Jahrgang 
1867
Seite
524
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Einſamkeit zugebracht; von da her war ihr die Liebe fürs Kloſterleben geblieben, und nur ungern, man ſagt aus Zwang, entſagte die Prinzeſſin ihrem Wunſche, ihr Leben ganz in den Mauern eines Kloſters zuzubringen.

Die Vermählung durch Stellvertretung geſchah zu Parma am 7. Sept. 1760, und am 1. October hielt Maria Iſabella ihren feierlichen Einzug in Wien, bei welcher Gelegenheit auch die neu errichtete adelige ungariſche Leibgarde das erſte Mal aufzog und durch die Pracht ihres Coſtümes die allgemeine Bewunderung erregte.

Nicht minder überraſcht war man von der jungen Prin⸗ zeſſin; Wien kam ihr in aller Liebe und Freude entgegen. Maria war zwar keine außerordentliche Schönheit, beſaß aber den Zauber hinreißender Liebenswürdigkeit; ſie hatte einen dunklen Teint, ſchwarze funkelnde Augen und einen geiſtreichen, lebhaften Ausdruck im Geſicht. Sie hatte eine vortreffliche Erziehung genoſſen und beſaß ausgezeichnete Talente.

Joſeph war entzückt von ſeiner Gemahlin und äußerte mehr als einmal, es ſchmerze ihn, ihr nur Ein Herz bieten zu können. Man war überraſchk, den jungen Erzherzog, den

man für kalt und ſtarr hielt, ſo voll Hingebung für ſeine

junge Frau zu finden.

Wie auf Joſeph, ſo machte die Prinzeſſin auf den ganzen Hof den beſten Eindruck, inſonderheit beſaß ſie die Bewunde⸗ rung und Liebe ihrer Schwiegermutter. Maria Thereſia pflegte zu ſagen:Es gibt im Verlaufe des Tages nicht einen Augenblick, in welchem ich nicht veranlaßt wäre, ſie zu be⸗ wundern.

Auf Joſeph übte Maria Iſabella großen Einfluß: ſie verſtand es, ſeinen feurigen Ungeſtüm zu mäßigen, und durch Bildung und Kenntniſſe war ſie auch nicht ſekten eine glück liche Rathgeberin in Geſchäften.

Unter den Mitgliedern der kaiſerlichen Familie ſchloß ſie ſich in beſonderer Liebe und Freundſchaft an die Erzherzogin Maria Chriſtine, die Lieblingstochter Maria Thereſiens. Beide Damen ſtanden in gleichem Alter; Beide waren jung, ſchön, geiſtvoll; ihre Seelen neigten ſich noch mehr zu einander, als ſie ſich ſahen und kennen lernten. Die Briefe, die ſie ſich während ihres Zuſammenlebens in Wien ſchrieben, ſind ein treuer Spiegel ihres innerlichen Lebens. Eine mädchenhafte Schwärmerei, die Naivetät der Jugend, der volle Zauber eines

jungen reinen Gemüthes drücken ſich darin aus.

Iſabella ſprach und ſchrieb deutſch, ſie hatte eine Vor liebe für die Nation, deren Fürſtin ſie werden ſollte. Schon aus Colorno hatte ſie geſchrieben:Wie freue ich mich, die Deutſchen zu jehen, deren jetzt mehrere nach Parma kommen; ich liebe dieſe Nation aus Pflicht und wahrer Neigung!

Iſabella und Chriſtine trieben Muſik, Studien und Lektüre gemeinſam. Iſabella ſpielte die Violine, ihr Gemahl oder Chriſtine begleiteten ſie auf dem Klavier. Die kleinen Hausconcerte in den Jahren 1760 und 1761 vereinigten oft den heimiſchen Kreis in Freude und Fröhlichkeit. Auch ernſtere Dinge beſchäftigten den Geiſt dieſer jungen Frauen. Sie theilten ſich Verſe, Aufſätze, Auszüge aus Büchern mit, oder zeichneten in einſamen Stunden ihre Gedanken auf über Leben, Gewohnheiten und Sitten der Nationen.

Iſabella legte einſt in einem Aufſatze:Reflexionen für drei Tage Zurückgezogenheit, die ernſteſten Betrachtungen über Leben, Glück und Hoffnung nieder. In einem anderen AufſatzeUeber die Reize der falſchen Freundſchaft, ſchrieb ſie mit Geiſt und Humor über die Männer. Sie machte kleine franzöſiſche Gedichte, excerpirte aus Boſſuet, ſchrieb ſogar K handlungen über den Handel, in welchen ſie ſich über die dingungen der Macht und Wohlfahrt eines Staates klar werden ſucht. Sie denkt an John Law, an den Schwindel⸗ geiſt, den dieſer Mann entzündete, ſie notirt Punkte für einen Handelstractat und ſchreibt Blätter voll über die Vortheile, welche für Oeſterreich daraus entſpringen können.

So war dieſe Frau voll Anmuth, Verſtand, Geiſt und Talent ganz geſchaffen, einen Mann glücklich zu machen; doch ruhte ein dunkler Schatten auf dieſem herrlichen Bilde. Eine unerklärliche Schwermuth war über ihr ganzes Weſen ausge⸗

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goſſen. Faſt geiſterhaft war ihre Erſcheinung, wenn ſie an der Seite ihres Gemahls in feierlichem Ernſt in den Saal trat. Todesahnungen erfüllten ihr Gemüth; ſie ſprach von ihrem baldigen Ende wie von einer ausgemachten Sache. In einem Briefe an Chriſtinen gedenkt ſie ihres Todes, derin⸗ zwiſchen kein ſo ſchrecklicher Verluſt ſein wird, mit einer faſt erſchrecklichen Ruhe.

