Jahrgang 
1867
Seite
533
Einzelbild herunterladen

einen Wein, der Alkohol und Rothholz iſt; ſie kochen einen Kaffee, in welchem Cichorien noch das Beſte iſt; ſie miſchen Gift und immer Gift!

Zum Marsfelde hinaus führen wie nach Rom alle Wege, es handelt ſich nur darum, den kürzeſten zu nehmen.

Während der erſten vierzehn Tage nach Eröffnung der Expoſition war der Beſuch derſelben eine Strafe. Man be⸗ ſaß alle Mittel, hinaus zu fahren, aber keins, um anders als auf ſeinen von vier- bis fünfſtündiger Wanderung er⸗ müdeten Füßen nach der Stadt zurück zu kehren, was für den Kräftigſten ein Stück Arbeit iſt.

Erſt ſeit dem 15. April gelang es, an der Porte Rapp wenigſtens dann und wann einen Fiaker zu finden, wenn man nämlich Glück hatte.

Heute iſt die Sache ſchon einigermaßen geregelt. Nehmen wir entweder auf dem Boulevard oder an einer ſonſtigen Stelle einen zweiſitzigen Fiaker für 1 Franc 50 Cent.; er fährt uns vor die Porte Rapp, alſo unmittelbar vor die Thür des Ex⸗ poſitions⸗Palaſtes.

Oder wir wählen die Eiſenbahn in der Rue St.⸗Lazare, die ebenfalls unmittelbar in die Ausſtellung mündet, uns aber eine Stunde Zeit koſtet, da ſie, die Verbindungsbahn von Paris, uns erſt um die halbe Stadt herum ſpazieren fährt, ehe ſie den neu aufgeſchütteten Damm am SeineUfer erreicht. Der Preis iſt billig: 50 Cent., und an ſchönen Sommertagen bieten uns die Dörfer und Villen unterwegs die angenehmſte Zerſtreuung.

Wer keine Eile hat zurückzukehren, der findet auch im Eiſenbahn⸗Coupe Zeit, ein Stündchen zu ſchlafen und ſich von ſeiner Wanderung zu erholen.

Den Bahnhof ſuche man, zurückkehrend, auf der rechten Seite der Avenue Suffren, hinter dem japaneſiſchen und tune⸗ ſiſchen Parktheile.

Eine dritte Verbindung unterhalten die Omnibuſſe, denen wir auf den Boulevards, am Palais⸗Royal und in der Rue St.⸗Lazare begegnen, die uns für 25 Cent. zur Expoſition führen, uns immer aber noch zumuthen, eine kleine Strecke bis zum Marsfelde zu Fuß zurück zu legen.

Welch eine immenſe Aufgabe die mit Herſtellung der Expoſition beauftragten Ingenieure gelöſt, darüber haben uns die Zeitungen Langes und Breites erzählt. Man hat die ganze Höhe des ſogenannten Trocadero ſeitwärts vom Mars⸗ felde, zu welcher jetzt eine lang anſteigende Abenue hinan führt, großentheils abgetragen und die Erde auf das Mars⸗ feld geſchüttet. Da der Berg nicht zu der Ausſtellung kam, machte ſie es wie Mahomed, ſie kam zu ihm und holte ihn ſich.

Mit ungeheuren Walzmaſchinen ward dann der Boden feſtgeſtampft; es galt einen Kampf mit den Elementen, um das Erdreich, das durch Tauſende von Arbeitern von der Höhe herab geſchafft wurde, feſt und ſicher zu machen, und dennoch, kurz vor Eröffnung der Ausſtellung, als bereits der Palaſt und alle die Gebäude im Parke da ſtanden, erweichte der Regen des Frühjahrs den Boden wieder, die Gebäude ſenkten ſich und bekamen Riſſe; es mußte immer wieder von vorn begonnen werden, um endlich der ungeheuren Aufgabe Herr zu werden.

Es gelang, aber mit welchen Opfern! Das Marsfeld, ſonſt nur zu militäriſchen Revuen benutzt, war dem Merkur übergeben.

Der Kaiſer konnte am 1. April die Expoſition eröffnen, wenn auch ſowol im Innern des Palaſtes als im Park noch Alles in wüſtem Zuſtande war. Durch Decoration verſteht der Pariſer ſelbſt dem größten Chaos einen gentilen Anſtrich zu geben. So war's auch bei der vorigen Pariſer Ausſtellung im Jahre 1855.

Drei Brücken führen uns über die Seine zum Mars⸗ felde, der Pont des Invalides(am Invalidenpalaſt, den wir zu unſerer Linken liegen ſehen) der Pont d'Alma und der Pont d'Jena, von denen man indeß gewöhnlich nur eine der beiden letzten paſſirt.

