Jahrgang 
1867
Seite
538
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daß ſelbſt Brechreiz ſich hinzugeſellt, wie dies viele der ge⸗ neigten Leſer aus eigener Erfahrung beſtätigen werden. Be⸗ denklicher wird dieſer Katarrh dann, wenn er allmählich größere Strecken der Lunge ergreift, dadurch bei der geringſten Körperanſtrengung zu Kurzathmigkeit und Huſtenreiz Anlaß gibt und ſchließlich jene Veränderungen des Lungengewebes bewirkt, welche die Wiſſenſchaft als Emphyſem bezeichnet. Dieſe den Laien noch wenig bekannte Krankheit beſteht in dem Ruin der Lungenzellen und der dazu gehörigen Blutbahnen, und auf dieſem Wege kann es aus kleinen Anfängen ſchließ lich zu jener Art von Abzehrung kommen, welche man, im Gegenſatz zur Tuberkelſucht, dieſchleimige Schwindſucht, auch wohlBruſtwaſſerſucht zu nennen pflegt. Auch gehören hierher die meiſten derjenigen Zuſtände, welche man als Aſthma oderBruſthämorrhoiden bezeichnen hört.

Bei Kindern kann der Katarrh ſogleich dadurch ein ernſtes Ausſehen annehmen, daß er unter Fiebererſcheinungen ſich einſtellt und durch den bellenden oder pfeifenden Ton des Huſtens den Gedanken an Bräune erſtehen läßt. Doch iſt dieſer Bräunehuſten weſentlich verſchieden von der wirk⸗ lichen Bräune, welche überhaupt nicht zu den Katarrhen ge⸗ hört. Eine andere Form des Kinderkatarrhs iſt der Stick⸗ huſten, mit welchem Namen man jede langwierige Huſten⸗ affection zu benennen beliebt, wogegen derſelbe, ſtreng ge⸗ nommen, nur derjenigen Form zukommt, welche, epidemiſch auftretend, einen Krampf der Athmungsnerven darſtellt, während der Katarrh nur begleitende Erſcheinung iſt. Aber ſelbſt die einfachen Formen des Kinderkatarrhs, mit welchen wir uns hier beſchäftigen, verdienen dadurch alle Beachtung, daß ſie möglicher Weiſe zu jener Veränderung der Lunge führen, welcher der Körper des Erwachſenen länger Stand hält, daß ſie auch weit eher die Ernährung herunterbringen und die Kräfte erſchöpfen. Bei zartgebauten Kindern bewirkt die Huſtenarbeit auch wohl eine Verunſtaltung des Bruſt⸗ korbes, die ſogenannteHühnerbruſt, indem durch den Muskelzug die noch zarten Rippen ſich nach innen biegen, während das Mittelſtück, Bruſtbein genannt, höckerig her⸗ vortritt.

Mit dieſer keineswegs erſchöpfenden Skizze wollten wir nur die nothwendige Grundlage zur Entwickelung der rationellen Behandlung des Katarrhs geſchaffen haben, wie ſie der nächſte Artikel bringen wird..

Zweiter Artikel.

Die allgemeinen Grundſätze zur Behandlung des Katarrhs ergeben ſich wiederum aus der Berückſichtigung der anatomiſchen Veränderungen. Wie im vorigen Artikel geſagt wurde, iſt eine katarrhaliſch erkrankte Schleimhaut wund, geſchwollen und ſchmerzhaft; ſie verhält ſich demnach ganz ähnlich einer äußeren Hautſtelle, welche etwa in Folge einer Verbrennung wund geworden iſt. Wie pflegt man eine ſolche wunde Stelle zu behandeln? Man ſchützt ſie gegen Kälte, macht warme, bähende Umſchläge, beitzt ſie auch wohl. Ganz daſſelbe ge⸗ ſchieht mit einer wunden Schleimhautfläche, nur daß dies nicht überall direct, aber doch auch auf ſehr einfache Weiſe möglich iſt. Wir halten nämlich erſtens die Schleimhaut der Luftwege warm durch den Aufenthalt in einer warmen, ſtets den gleichen Temperaturgrad zeigenden Atmoſphäre, da ſchon bloße Schwankungen deſſelben nachtheilig einwirken. Daher iſt für die Kinderſtube das Thermometer und die beſtändige Controle deſſelben ein erſtes Erforderniß, welches freilich ohne eine zweckmäßige Heitzverrichtung hinfällig iſt. Insbeſondere ſind eiſerne Oefen, welche bald eine glühende und trockene Hitze geben, bald wieder eiskalt werden, ſtreng zu verbannen. Erwachſene erfüllen auch außerhalb der Stube die vorliegende Aufgabe durch das Anlegen des Jeffray'ſchen Reſpirators. Zweitens bähen wir die wunde Schleimhaut durch feuchte Dämpfe, welche eingeathmet werden, wie es denn in Eng⸗ land längſt ein bekanntes Hausmittel iſt, daß man in der Nähe von Huſtenkranken Schüſſeln mit heißem Waſſer auf⸗ ſtellt. Vollkommener erreicht wird dieſer Zweck durch den Auf⸗

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5* enthalt im ruſſiſchen Bade, wo man lichzeithi damit verbinden kann. Was drittens das Beitzen betrifft, d. h. die örtliche Application von zuſammenziehenden, aus⸗ trocknenden Arzneiſtoffen, ſo iſt dies für den Kehlkopf durch Einblaſen eines Pulvers oder durch Einführung eines ange⸗ feuchteten Schwammes ausführbar; aber auch für die ent⸗ fernteſten Stellen gelingt es mit Hülfe der neuerdings er⸗ fundenen Inhalationsapparate, durch welche das Mittel ent⸗

weder in eine feine Staubmaſſe oder in Dampf verwandelt

und in dieſer Form von dem Kranken eingeathmet wird.

