Jahrgang 
1867
Seite
519
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Cloſeries de Lila, die Salle Valentino, Mabille, und die

Barrieren⸗Bälle, deren Zahl Legion iſt.

Eins der bevorzugten Locale iſt das Caſino, die Akademie

der Liederlichkeit und des Cancan. Für einige Francs Entrée treten wir gegen 9 Uhr Abends, wenn die Geſellſchaft verſammelt iſt, in den großen, von Galerien umlaufenen Salon. Das Orcheſter ſpielt Offen⸗ bach; die Quadrille iſt im Gange, dieſes hundertbeinige Ungeheuer; mit ernſter Miene ſteht der Sergeant dabei, um den Anſtand zu überwachen.

Den Anſtand! Der Sergeant iſt auch kein Unmenſch; warum ſollte er nicht ebenſo viel Vergnügen darin finden wie die Uebrigen, wenn irgend eine Zoé, eine Joſephine, eine Florence ihrer Tollheit die Zügel ſchießen läßt, ihre kurze und ſchmale Robe, die der Crinoline längſt den Abſchied gegeben hat, mit beiden Händen zuſammenfaßt, ihre mit fleiſchfarbenen Strümpfen bekleideten Beine in Bewegung ſetzt und ſie ihrem Vis-à-vis unter die Naſe ſchleudert?

Sie iſt die tollſte, die ausgelaſſenſte; aber ſie iſt ja nicht indecenter, als man auf der Bühne iſt, wenn ſie Cancan tanzt; die Robe und die Jupons ſind ihr nur eine Laſt, die ſie am liebſten beim Tanz unter den Arm nimmt. Keine ihrer Schweſtern verſteht ſo viel Dummheiten in der Quadrille zu treiben wie ſie; keine lacht ſo übermüthig, keine hat ſo ſchlanke, ſchöne Glieder, aus denen in Paris Niemand ein Hehl macht, und keine beſitzt die Bravour, welche jede ihrer Bewegungen zu einer Orgie macht.

Seht ſie arbeiten im Cancan; denn eine Arbeit iſt es. Die erſten Tänzerinnen der großen Oper, die Tauſende monat⸗ licher Gage beziehen, unterwerfen ſich nicht einer ſolchen Anſtrengung wie ſie, die das Alles doch nur zu ihrem eigenen Vergnügen thut!

Hundert Capriolen, hundert Tollheiten weiß ſie zu treiben; ihre Röcke fliegen, ihre Beine fliegen, ihre Bruſt fliegt athemlos, der Schweiß perlt auf ihrer Stirn. Aber ſie lacht, ſie iſt überglücklich; ſie kreiſcht und jubelt, wenn ihr Tänzer es ihr nur irgendwie recht macht, wenn er wie ein Kautſchukmann die unglaublichſten Gliederverrenkungen zeigt.

Und um ſie herum ſammeln ſich die Zuſchauer. Zoé oder Nini, wie ſie heißen mag, iſt ja die Tänzerin par excellence. So toll wie ſie treibt's Niemand im ganzen Saal, und jubelnd begleitet der um ſie geſchloſſene Kreis jede neue Tollheit, die ihr das erhitzte Gehirn eingibt.

Keine Bacchantin vermag es ihr gleichzuthun. Eine halbe Stunde lang tobt ſie in der Quadrille umher, immer ſich ſelbſt von Neuem überbietend, bis endlich die Muſik ſchweigt und ſie ſo ſollte man glauben ermattet zuſammen ſinkt.

Keineswegs. Zod's Bruſt fliegt zwar wie ein Weber⸗ ſchiffchen; der Schweiß trieft von dem glühenden Geſicht, aber das Auge leuchtet von Freude, von Siegesbewußtſein. Ruhig legt ſie den Arm in den ihres Tänzers, wenn er ſeine Sache gut gemacht, und geht mit ihm zum Büffet, um einen chope zu trinken oder ſich eine Orange kaufen zu laſſen. Oder ſie geht mit ihm in das Promenoir, in den Promenadenſaal, ſchreitet hier mit ihren Freundinnen auf und ab, begrüßt ihre Freunde und ſchmollt mit denen, die ſie vernachläſſigt, bis das Orcheſter von Neuem ruft und der nächſte Tanz ſie wieder auf dem Poſten ſieht.

Toller noch geht's in der Salle Valentino her. Hier iſt Alles Bacchantin, was irgend den Humor dazu beſitzt. Ver⸗ geblich würde ſelbſt die kühnſte Feder verſuchen, einen dieſer Cancan's zu beſchreiben, die, wie ein wildes, tobendes Umher⸗ ſchleudern der Glieder, den Tanzenden den Schweiß aus allen Poren treiben und an die wahnſinnigen Verzückungen eines Derwiſches erinnern.

Ehedem war Frankreich auch luſtig, auch liederlich, aber man überſchritt ſelbſt in ſeiner größten Ausgelaſſenheit nicht die Grenzen eines gewiſſen Anſtandes. Jetzt iſt Alles Cynismus in Paris; dasſpirituellſte Volk der Welt findet in ſeiner Blaſirtheit nur noch Gefallen an der brutalſten Aus⸗ ſchweifung, in den unnatürlichſten Raffinerien.

