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eine Erſcheinung, welche bis dahin noch nie vorgekommen war. Die Beſtürzung war deshalb allenthalben eine ungeheure.
Während indeß bei Maria Thereſia und ihrer Tochter die Krankheit einen beruhigenden Verlauf nahm, nahm ſie bei der jungen Kaiſerin ſo raſch zu, daß die Aerzte nicht viel Tröſtliches ſagen konnten und man ihr die Sterbeſakramente reichen ließ. Fieber und Blattern erſchöpften alle Kräfte der armen Frau derart, daß ſie nach mehrtägigem Leiden am 28. Mai 1767 um 6 Uhr Morgens verſchied.
Der Oberſthofmeiſter des Kaiſers Franz, der Fürſt Kheven⸗ hüller, ſchreibt in ſeinem Tagebuche über dieſe fürſtliche Dulderin:„Sie hatte ihre ſchwere Krankheit mit der größten Geduld ausgeſtanden; am 27. früh, nachdem ſie die heilige Meſſe gehört, fing ſie zu deliriren an und nahm dann an Leibes⸗ und Gemüthskräften immer mehr ab, bis ſie endlich recht ſanft und ruhig im 28. Jahre ihres Alters in dem Herrn entſchlief. Man konnte von ihrer Gottesfurcht und anderen vielen Tugenden nur das Beſte ſagen; ſicher iſt es, daß, wenn der Kaiſer ſich an ihre Geſtalt und ihre freilich nicht zu noblen Manieren hätte gewöhnen können, und nicht einen ebenſo brillanten Verſtand, wie ſeine erſte Gemahlin gehabt, gefordert
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hätte, ſie ſonſt durch ihre übergroße Zärtlichkeit zu ihm und recht blinde Ergebung in ſeinen Willen ſeiner Gegenliebe würdig geweſen wäre, wie er es ſelbſt anerkannte und gegen einige ſeiner Vertrauten bei der Nachricht ihres Hinſcheidens Worte fallen ließ, welche ſeine innige Reue über ſeinen Kalt⸗ ſinn andeuteten.“
Die Baiern hatten ſehr viel auf ihre Prinzeſſin gehalten, und es verbreitete ſich das Gerücht, daß ſie nicht wirklich ge⸗ ſtorben, ſondern in ein Kloſter verſteckt worden ſei, um erſt nach dem Tode ihrer Schwiegermutter wieder hervorzukommen. Man nahm an, Maria Thereſia ſei auf ihre Schwiegertochter eiferſüchtig geweſen. Inzwiſchen hatte Maria Thereſia eben ihr alle Zärtlichkeit und Sorgfalt erwieſen und war im tiefſten Herzen betrübt, daß ſie Joſeph nicht ſo glücklich zu machen vermochte, als ſie es gewünſcht hatte.
Joſeph aber vermählte ſich nicht wieder; ohne Gattin und Kinder mußte er des Familien- und häuslichen Stilllebens entbehren; ſollte aus dieſem Mangel, dieſer Vernachläſſigung der Pflege des Gemüthes nicht ſo manche ſpätere Verbitterung und der eigenthümliche ſatiriſche Sarkasmus des vielge⸗ täuſchten und enttäuſchten Kaiſers zu erklären ſein?
Weltausſtellungs-Pilder.
IX.
Die Pariſer und die Expoſition.— Die Giftmiſcher in den Reſtaurants.— Wie kommt man zum Marsſeld hinaus.— Wie man ſich den
Trocadero holte.— Der Eintritt in den Induſtrie⸗Palaſt.— Das Tourniquet.— Die Maſchinen⸗Galerie.— Das Innere der Ausſtellung.—
Die Schlaraffenlands⸗Mauer der Reſtaurants.— Die Wunder des Parks.— Die franzöſiſche, deutſche, öſterreichiſche und belgiſche Ab⸗ theilung.— Der Jardin reservé, das Paradies des Marsfeldes.
Machen auch wir heute einmal der Weltausſtellung einen Beſuch, über deren rechtzeitige Eröffnung man vor dem 1. April ebenſo in Zweifel war, wie man nach demſelben, als am Himmel die drohenden Wolken ſich zuſammenzogen und die Pariſer Zeitungen nach Krieg ſchnoben, über ihre baldige Schließung einig zu ſein glaubte.
Es herrſchte ein nicht zu begreifender Widerſpruch. Der Kaiſer hatte ſich ſämmtliche Nationen zu einem Friedensfeſt zuſammen geladen, und als ſie mit ihren Kiſten und Kaſten, Viele weit her über Land und Meer, gekommen waren, ſtanden ſie rathlos da und wußten nicht, ob ſie aus⸗ oder wieder ein⸗ packen ſollten.