Außer dieſen allgemeinen Anzeigen machen ſich in den einzelnen Fällen noch folgende beſondere geltend:

1. Die Abſonderung iſt eine zu reichliche, um raſch genug entfernt zu werden, und droht dadurch Erſtickungs⸗ gefahr. Hier ſchaffen wir in der Art Abfluß, daß wir ein anderes Organ zu reichlicher Abſonderung reizen: am beſten die äußere Haut, durch künſtlich hervorgerufene Tranſpiration.

2. Die Abſonderung iſt zu zähe und trocken und ſtockt in Folge deſſen, ſo daß ſelbſt bedeutende Huſten⸗ anſtrengungen nicht gehörige Luft ſchaffen. Hier bewirken wir eine Löſung dadurch, daß wir große Mengen Flüſſigkeit in den Stoffwechſel bringen in Form von Bruſtthee, wie ihn nach bewährten Recepten jede Apotheke verabreicht. Mit Rückſicht auf das von anderer Seite her empfohlene Trinken von purem warmem Waſſer, welches übrigens ſchon die Panacee des Dr. Sangrado im Gil Blas geweſen iſt, muß bemerkt werden, daß durch dieſen Sansculottismus keines⸗ wegs die krampfſtillende und andere Wirkung erſetzt wird, welche dem Bruſtthee nebenbei eigen iſt. Bei Kindern, welche plötzlich durch einen trockenen, bellenden Huſten die Ange hörigen erſchrecken, wird der gefürchtete Eintritt eines Bräune⸗ anfalls meiſtens durch Darreichung von warmer Milch beſeitigt.

3. Die Abſonderung ſtockt deshalb, weil es an der nöthigen Huſtenenergie mangelt. Demgemäß reichen wir Mittel, welche erfahrungsgemäß den Athemnerven und durch ihn die Lungen zu größerer Thätigkeit anſpornen; ſolcheexpectorirenden Mittek ſind: die Ipecacuanha, die Senega, der Salmiak und andere, letzterer in Verbindung mit Lakritze ein ſehr landläufiges, freilich auch vielfach über⸗ ſchätztes Hausmittel.

4. Der Huſten beruht mehr in der bloßen Nerven⸗ reizung durch die katarrhaliſche Erkrankung, und hier gibt es zwei Methoden der Abhülfe, nämlich a) die Ableitung durch einen Gegenreiz, durch Legen einer ſpaniſchen Fliege oder eines Senfteiges auf die Bruſt, oder in weniger eingreifender, aber andauernder Weiſe, daher namentlich bei Kindern, durch Pechpflaſter auf die Bruſt, Speck oder Meerrettig auf den Kehlkopf. Auch kann man eine größere Fläche mit Gicht⸗ papier umhüllen, wodurch gleichzeitig eine äußere Erwärmung erzielt wird. b) die Abſtumpfung der Nervenempfindlich⸗ keit durch beruhigende(narkotiſche) Mittel, unter denen das Opium obenan ſteht.

In Bezug auf die häusliche Behandlung, nament⸗ lich auf die ſüßen und ſchleimigen Mittel, deren Zahl vom einfachen Bonbon bis zum zuſammengeſetzten Syrup Legion iſt, ſei bemerkt, daß die Wirkung derſelben ge⸗ meiniglich viel zu hoch angeſchlagen und daß auch viel Misbrauch damit getrieben wird. Es kommt denſelben höchſtens

die Eigenſchaft zu, daß ſie das kratzende Gefühl im Halſe

vorübergehend beſeitigen, während ſie mit dem eigentlichen Sitze des Katarrhs gar nicht in Berührung gelangen, da ſie ihren Weg direct in den Magen nehmen und ſelbſt der Kehlkopf ſich ihnen mittels des Kehldeckels im Augenblicke, wo ſie verſchluckt werden, verſchließt; dagegen ſind dieſelben, im Uebermaße genommen, wohl geeignet, den Magen zu ver⸗ derben. Andererſeits iſt das Vorurtheil nicht gerechtfertigt, welches man gegen ſaure Sachen hegt, vielmehr ziehen wir dieſelben den ſüßen bei Weitem vor zur Beſeitigung jenes unangenehmen Gefühls, und können heiſeren Erwachſenen den Genuß von ſauren Compots, z. B. Heringsſalat, nur beſtens empfehlen.

Um endlich noch einige Worte über die diätetiſche