Lange Reihen von Baracken, hölzernen Hütten, in welchen

535

5

die Reſtaurants für die Arbeiter ihre Büffets aufgeſchlagen, paſſiren wir, um entweder an der Porte Rapp oder vor dem Haupt⸗Portal an der Jena⸗Brücke einzutreffen, welches letztere den Kaiſer und den Hof empfängt und erſt durch den franzö⸗ ſiſchen Theil des Parkes führt, während wir an dem erſteren ſofort in den Palaſt treten.

Wir nehmen die Porte Rapp als die frequenteſte und bequemſte. Vor derſelben iſt zu jeder Tageszeit ein Gewühl von Menſchen und Equipagen. Bunt unflattern uns die Tricv⸗ loren auf hohen Maſtbäumen, die franzöſiſchen Wappen und Inſignien.

Wie ein Uhrwerk knattert das Tourniquet, welches jeden Eintretenden controlirt und ſtets nur eine Perſon hindurch läßt. Wir werfen unſren Frane Entrée hin und ſtehen vor der Rue de Flandre des Palais. Wer keinen einzelnen Frane hat, wechsle links am Eingange vorher, denn hier wird keine Wechſelei getrieben; das Tourniquet gibt nichts heraus.

Es geht ein bischen brusque an der Paſſage zu; man wird wie ſo und ſo viel Stücke Vieh abgezählt und einge⸗ laſſen, aber die Maſſe der Beſucher gebietet dieſen kurzen Geſchäftsſtil.

Wir ſtehen vor einer ganzen Front von Reſtaurants und Kaffeehäuſern, denn dieſe umgeben die ganze Außen⸗ ſeite des Palaſtes, eine Kette von Wirthshäuſern aller Nationen.

Man tritt bei den Franzoſen in ein Wirthshaus und ver⸗ läßt ein anderes bei unſeren Antipoden, den Amerikanern und Auſtraliern. Wer einen guten Magen hat, kann ſich hier durch alle Nationen der Welt hindurch eſſen und trinken, denn ſie ſind alle durch nationale Speiſen und Getränke vertreten, bis auf die menſchenfreſſenden, die man nicht zugelaſſen hat, während man Hunde⸗ und Katzenfleiſch nicht zu controliren ſich die Mühe nimmt.

Am innern Portal des Palaſtes, zwiſchen den Reſtau⸗ rants, werden uns Pläne und Cataloge der Ausſtellung feil geboten und gut iſt's, ſich wenigſtens den erſteren zu kaufen, denn ſich mit den beiden dickleibigen Catalogen(5 Franes beide) durch die ganze Ausſtellung herum zu ſchleppen und bei der Haſt, mit welcher dieſelben angefertigt werden, ſich durch das Nachſchlagen nur verwirren zu laſſen, iſt nicht Jedem zu⸗ zumuthen.

Wir ſtehen inmitten der franzöſiſchen Abtheilung, welche faſt die Hälfte des Palaſtes und die ganze Hälfte des Parkes in Anſpruch genommen hat. Rechts und links läuft die große Maſchinen-Galerie überbrückt von der Plateform. Sie empfängt uns mit einem betäubenden Lärm der arbeiten⸗ den Maſchinen, dem der Eintretende gern entflieht, um nicht gleich beim erſten Eintritt betäubt und confus gemacht zu werden.

Sowol die Rue de Flandre, als die gleich links mit

derſelben parallel laufende große Rue de France führen uns

geradewegs auf den innern Garten, den Jardin central. Die hinter demſelben liegende andere LängsHälfte des Palaſtes gehört den fremden Nationen. Zur Orientirung iſt es gut, ſich den ganzen Palaſt wie eine zerſchnittene Torte vorzuſtellen.

Wir durchſchreiten die gerade Straße und treten in dieſen Garten, um einen topographiſchen Ueberblick zu gewinnen. Hier in dieſem offnen Oval ſehen wir die Namen aller Länder vor uns über der Galerie verzeichnet. Welche Nation man auch ſuche, ihr Name ſteht vor uns; wir ſchreiten gerade auf denſelben los, folgen der Gaſſe und ſtehen inmitten der be⸗ treffenden Abtheilung.

Auf dieſe Weiſe iſt jeder Punkt der Ausſtellung bequem und ohne langes Umherirren zu erreichen, ja will der Gaſt, nachdem er ſeine vaterländiſche Abtheilung beſucht, ſich auf vaterländiſche Weiſe reſtauriren, er findet auch ein heimiſches Wirthshaus gleich hinter der großen Maſchinen Galerie, wenn er der zum Palaſt hinaus führenden Straße folgt.

Nichts iſt in der äußerſt praktiſchen Anlage verſäumt, und wer nur irgendwie ein bischen Ortsſinn beſitzt, wird ſich ſchnell mit dem Plan in der Hand zurechtfinden, ja beim näch⸗ ſten Beſuch deſſelben kaum noch bedürfen.