Rache für Preußens Uebermuth! hieß es in allen Jour⸗ nalen. Man zwang die franzöſiſche Regierung, Deutſchland gegenüber eine drohende Miene anzunehmen, denn der Pariſer ſah ſich in ſeiner unantaſtbaren Eigenſchaft als an der Spitze der Civiliſation marſchirende Nation verletzt und in den Hinter⸗ grund gedrängt.
Der Kaiſer ſelbſt hatte nicht Schuld daran, daß ihm der Krieg über den Hals kam. Der König der Niederlande hatte im vorigen Jahre, als er Preußens Erfolge in Böhmen ſah, ſich an Napoleon gewendet und ihm Luxemburg für einen billigen Preis offerirt, wenn er ihm ſeine Souveränetät für gewiſſe Fälle garantiren wolle, und der Kaiſer hatte zu⸗ gegriffen.
Als aber der Handel abgeſchloſſen werden ſollte, hatte man ihn ohne Deutſchland, ohne die Preußen gemacht, die in Luxemburg ſtanden.
Doch reden wir nicht von der Politik; ſie hat uns hier den Kopf ſchon warm genug gemacht. Sehen wir uns nach der Expoſition um.
Der Pariſer erblickte in dem großen Bazar des Mars⸗ feldes eine Quelle ungeheuren Verdienſtes, und dafür iſt er niemals unempfänglich. Hier in Paris iſt Alles darauf an⸗ gewieſen, viel zu verdienen, denn man koſtet ſich ſelber viel. Die Expoſition war alſo auch nur darauf berechnet, ſich der Portemonnaies aller übrigen Nationen zu bemächtigen und ihnen allenfalls ſo viel darin zu laſſen, als ſie nothwendig brauchten, um wieder nach Hauſe zu reiſen.
Hierüber war ſich Jeder klar, und hierüber wird ſich auch
jeder Fremde klar werden. Schon mit dem 1. April erhöhten die Reſtaurants ihre Preiſe; einzelne waren anſtändig genug, bis zum 15. April zu warten, aber länger durften auch ſie damit nicht anſtehen. Inzwiſchen aber ſannen ſie auf allerlei Giftmiſcherei.
In der Chemie der Küche gingen bedenkliche Neuerungen und Erfindungen vor. Geſpeiſt und getränkt müſſen ſie Alle werden, dieſe Hunderttauſende von Fremden, das ſteht feſt, ſo ſagte man ſich, nicht minder aber die Nothwendigkeit, ihnen anſcheinend Vorzügliches und Schönes zu reichen und dabei doch noch viel Geld zu verdienen, denn ſonſt hätte ja die ganze Expoſition keinen Zweck..
Man erfindet alſo künſtliche Surrogate; man ſinnt über die Möglichkeit nach, ein Beefſteak zu verabreichen, ohne das Rindvieh dadurch zu beſchädigen, ohne das theure Fleiſch erſt kaufen zu müſſen; ein Gemüſe herzuſtellen, das in keinem Gar⸗ ten gewachſen; ein Mehl zu beſchaffen, das keine Mühle ge⸗ ſehen, ein Brot zu backen, das man mit Anſtand noch à dis- crétion verabreichen kann.
Sachverſtändige wollen wiſſen, daß dieſe chemiſchen Be⸗ mühungen nicht ohne einige Reſultate geblieben ſeien; fremde und einheimiſche Laien wiſſen, daß man Katzen und Hunde ſchon längſt in den pikanteſten und täuſchendſten Saucen ſer⸗ virt, aber es läßt ſich berechnen, daß auch dieſe wilden Sur⸗ rogate während der Ausſtellung knapp werden und die Chemie alſo der einzige Rettungsengel iſt.
So umlauert uns der Verrath denn überall. Wie wer⸗ den künſtliche Beefſteaks, künſtliche Roſtbeafs und Cotelettes, künſtliche pommes de terres und haricots ſpeiſen, künſtlichen Wein und künſtliche Milch trinken und ſchließlich werden wir noch die künſtlichſten Anſtrengungen machen müſſen, um das Alles zu bezahlen, was der Pariſer uns abfordert.
Und wirklich ſieht es ſchon jetzt bedenklich aus. Hüte Dich, Leſer, ich warne Dich nochmals, vor den Prixfixes, die Dir gleisneriſch billige Preiſe aushängen, nachdem ſie ſchon 25 Procent aufgeſchlagen; ſie ſetzen Dir ſchon jetzt allerlei ver⸗ dächtige Fleiſche vor, ſie geben Dir eine Suppe, die nichts als Saffran und andere Färbeſtoffe enthält, ſie reichen Dir ein Brot, das poröſer als ein Schwamm, ſie ſerviren Dir zum Deſſert Beignets, die hohl wie ein großer Pilz; ſie geben Dir
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