Jahrgang 
1867
Seite
536
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er vor die Sergeanten und durch dieſe vor die Gerichte. Nicht einmal ein Maler darf ſich erkühnen, hier irgend einen Gegenſtand bildlich zu ſtehlen, und die Pariſer Künſtler haben ſich deshalb ſchon zu Anfang unter allerlei Verkleidungen ins Marsfeld geſchlichen, um für ihr Skizzenbuch etwas davon zu tragen.

Alles Uebrige in dieſer franzöſiſchen Abtheilung beſteht aus Chälets, Chaumieèren, Fabriken, Maſchinen und anderen gewerblichen Inſtituten. Es fehlt mir der Raum, ſie alle hier aufzuzählen; zudem wär' es eine ſchwierige Aufgabe, jetzt ſich mit den Einzelheiten zu beſchäftigen.

Wohl blühen ſchon die Bäume, die man hierher ver⸗

pſlanzt, wohl grünen die Raſen, die Büſche, und der Wind

ſäet oft einen ganzen Blütenregen über die Wege. Der Himmel hat das Seinige gethan, obgleich er faſt täglich Regen und Sturm ſendet, aber das Werk von Menſchenhand iſt noch überall zurück.

Wo man auch eintreten möchte, man ſtößt auf die Deviſe: Péfense d'entrer, denn keiner der Ausſteller will ſich in ſeinen Arrangements durch die Neugier der Gäſte ſtören laſſen. Ich muß mir alſo für meine ſpätern Briefe meine Promenaden durch das Marsfeld vorbehalten. Es iſt ja nicht meine Schuld, daß der Kaiſer zu früh geſattelt.

Wenden wir uns jetzt zur entgegengeſetzten Seite des Parks, zu dem Theil der Ecole militaire.

Dort drüben die ganze Liſiere des Parkes, an der Avenue de Suffren entlang, iſt von ſchmalen, kangen Annex⸗ Streifen der Amerikaner und Engländer, Supplementen der Maſchinen-Räume, in Anſpruch genommen. In der Mitte

iegen die ruſſiſchen Pferdeſtälle, deren Beſuch ein ſehr inter⸗

eſſanter; dann folgen nach der Ecole militaire zu die land⸗ wirthſchaftlichen Maſchinen.

Wir treten jetzt zunächſt in den ruſſiſchen Parktheil mit der ruſſiſchen Poſt, dem Hauſe Guſtav Waſa's und einigen lappländiſchen und finniſchen Etabliſſements. Daran ſtoßen Schweden, Norwegen und Dänemark(hinter welchen wieder ein Annex der ſchönen Künſte).

Hiernach beginnt die deutſche Region. Zuerſt Preußen mit der königlichen Bronze⸗Reiterſtatue, die für die Kölner Rheinbrücke beſtimmt iſt, und dem Berliner Hyazinthen⸗Flor, der freilich als ein Frühlings⸗Kind ſchnell verblüht ſein wird, dem preußiſchen Schulhaus, dem ägyptiſchen Kiosk des Archikten von Diebitſch, obgleich von eiſerner Conſtruction, luftig, graziös ſich am Ufer des Sees erhebend, ein Stückchen Orient vom SpreeUfer. Man glaubt jeden Augenblick den Flamingo aus dem Gebüſch treten, oder das Krokodil ſeinen Rachen aus dem Waſſer erheben zu ſehen, aber die Romantik hat in Preußen ihre ſtraffen Geſetze, ſo auch hier leider im Park, und wir müſſen uns ſchon ohne den Nil be⸗ helfen..

An Preußen ſtoßen die kleinern Staaten, Würtemberg und Baiern, dann kommt Oeſterreich, in deſſen Schoß ſich der Bier⸗Pavillen der Klein⸗Schwechater Brauerei erhebt.

Herr Dreher, der Beſitzer derſelben, hat Alles aufge⸗ wandt, um das Marsfeld mit ſeinem vortrefflichen Bier zu überſchwemmen. Er baute dieſen Pavillon, ſchmückte ihn im Innern mit Gemälden, den Nationaltrachten aller Oeſterreich gehorchenden Stämme, und ſandte ein Dutzend friſcher Wiener

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Biermädeln nach Paris, die wochenlang wie eine verirrte

Lämmerheerde im Park umher liefen und des Tages der

Oeffnung der großen Bierſchleuſe harrten.

