Jahrgang 
1867
Seite
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Flämmchen des Lampendochtes vom erfaßten letzten Tropfen Oel noch einmal ſtark und lebhaft aufflackert, ſo auch die in ſich ſelbſt verſiegende Lebenskraft Anna's. Beide Hände auf⸗ hebend, den brechenden Blick nach oben gerichtet, rief ſie mit aller Anſtrengung einer Verzweiflungsvollen:

Vater! Vater! Zu deines großen Namens Schande ſterbe ich als das armſeligſte Geſchöpf dieſer Erde. Nicht einmal ein Zeichen der Liebe darf ich in meiner Todesſtunde noch Dem geben, der mir mehr als das Leben ſelbſt werth iſt!

Mit einem aus der Bruſt tief herauf raſſelnden Athem⸗ zuge fiel ſie in die Kiſſen zurück.

Der Kurfürſt fühlte ſich gewaltſam erſchüttert von dieſem Schrei der Verzweiflung der Unglücklichen, die im Leben das Vorrecht ihren fürſtlichen Standesgenoſſen, Wünſche erfüllt zu ſehen, nicht gekannt und in den letzten Momenten ihres Daſeins unter der Laſt dieſes auf ihr ruhenden Unglücks zuſammen⸗ brach. Sein Blick ſtreifte auf Dr. Neefe, der an der andern Seite des Lagers ſtand und wie bittend ihn anſah.

Er ſoll Gnade haben, ſoll frei ausgehen, redete der Kurfürſt, ſich dann zu Anna's Ohr niederbeugend und wie ihr immer dunkler werdender Blick nach ihm ſich aufrichtete, wiederholte er mit dem Zuſatze:ſo wahr mir Gott helfe!

Die Hand der Sterbenden erhob ſich nach der ſeinen wie zum Danke, würde dieſe aber nicht gefunden haben, da vor ihrem Auge bereits die Gegenſtände unter einander ver⸗ ſchwammen, wenn nicht des Oheims Hand ihre planlos tappende Hand ergriffen hätte. Eine Pauſe trat ein die vor kurzem noch heftig fiebernden Züge Anna's glätteten ſich allmählich, es wurde ſichtbar Friede in ihr. Kaum hörbar gingen noch die WorteHeilige Mutter Gottes, nimm mich zu dir! über ihre Lippen, dann zog es wie beſeligendes Lächeln über ihr tiefblaſſes Antlitz und milde legte der zu Häupten ihres Lagers unſichtbar ſtehende Todesengel ſeine Hand auf ihr unter den Stürmen des Lebens an Freuden und Frieden ver⸗ armtes und gebrochenes Herz.

Am nächſten Tage erzählte man ſich in der kurfürſtlichen Reſidenzſtadt die Kunde von ihrem Tode; man erwartete, der Kurfürſt Oheim werde der noch nicht ganz einunddreißig Jahre alten, einzigen Tochter Kurfürſt Moritz's, ſeines Bruders, ein prächtiges Leichenbegängniß veranſtalten laſſen; aber dies erfüllte ſich nicht. Der orthodor⸗lutheriſche Kurfürſt Auguſt ließ zwei Tage ſpäter, am 20. December 1577, die Leiche der zum Katholicismus übergetretenen Nichte ohne alles Ge⸗ pränge und in aller Stille nach Meißen abführen, wo ſie auf dem Schloſſe daſelbſt in die an die Domkirche angebaute ſächſiſche Fürſten⸗Begräbnißkapelle ganz in derſelben Prunk⸗

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loſigkeit beigeſetzt wurde. Auch nicht die Ehre eines geringen

Denkſteines wurde der unglücklichen Tochter des großen Hel⸗

den⸗Kurfürſts vergönnt..

Jetzt wußte man, welches Verbrechen auf ihr ruhte.

Die Meißner Fürſten-Begräbnißkapelle bewahrte die Leichen der katholiſchen Fürſten albertiniſcher Linie, deren Reigen Herzog Georg der Bärtige, Luther's ſtarrer Feind, als Letzter derſelben geſchloſſen hatte. Anna würde neben ihrem Vater im Freiberger Dome beerdigt worden ſein, wenn ſie nicht Katholikin geweſen wäre. In Kurfürſt Auguſt's Augen war ihr Religionswechſel jedoch eine Schmach für das ganze lutheriſch⸗ſächſiſche Fürſtenhaus, das übelſte Beiſpiel für das proteſtantiſche Volk und ein Verbrechen an ihrem eigenen Seelenheile.

Die Geſchichte verherrlicht ſeinen Namen als den eines weiſen Staatswirthes, als eines Muſters für die Fürſten ſeiner Zeit; aber ſie iſt nicht ſo ungerecht, um zu verſchweigen, daß feſtgehaltener Haß, der ſich in ſeinem Leben bei manchen Gelegenheiten nur zu deutlich kund gab, und eine harte, zähe Unverſöhnlichkeit, die den Feind bis ins Grab verfolgte, große Schatten über ſeinen ſchönen, von bewunderungswürdigen Eigenſchaften ausgezeichneten Charakter breitete.

