeit, daß die Forderung des Geiſtes in Beziehung auf die Religion auch 1618 zum ſiegenden Durchbruch gelangen müßte, wie ſie ja hundert Jahre früher, 1517, mit ſo große Erfolgen in Sachſen und Niederdeutſchland geſiegt hatte De Rauſch der Zeit begriff nicht oder wollte nicht begreife bereits die Verhältniſſe ganz anders lagen. Die Reform
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