Ueber die Urſache und Veranlaſſung dieſer düſtern Ge⸗

Karoline v. Pichler erzählt eine Anekdote, welche einige Blicke in das Gemüth Iſabellens geſtattet.Ihr war eine geliebte Perſon angeblich ihre Mutter geſtorben. Ganz in tiefſten Schmerz aufgelöſt, kniete ſie am Sarge und flehte zu Gott, ſie bald mit der Vorangegangenen zu vereinigen. Da war es ihr, als ſpräche Jemand die Zahl Drei aus. Ihre hocherhobene Seele ergriff mit Begierde dieſen, wie ſie glaubte, prophetiſchen Ausſpruch und in drei Tagen hoffte ſie die Er⸗ füllung ihres ſehnlichen Wunſches. Aber es vergingen drei Tage, drei Wochen, drei Monate und der erwartete Friedens⸗ bote, der die der Welt Ueberdrüſſige abberufen ſollte, erſchien nicht. Wol aber erſchienen bald darauf die Boten des öſter⸗ reichiſchen Hofes, welche die Hand der Prinzeſſin für den Erben ſo vieler Kronen, für einen der ſchönſten, geiſtvollſten und verſprechendſten Prinzen forderten.

Eine andere Meinung nahm an, die Prinzeſſin habe früher für einen andern Mann eine Leidenſchaft im Herzen getragen und ſei ungern aus Italien weggegangen. Es iſt wahr, daß ſie nur mit Schmerz und Betrübniß von ihrem einfachen, harmloſen Jugendleben in Colorno ſchied, aber nicht die leiſeſte Spur einer früheren Neigung findet ſich in den Briefen an die Erzherzogin Marie Chriſtine, der ſie doch alle Falten ihres Herzens öffnete.

Karoline von Pichler berichtet freilich in ihrenDenk⸗ würdigkeiten, Iſabella habe ihren Gemahl nie geliebt, und Joſeph ſelbſt hätte dies unglückſeliger Weiſe erfahren, als nach dem Tode ſeiner Gemahlin ſeine Schweſter Chriſtine aus Mitgefühl und Rechtlichkeit dem Getäuſchten die Wahr⸗ heit eröffnete und ſo ſeinen allzu heftigen Schmerz zu mäßigen glaubte. Sie habe ihm die Briefe der Verſtorbenen gezeigt, in welchen dieſe ihr Herz und den wahren Stand ihrer Em⸗ pfindungen treu dargeſtellt hatte.Es war, fährt Frau von Pichler fort,ein Misgriff, ein unſeliger Einfall! und er verfehlte ſeine Wirkung nicht. Joſeph ſah ſein blutendes,

hingebendes Herz verſchmäht, getäuſcht; ſeine hohe Meinung

von der Verlorenen zernichtet. Wohl mögen ſeine Thränen um die Verſtorbene verſiegt ſein, aber Erbitterung, Verachtung gegen das ganze weibliche Geſchlecht ſetzte ſich in ſeiner Bruſt feſt, von der ſein beſſerer Sinn nur Wenige ausnahm, indeß er die Uebrigen als bloße Puppen oder Gegenſtände der Sinnlichkeit betrachtete. Glücklicher Weiſe ſind dieſe Angaben der Frau v. Pichler entſchieden unrichtig. Maria Iſabella erſcheint uns gerade in ihren Briefen in ganz anderem Lichte. Meinung über Joſeph! Sie liebte ihn mit allem Feuer ihrer Seele; ſie lebte nur in ihm, geizte nach jedem Blick von ihm. Sie war troſtlos, wenn er einen Tag entfernt war, und glück⸗ lich, als ſie mit ihm 1762 einige Wochen einſam in Ekartsau zubrachte. Wenn er unwohl war, wich ſie nicht von ſeinem Bette. Voll Freude ſchrieb ſie an Chriſtine, daß es ihm beſſer gehe;ſo ſtark, als ich dich liebe, fügte bei,ſo habe ich doch geſtern empfunden, daß der Erzherzog vorgeht. Aber

ſſiezweifelte an der Liebe ihres Mannesz er erſchien ihr

zu kalt, zu nüchtern; für ihre glühende Seele war ſein Weſen zu ruhig angelegt; ſie hielt ſein Herz nur für Freundſchaft empfänglich. Wie war ſie bemüht, ihn zu gewinnen, zu er⸗ halten! Sie ſtellte Betrachtungen an über ſein innerſtes Weſen, zerlegte ſein Fühlen und Wollen und ſuchte Licht und Schatten ſeines Charakters zu erkennen.In allen Dingen, ſchrieb ſie an Chriſtine,muß man ihm die Wahrheit ſagen, ihm mit Milde und Sanftmuth begegnen; man darf ihn nicht

zu viel liebkoſen, ſonſt hält er es für Schmeichelei und Falſch⸗

müthsſtimmung gingen in Wien vielerlei Muthmaßungen.

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Hören wir ihre