Jahrgang 
1867
Seite
535
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welche nahrhafte Wirkung das Beeſſteak auf ſeine Lands⸗ leute übt.

3 Die Wärter oder Kellner ſerviren Dir inzwiſchen mit ſchwarzen Fracks und weißen Cravaten die engliſchen Biere, die ich in ſtarkem Verdacht habe, in Frankreich gebraut zu ſein, und will es das Glück, daß einmal eine Lücke vor dem Büffet entſteht, ſo iſt Dir ein Blick auf die ſtumpfnäſigen Miſſes gewährt, die mit echt engliſcher Abgemeſſenheit das Bier hinter dem Tiſche zapfen.

Dieſes Büffet ſtößt bereits hart an die mit Blumen geſchmückte große Pforte der Jena⸗Brücke. Da herum liegt wieder Frankreich und da herum auf der ganzen Seite, ſo weit das Auge und der Gedanke reicht, iſt Alles Restaurant, Grand Restaurant, Café européen, Buffet de l'Univers, Brasserie und Estaminet, mit einem Worte: Wirthshaus.

Es iſt die große, die Unendlichkeit im Allgemeinen und die Unerſättlichkeit im Beſonderen bedeutende Bier⸗, Wein⸗ und Kaffee⸗Schlange, die ſich, das Palais umſchließend, in den Schwanz beißt.

Drüben liegt Frankreich. Während die Orientalen eben nichts weiter im Park zu bieten haben als ihre Baukunſt eine Kunſt, die längſt untergegangen, wie uns das ſteinerne Sarazenen⸗Märchen, die Alhambra in Granada beweiſt, regiert auf der occidentaliſchen Seite dieſer Park⸗Hälfte die Maſchine, der Seele der Giviliſation.

Ein eleganter Schuppen ſchließt ſich an den anderen, überall arbeiten Räderwerke, von Stahl und Eiſen; die Fäuſté unſeres kriegsluſtigen Jahrhunderts arbeiten um die Wette. Die Miniſterien der beiden Weſtmächte überbieten ſich in

Panzerplatten, denen keine Kugel etwas anzuhaben vermag,

und zeigen ſich gegenſeitig den Eindruck, den ihre eiſernen Nachbargrüße auf einander zu machen im Stande ſeien.

Ja ſie gehen weiter, ſie zeigen uns die tragiſche Seite nſeres Culturſtrebens, denn dort winkt das rothe Genfer⸗ reuz über den Modellen der Kriegs⸗Hospitäler, der Feld⸗ lazarethe, der Krankenwagen, der Transport⸗ und Verband⸗ Werkzeuge ein Moment in dieſer dem Bienenfleiß aller Nationen gewidmeten Ausſtellung, der einen wehmüthigen Eindruck macht und leider auf dieſen Markt gehört wie alle anderen Producte. Denn zeigt man uns hier, wie man die Menſchen zu Carbonade zuſammen ſchießen kann, ſo muß man uns zum Troſte auch zeigen, wie man ſie am künſtlichen wieder zuſammenflickt.

Was die Nationen, die Familien, die Individuen an Schmerz erleiden, was kümmert das uns! In jedem unſerer Kriege wetteifert man ja, den Nebenmenſchen zu zerfleiſchen in der brutalſten, haarſträubendſten Weiſe, und iſt das ge⸗

ſchehen, ſo beginnt der Wetteifer der Menſchenliebe, die ver⸗ wundeten Feinde ſo ſanft und liebevoll wie möglich aufs Schmerzensbett zu tragen und zu pflegen, damit ſie nur ja nicht ſterben. Eine grauenhafte Blasphemie!

Indeß, ſtören wir uns ſelbſt nicht mit trübſeligen Betrachtungen; wer weiß, wie nothwendig alle die künſtlichen Erfindungen ſind, welche hier alle dem Genfer internationalen Verein angehörenden Nationen zuſammen getragen! Das rothe Kriegshospital⸗Kreuz weht über den bewunderswertheſten Erzeugniſſen der Krankenpflege, in denen beſonders Nord⸗ amerika ercellirt. Die Lazareth⸗Modelle, der Hospital⸗Char der Amerikaner, ſie ſehen ſo zierlich und ſauber aus, daß der Beſchauende ganz ihre entſetzliche Beſtimmung vergißt; nur die Verbandwerkzeuge Langenbecks und anderer großer Operateure in dem Nebenſchuppen ziehen Einem das Herz zuſammen und laſſen uns beklommen das Freie ſuchen.

Seit Eröffnung der Ausſtellung hatte man von der Jena⸗Pforte bis zum Palaſt ein großes Volum von grünem Stoff, mit goldnen Bienen beſäet, über dem Wege ausgebreitet, auf welchem der Kaiſer ſeinen Einzug in das Marsfeld hielt. Es erfüllte den Doppelzweck, dem Kaiſer die Honneurs zu machen, und dem Publikum Schatten zu gewähren.

