Jahrgang 
1867
Seite
523
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Börſenkönig iſt vom Throne geſtürzt, für KönigPhilipp

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Sie werden für ſo Manchen in dieſem Jahre nur Wallfahrts⸗ Orte der Phantaſie bleiben. Denn die Kriegsfurcht hat, wenn auch nicht wie der Krieg Lebende zu Todten gemacht, ſo doch Vielen das genommen, was ihnen lieber iſt, als das Leben. Hic haeret aqua. Wenn der Roggen 70 ſteht, ſo muß dasunſer täglich Brot gib uns heute für ſo Manchen ein frommer Wunſch bleiben. Die Geſchäfte ſtocken, der Handel liegt brach, die Börſe ſchwankt hin und her, und der Concurs wird bald der einzige Concurrenzartikel ſein. Mancher

ſind die ſchönen Tage von Aranjuez nun vorüber, mancher Conſul, der ſich die Bündel ſtolz vortragen ließ, fühlt ſie jetzt auf ſeinem Rücken.

Nur die letzten ſchönen Tage haben einen veränderten Charakter in die Landſchaft gebracht. Die Theater haben ſich merklich geleert und auf den großen Promenaden der Linden und des Thiergartens haben die Schauſtellungen be⸗ gonnen. Was nur irgendwie repräſentiren kann, das präſen⸗ tirte ſich, Lieutenants, Studenten, Beſitzer heirathsfähiger Töchter und ſchöner Hunde, Alles rennet, rettet, flüchtet die Linden entlang, aufgeputzt, zugeſtutzt. Vor allem das ſchöne Geſchlecht. Auf jede Weiſe ſucht die Berliner Damenwelt zu zeigen, daß die Promenade der Ort, der das Theater bedeutet. Wie ſitzt das kleine Hütchen, das man in die Weſtentaſche

ſtecken kann, doch ſo kokett, wie läßt die neue Mode der

kurzen Kleider die reizendſten Füße im hellſten Lichte er⸗ ſcheinen! Was der Schneider nicht thut, das thut der Maler; auf den Lippen ein ew'ges Roth, auf den Wangen die Farbe, die das Haar und die Kleider benöthigen. Das iſt ein Geſchwatze, Gegrüße und Geſchmachte hierhin und dorhin das iſt eine Welt! O Berlinerin, das iſt deine Welt! Die

höhere Repräſentation fährt ſtolz die linke Seite der Linden entlang an den Fußgängern vorüber. Das ſind die Soliſten

in dem Chor der Repräſentation. Hier gilt es z. B. ſchon einen Gruß nicht zu erwidern, hier wird das Maß der Huld, das jedem Vorübergänger zu gewähren, ſorgſam abgewogen. Plötzlich hört man gleichmäßiges Getrabe von ſchnellfüßigen Pferden, die Wagen weichen aus, die Offiziere machen Front, die Spaziergänger ziehen die Hüte, die Spaziergängerinnen knixen tief: die holdſelige Prinzeſſin Friedrich Karl fährt die Linden entlang. Liebreizend grüßend und nickend bezaubert ſie die wenigen Herzen, die es nicht ſchon vorher waren. Am Branden⸗ burger Thore macht ſie Halt und gefolgt von einem Be⸗ dienten ſetzt ſie die Promenade zu Fuß fort. Noch einmal wird der Menſchenſchwarm in Aufregung verſetzt, das kron⸗ prinzliche Paar mit den Kindern, ein Bild ſchönen, deutſchen, bürgerlichen Familienlebens, ſauſt vorüber. Wieder fliegen die Hüte und ein Ausdruck der Zufriedenheit bleibt auf den Geſichtern zurück.

Es iſt zwar noch zu kalt, um lange im Freien zu ſitzen, aber trotzdem bleibt ein großer Theil der Spaziergänger in einem der vielen Locale des Thiergartens hängen. Der kunſt⸗ ſinnigere Theil hat ſich bereits zu Sommer begeben, wo Herr Liebig heute ſeine claſſiſchen Concerte den lauſchenden Hörern darbietet, die die ausdrücklich für Berlin gemachte Deviſe gut und billig an der Stirn tragen und neben dem Idealen auch für das Reale ſorgen. Wie Mancher hat hier ſchon Manche kennen gelernt und wie Manche Manchen! Denn Ehen werden im Himmel geſchloſſen, auf Erden aber in den Liebig'ſchen Sinfonie-Concerten. Wie manches Stück von Händel'n und Graun, der Anfang einer Bekanntſchaft, zittert durchs Leben nach! Wie meiſterhaft verſteht Liſzt eine Diſſonanz in eine Harmonie umzuwandeln. Ja, zu Liebig ſtrömt alles liebebedürftige junge Volk, wie ſchon der Name andeutet. Dort gehet hin und Allen predigt Haydn.

D. L.

Die Gemahlinnen Baiſer Joſeph's II.