Anna's Gemahl, Prinz Wilhelm von Oranien, der große Befreier der Niederlande, überlebte ſie nicht lange; 1584 fiel er durch die Kugel eines Meuchelmörders, welcher vorher von ſeinem jeſuitiſchen Beichtvater Abſolution für dieſen Mord er⸗ halten hatte. Und Kurfürſt Auguſt folgte ihm zwei Jahre ſpäter, 1586, nachdem er ſeinem Volke das eben nicht rühmens⸗ werthe Beiſpiel gegeben, wie leicht er, der Sechzigjährige, die 37 Jahre lang geführte glückliche Ehe mit ſeiner ihm durch den Tod entriſſenen Gemahlin vergeſſen konnte, und allem Herkommen zuwider, die übliche Trauerzeit um die Verſtorbene aufhob und ſchon nach drei Monaten nach deren Tode die dreizehnjährige Tochter des Herzogs von Anhalt, Prin⸗ zeſſin Agnes Hedwig, als Gemahlin heimführte. Sechs Wochen nach dieſem Freudenfeſte rief ihn der Tod bei einer Jagdpartie in Moritzburg aus dem Leben ab.

Gewiß hatte er keine Ahnung, daß ein Jahrhundert 3

ſpäter ein Nachkomme ſeines Fürſtenhauſes, auch ein Auguſt, das Lutherthum abſchwören, ſpäter die geſammte albertiniſche Linie des Wettiner Stammes den Katholicismus annehmen

und ſolchergeſtalt den ſeit Anna's von Hranien Tod ſcheinbar für immer zerriſſenen Faden zwiſchen den albertiniſchen Fürſten

mit der römiſchen Kirche wieder neu knüpfen werde.

Alles in Zeit und Leben iſt dem Wechſel unterworfen, die Gegenſätze bezeichnen nur die hochgehenden Wogen in Beiden.

Berliner plandereien.

Die vier Monate ohne R., die in voriger Woche in ganz Europa mit Ausnahme Rußland's auf Frühlingsfittichen ihren Einzug hielten, haben in der Reſidenz noch nicht die ihnen eigenthümliche Phyſiognomie angenommen. Die Sonne leuchtet mehr, als ſie wärmt, die Regengüſſe ſind nicht kurz, heftig und erquickend, ſondern fein, andauernd und ermüdend. Die jungen Bäume ſtehen kahl wie unſere heutige Jugend, und der Thiergarten gleicht dem Reichstage von oben geſehen. Das Heer der Vögel iſt auch noch nicht mobil gemacht, nur einzelne Tirailleurs und Pioniere haben ſich eingefunden. Und wozu ſoll das Wetter ſchön werden, wo das poli⸗ tiſche Barometer auf Sturm deutet? Wozu die Vögel ſingen, wenn der edle Girardin in die Kriegsdrommete ſtößt? Wozu die Knospen ſpringen, wenn die Bomben und Granaten ſich anſchicken, ſich dieſer Beſchäftigung hinzugeben? Wenn die Völker ausziehen zum blutigen Mord, wenn die Menſchen auf eine immer verfeinerte Art ſinnen, ſich gegenſeitig zu zer⸗ fleiſchen, dann braucht es nicht Frühling zu werden, und der alte Herrgott wird der Menſchheit noch dieſe ſchönſte Jahres⸗

zeit aus dem Kalender ſtreichen, wenn ſie für ihre Gaben

keinen Sinn mehr hat.

Was aber ſoll aus der Welt werden ohne Frühling? Wo bleiben die Lieder der Liebe, wo die Frühlingsgefühle, die Frühjahrsmoden, die Frühjahrsparaden? Das Jahr verliert ſeine Jugendzeit, es wird erſt altklug erſcheinen und nachher abgelebt, ganz wie unſere feine Welt.

So gleicht auch das Leben der Reſidenz noch einem Winterleben. laſſen, wie ja auch einzelne Frühlingsſänger bereits einge⸗ troffen, ſo iſt der Chor doch bei uns geblieben und macht uns die geheizten Räume des Opernhauſes zu einem ange⸗ nehmen Aufenthalte des Vergnügens. Die Naturſchauſpiele haben dem Schauſpielhauſe noch nicht den Boden unter den

Füßen entzogen, die Sommertheater haben ihre Pforten nur

theilweiſe und ſchüchtern geöffnet. Der Reichstag hat zwar

ſeine Vorſtellungen eingeſtellt, aber das Abgeordnetenhaus

ſpielt das Stück noch einmal. Geſchweige denn, daß die Welt ſchon die Ränzel geſchnürt hätte, in die Bäder zu reiſen.

Haben auch die Hauptwintervögel uns ver⸗

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