Ehedem berührte wol der Acht habende Sergeant, wenn

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er eine Tänzerin von der Tarantel verführt ſah, leiſe und warnend ihre Schulter mit einempremière fois und führte ſie lautlos zum Saal hinaus, wenn ſie ſich zum zweiten Male fortreißen ließ. Heute entwickeln die Sergeanten eine Nachſicht, die mich nicht mehr begreifen läßt, warum ſie eigentlich dem Tanze zuſehen müſſen, wenn es nicht aus Intereſſe an dem ſelben geſchieht.

Seit den Triumphen der Rigolboche und ihrer Nach⸗ folgerinnen in der Salle Markowski, b. h. ſeit dieſe ſich durch ihren Cancan einekünſtleriſche Carriere eröffnet, ſehen wir die Bravour⸗Tänzerinnen nur noch in fleiſchfarbigen Tricots auf dieſen Bällen erſcheinen und mit dieſen den Ton angeben.

Ebenſo toll und wilder noch als im Valentino geht's in den Cloſeries zu. Einſt waren ſie die Pflanzſchule des Cancan. Der Student tanzte hier mit ſeiner Studentin, dem naiven, anſpruchsloſen Weſen, das noch mit dem Herzen zu lieben verſtand und ſich aus unglücklicher Liebe wohl zuweilen in die Seine ſtürzte.

Aber ſeit der vorigen Induſtrie⸗Ausſtellung iſt auch die letzte Spur dieſer Romantik verſchwunden.

Die Griſette, deren eigentliche Heimat das Quartier⸗ Latin war, exiſtirt längſt nicht mehr. Damals, als Paris von einer Völkerwanderung geldhabender Engländer, Ruſſen und Amerikaner beſucht wurde, ergriff die letzten noch vor⸗ handenen Griſetten die Sehnſucht nach den Boulevards, nach den Champs⸗Elyſces und dem Bois de Boulogne. Sie, die bis dahin glücklich geweſen, wenn ſie als étudiante mit ihrem Freund ein anſpruchsloſes Zimmer theilen, jeden Morgen das kleine Milchtöpfchen vom Fenſter des Concierge holen und ihrem Gatten den Kaffee kochen konnte; ſie, die ſo glück⸗ lich war, wenn ſie mit ihm Abends im Prado oder in den Cloſeries des Lilas tanzen konnte; ſie, die keine Ahnung von indiſchen Shawls, Colliers, Bracelets, eleganten Möbeln und Equipagen hatte, ſie ward mit einem Male von höheren Inſtineten erfaßt.

Sie ſchnürte ihr Bündelchen, verließ heimlich ihre kalte Dachkammer, wanderte über den Pont⸗Neuf und wohnte als⸗ bald in den ſchönſten Etagen des Faubourg Montmartre. Sie kleidete ſich in Atlasgewänder, trug Brillanten und Perlen in den Ohren, auf der Bruſt und an den Armgelenken, fuhr in eigenen Equipagen und hatte ihren Freund vergeſſen.

Ihr Herz hatte ſie drüben im Quartier⸗Latin begraben. Sie fuhr im Bois ſpazieren, lernte reiten und entwickelte große Talente im Verſchwenden.

Wenn ſie zufällig ihrem einſtigen Freunde auf der Promenade begegnete, war es ihr, als müßte ſie ihm ſchon einmal irgendwo begegnet ſein.

Die vorige Induſtrie⸗Ausſtellung vertilgte die letzten Reſte dieſes Griſettenlebens. Jetzt iſt daſſelbe nur noch eine Sage.

Und dennoch wird man an dieſe durch die Barrieren⸗ Bälle zuweilen gemahnt. Hier ſehen wir noch die Blanchiſſeuſe mit ihrem weißen Häubchen auf dem dunklen Haar(denn nur ſie iſt noch brunett, die andern ſind alle blond; blond iſt Mode, iſt nothwendig und wird mit den künſtlichen Tincturen hervorgebracht). Hier ſehen wir noch die Nähterin im an⸗ ſpruchsloſen Wollenkleide, wie ſie mit ihrem Geliebten, einem flotten Ouvrier, ihren chope trinkt, oder ihm in der Quadrille mit glücklichem Lächeln ins Auge blickt. Hier ſind noch Symptome von Uneigennützigkeit im Calico⸗Kleide, doch ſind auch ſie nur Ausnahmen.

Der Tanz bietet wohl auch hier ſeine Extravaganzen, doch ſelten ſolche Ausgeburten wie in den genannten Sälen.

Meiſt ſchließen auch dieſe Bälle bereits um 11 Uhr, doch pflegt man ihnen an Sonntagen eine längere Friſt, bis Mitter⸗ nacht, zu geben.

Es gibt wohl Reiſebücher, die vor dem Beſuche dieſer Barrieren⸗Bälle warnen; doch iſt mir niemals irgend eine Brutalität dort vorgekommen, und die Ueberwachung durch die Polizei iſt auch eine ſo ſtrenge, daß es kaum zu Exceſſen kommen dürfte.