Aber im Duſtern umlauerte das Alles der Verrath, und als der Tag kam, an welchem Herr Dreher das erſte Glas Bier zapfte, trat der Pariſer Reſtaurant Fanta mit einem Sergeanten an das Büffet und verlangte von Herrn Dreher eine Entſchädigungs⸗Summe von ich weiß nicht genau wie viel Francs; man ſprach von 60,000, ja ſogar von 600,000 Francs was kommt es den Andern darauf an! Herr Fanta berief ſich auf ſeinen mit Herrn Dreher abgeſchloſſenen Contract, nach welchem er allein das Bier deſſelben in Paris verkaufen dürfe, und ſo waren denn die armen Biermädeln ſchon wieder ohne Beſchäftigung. Wie ſich die Streitenden einigen, muß erwartet werden.

Hinter der öſterreichiſchen Abtheilung erhebt ſich aber⸗ mals eine großartige Sammlung ländlicher Modell⸗Ausſtellungen aller Nationen, und an dieſe ſchließt ſich in der Umfriedigung des Parkes ſelbſt der große Reſtaurant für die zu erwartenden Arbeiter⸗Deputationen aller Länder.

Ueber die Avenue d'Europe ſchreiten wir in den belgiſchen Parktheil, in welchem uns, von großen Statuen umgeben, wieder ein Annex der ſchönen Künſte empfängt. Hinter Belgien kommen die Niederlande und Holland, das ſich gewiſſermaßen im Sande verläuft.

Faſt die ganze Hälfte dieſer Parkſeite nimmt der Jardin reservé ein, der wiederum 50 Centimes Entree verlangt.

Dieſer Garten iſt der Liebling der Kaiſerin, und hier iſt Alles angehäuft, was Kunſt und Natur Schönes und Großes zu bieten vermögen. Hier wird die Kaiſerin bei ihren Beſuchen ausruhen, hier werden täglich Concerte ſtattfinden, hier wandelt man zwiſchen Blumenbeeten, Bosquets exotiſcher Sträuche und Bäume, zwiſchen Raſen, Seen, Kanälen, Volieren, Zelten, Kiosks und Grotten umher, und hier endlich wird ſich täglich die üine fleur der Geſellſchaft ſammeln.

Impoſant und dennoch zierlich erhebt ſich in der Mitte die serre monumentale, auf beiden ſind die Aquarien ange⸗ bracht, von denen namentlich das größere mit ſeinen beiden Grotten ſehr ſehenswerth iſt. Ganz in der Nähe des Sees ſteht das Zelt der Kaiſerin, dicht dabei das Palais des colibris, das Orcheſter und endlich an der Unfriedigung eine großartige Baumpflanzung, welche die ſeltenſten Exemplare aufweiſen wird.

Noch iſt auch dieſer Garten nicht fertig; das Paradies des Marsfeldes wird erſt geſchaffen. Ich müßte alſo gerade

meiner eigenen Phantaſie nachgehen, wollte ich ſchon jetzt er⸗

zählen, was es zu werden verſpricht.

Einmal ſchon hat man allerdings ein Concert darin ver⸗ anſtaltet. Es war an demſelben Tage, an welchem man auch zum erſten Male die Illumination des Parkes und der Palaſt⸗ Peripherie verſuchte.

Aber der Wind blies die Lichter aus und jagte den Luſtwandelnden die Hüte vom Kopf über den Raſen und in die Seen und Kanäle.

Es geht mit der Weltausſtellung wie mit den großen

Theater⸗Vorſtellungen, die erſt vieler Proben bedürfen, um würdig in Scene geſetzt zu werden. Hans Wachenhuſen.

Der Juſten-Katarrh, ſeine Entſtehung und Behandlung.

Von DPr. P. Niemeher in Magdeburg.

Erſter Artikel.

Das WortKatarrh kommt aus dem Griechiſchen und bedeutet wörtlichFluß nach unten, indem die Aerzte des Alterthums ſich dieſe Krankheit als eine vom Kopfe noch der Bruſt gefallene dachten; ſo irrthümlich dieſe Vorſtellung iſt, ſo iſt der Ausdruck nun doch einmal eingebürgert, und zwar

denkt heutzutage der Laie dabei gewöhnlich an ein durch Erkältung entſtandenes Schnupfen⸗ und Huſtenleiden*), während die Fachmänner übereingekommen ſind, ohne Rückſicht auf die

*) Aehnlich ſpricht der Franzoſe vonrhume(Fluß) und nach

ihm der Deutſche auch wohl vonEnrhümirtſein. Der Engländer

berückſichtigt mehr die Urſache, wenn er füreinen Schnupfen be⸗ kommen ſagt: catch a cold.