Hiſtoriſche Skizze von Prof. J. H. Schwicker.

Kaiſer Joſeph 1l. war zweimal vermählt in beiden Fällen jedoch nicht glücklich. Der reichbegabte Sohn und Erbe Maria Thereſiens führte ein recht unglückliches Familien⸗ leben. Joſeph's erklären, und ſowol ſein Charakter wie ſeine Thaten erſcheinen uns infolge deſſen in einem ganz neuen Lichte. Werfen wir zuerſt einen Blick auf die Perſönlichkeit des Kaiſers ſelbſt!

In dem Leben Joſeph's II. ſind verſchiedene Entwicklungs⸗ ſtufen bemerkbar; ſeine Natur entwickelte ſich mit beſtimmten Anlagen langſam, bis ſie ſich in geſammelter Kraft erhob und raſtlos vorwärts eilte. Am öſterreichiſchen Hofe herrſchte von alten Zeiten her die ſtrenge Zucht zur Ehrbarkeit, zur Keuſchheit des Herzens, zum Maßhalten in allen Dingen. Maria Thereſia war eine zärtliche, aber zugleich ſtrenge Mutter. Dies bewies ſie auch gegen den Erzherzog Joſeph. Dieſer ſchien dem oberflächlichen Beobachter als ein hoch⸗ müthiger, ſtolzer, hartnäckiger Geiſt, der nicht gerne gehorchte; ſeine Natur war ſpröde. Die Kaiſerin⸗Mutter ließ ihn deß⸗ halb Muſik lernen,damit er milder werde. Unterricht wollte es nicht vorwärts, woran freilich ſeine Lehrer auch große Schuld trugen. Es waren dies zwar ausgezeichnete Männer der Wiſſenſchaft und des Staates, allein ſie wußten nicht, ſich ſeiner Individualität anzuſchließen und verſtanden es nicht, dieſen Geiſt mit ſorgſamer Hand zu eröffnen und ſein Herz, in dem alle guten Gaben ſchlummerten, zu pflegen. Sie klagten über Mangel an Aufmerkſamkeit, Fort⸗ ſchritten und viel Eigenſinn.

Indeß Joſeph war geiſtig nicht träge; er arbeitete fleißig, und fein gutes Gedächtniß, ſein Scharfſinn halfen ihm über den pedantiſchen Unterricht hinaus. Er wurde mit den alten und neueren Claſſikern vertraut; beſondere Neigung hatte er

Aus dieſem Umſtande laſſen ſich viele Handlungen.

Auch beim

zu den Kriegswiſſenſchaften, zur Feldmeß- und Kriegsbau⸗ kunſt.

Auch körperlich entwickelte ſich Joſeph in vortrefflichſter Weiſe, und als er im 17. Lebensjahre die Blatternkrankheit glücklich überſtanden hatte, entfaltete ſich ſein Weſen in größerer Selbſtändigkeit. Sein individuelles Weſen, die Gaben ſeines Geiſtes und Herzens kamen zum Durchbruch. Er las, ſtudirte, bildete ſich eigene Ueberzeugungen, die Kraft und Luſt zu eigenem Schaffen entſtand in ſeinem jungen Geiſte. Als er in ſein 20. Jahr eintrat, war ſeine Kraft geſammelt und jene Züge des Charakters gegeben, welche aus ſeinem ſpäteren Leben ſo klar und offen hervortraten. Seine Phyſiognomie, die hohe Stirne, die ſanft gebogene Naſe, der geiſtvolle Blick nahmen allgemein für ihn ein. Zu der Unterhaltung trug er wenig bei; er hatte keine Freude an geräuſchvollen Hoffeſten, und am liebſten war ihm ein lebendiges Geſpräch im engſten Kreiſe; er tanzte ſelten, ſpielte nicht gerne, verſtand es auch nicht; nur ſeiner Mutter zu Liebe ließ er ſich öfters zu einer Partie Piquet herbei.

Aeußerlich erſchien er immer kühl. Mit faſt ſtoiſcher Strenge bildete er ſich aus und gewann die vollkommenſte Herrſchaft über ſich ſelbſt. Fremden erſchien er ſtolz, hoch⸗ müthig, hart. Man mußte ihn näher kennen, mit ihm länger

verkehren, beſonders aber mit ihm Gegenſtände ſeines Intereſſes

behandeln, um die Tiefe dieſes Geiſtes zu bewundern.

Im 20. Jahre ſeines Lebens vermählte ſich Joſeph mit Maria Iſabella, Tochter Don Philipp's, Herzogs von Parma, der auf einer Jagd bei Aleſſandria ein klägliches Ende fand(1765). Iſabella wurde am 13. Dechr. 1741 geboren und war achtzehn Jahre alt, als ſie im Frühjahre 1760 mit dem Thronerben Oeſterreichs ſich verlobte. Ihre Kinderjahre hatte ſie im Schloſſe Colorno in faſt klöſterlicher

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