Die Unbill des Wetters aber nöthigte, das Volum wieder

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zu entfernen, denn der Wind trieb ſein Spiel ſo rückſichtslos mit dem großen, grünen Segel, daß es zu zerreißen drohte. Mit Eintritt der milderen Witterung wird es jedenfalls wieder ausgebreitet werden.

Den Glanzpunkt der franzöſiſchen Park⸗Abtheilung bildet natürlich der kaiſerliche Pavillon, ein reizender, mit Geſchmack und Prachtaufwand hergeſtellter Kiosk, deſſen Möbel nament⸗ lich das Entzücken der Pariſer erregen.

Dort im Hintergrunde, nach der Brücke zu, ſtreckt eine gothiſche Kirche ihre Spitzen in den blauen Himmel. Es iſt eben nur ein Modell und ſieht unglücklich genug aus. Die gemalten Glasfenſter bilden nach außen die Hauptſache.

Am Eingang ſitzen ein paar Phariſäer, die funfzig Centimes Eintrittsgeld verlangen. Ob Tempel des blut⸗ triefenden Kochicalco oder des allbarmherzigen Chriſtengottes hier ganz egal. Es muß Geld eingenommen werden!

Wie ein Saul unter den Propheten ſteht die arme Kirche da. Sie paßt nicht in den profanen Flitter.

In ihrer Nähe erhebt ſich das internationale Theater, das demnächſt ſeine Oper und ſein aus allen Nationen rekrutirtes Ballet entfalten wird. Wie es ſcheint, haben die Unternehmer, die jedenfalls, indem ſie dem Kaiſer mit dieſem Inſtitut eine Freude machen und auf das rothe Bändchen viſiren, keine Koſten geſcheut; ſie werden ſogar zwei Vor⸗ ſtellungen, Morgens und Abends, geben; ob ſie aber ihre Aus⸗ lagen wieder einnehmen, iſt ſehr die Frage, wenn nicht für die nothwendigen Transportmittel geſorgt wird, die Abends um 10 Uhr, wenn das Theater ſchließt, die Gäſte wieder in die Stadt zurücktragen.

An dieſen Transportmitteln fehlte es den ganzen erſten Monat hindurch. Kein Wagen, der die Gäſte zurückführte! Der kaiſerlichen Commiſſion war es ſehr gleichgültig, wie die Beſucher wieder in die Stadt zurückkamen. Die Eiſenbahn war unzureichend, obgleich der Beſuch noch immer ein ſehr mäßiger war und nur an Sonntagen eine bedeutende Zahl aufwies. Die Omnibuſſe waren ebenſo unzureichend und verlangten von Jedem erſt einen heftigen Kampf um einen elenden Platz. Endlich bildete man ſich Großes ein auf die Errichtung einer Dampfſchiff⸗Verbindung der Expoſition mit dem Jardin des plantes. Dieſe Verbindung war aber auf vier Schiffe, dieMouches angewieſen, da die übrigen erſt in langſamen Tagereiſen von Lyon kommen ſollten; und da nun Alles, Alles verpachtet iſt, durfte kein anderes Dampf⸗ ſchiff es wagen, auch nur proviſoriſch den Paſſagieren zu Hülfe zu kommen.

Die Commiſſion hatte ſich durch ihre Gewinnſucht die Hände gebunden und mußte ſich alſo Denen ergeben, welche ſie einmal monopoliſirt hatte. An Fiaker wurde gar nicht gedacht. Brummte ſchon jeder Kutſcher in der Stadt, wenn man ihm zurief:à l'exposition! ſo machte er eiligſt, daß er wieder zur Stadt zurückkam, wenn er ſeinen Gaſt abgeſetzt und noch einmal über das geringe Pourboire gebrummt hatte.

Es war, mit einem Wort, den ganzen erſten Monat hindurch eine unverantwortliche Confuſion. Nichts war organiſirt, und was wirklich organiſirt war, blieb weit hinter ſeinen Zwecken zurück.

Da erhebt ſich vor uns der große rothe Phare, der Leuchtthurm, der bei der Inſel Guerneſah aufgeſtellt werden ſoll, umgeben von einem See. Weithin blickt er über das Marsfeld, den Trocadero, die Champs⸗Elyſees. Sein Waſſer ſteht in Verbindung mit der entfernter liegenden Cascade.

Intereſſant iſt die großartige Dampf⸗Bäckerei, in welcher das Mehl gemahlen, gebacken und verkauft wird. Man bäckt à la viennoise und à la francaise. Mit großen Meſſern bewaffnet ſtehen die jungen Damen da, das Brot zu zer⸗ hacken und an die Hungrigen zu verkaufen.

Das zierliche photographiſche Atelier in der Nähe des Theaters gehört dem Inhaber des Monopols für das Mars⸗ feld, Herrn Pierre Petit, der für eine enorme Abgabe das Recht erkauft hat, Alles zu photographiren, was das Mars feld an todten und lebenden Gegenſtänden in ſich ſchließ, Nur er darf hier photographiren; jeden Unbefugten ſchleppt