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wähnen, die für den Fremden von hohem ſittlichen oder unſittlichen Intereſſe. Es ſind dies die beiden Matadoren der Cafés chantants, den Alcazar in der Rue de Faubourg⸗ Poiſſonnière und das Eldorado am Boulevard de Strasbourg.
Entree wird in beiden nicht genommen, wohl aber iſt man verpflichtet, irgend eine Conſommation, Bier, Punſch, Wein oder was ſonſt, zu beſtellen und die unverſchämten Preiſe gleichen dann das Entrée vollſtändig aus.
Bis zum vorigen Jahre war die bekannte Theéreſa die Göttin des Genre canaille. Ich erwähnte ihrer bereits und habe über dieſes liebenswürdige Weſen nur wenig hinzuzu⸗ fügen. Sie ſcheint ſich caput geſungen zu haben und iſt in Nizza, um ihre Kehle zu curiren.
Ihre Nachfolgerin iſt Suſanne Lagier, ein Fettklumpen, von dem ich ſpäter noch erzählen werde. In Gemeinheit und Frechheit übertrifft ſie ihre Vorgängerin bei weitem und macht dieſe alſo beim Publikum vergeſſen. Es iſt unglaublich, was in dem Genre canaille hier in Paris geleiſtet wird.
Wer ſich im einen bequemeren Platz ſuchen will, auf welchem allerdings die Preiſe der Conſommation noch theurer als unten im Parterre, der gehe in die Logen hin⸗ auf. Entree iſt, wie geſagt, auch hier nicht. Man ſitzt hier freilich mitten unter den„Biches“, den„Cvcottes“, in⸗ deß man befindet ſich unter ihnen in ganz Paris, wohin man den Fuß auch wenden mag. Die Kaiſerin von Frankreich muß es ſich auch gefallen laſſen, wenn es die erſte beſte, ihr gegenüberſitzende Biche für gut findet, ſie zu lorgnettiren und zu kritiſiren.
Im Sommer ſchlagen natürlich dieſe Cafes⸗Concerts ihre
Bühnen in den Champs⸗Elyſees auf, wie aber der Holzapfel,
ſelbſt im Paradieſe keine Ananas wird, iſt die„canaille“ hier ebenſo elyſeeiſch⸗ordinär wie drinnen im Faubourg.
Der wunderſchöne Monat Mai iſt da, was aber ſoll daraus werden, wenn der Himmel ſeinen Sonnenſchein zurückhält!
Paris will und muß aufs Land; es muß vor die Thore, muß im Grünen tanzen und Ball ſpielen, auf den Wieſen lagern, auf der Seine rudern, mit einem Worte, die Saiſon muß beginnen, denn man iſt fortwährend entre chien et loup, und das kann nicht fortgehen.
In Verſailles ſollen den ganzen Expoſitions⸗Sommer hin⸗ durch die großen Fontainen, wenn ich nicht irre, dreimal in der Woche ſpringen, man wird den Fremden rings um Paris die herrlichſten Idyllen bereiten und die Pariſerinnen haben ſich dazu bereits die reizendſten Schäfer⸗Coſtüme beſtellt— aber der Frühling wird unerträglich und der Regenſchirm unſer treueſter Begleiter.
Auch Asnieres kündigte bereits ſeine neuen Ueber⸗ raſchungen, den ganz neu hergeſtellten Park, ſein Cremorn, am letzten Sonntage an. Aber der Himmel war wieder nicht mit uns. Es blieſen alle Winde aus allen Richtungen, in den Champs⸗Elyſées wirbelten ſie alle Jupons und alle Roben durch einander, im Bois verdarben ſie das Wettrennen und in Asnieères ſtörten ſie das ganze Sonntagsvergnügen der Park⸗Eröffnung.
So iſt denn Paris noch immer gezwungen, zwiſchen den heißen vier Mauern zu tanzen. Mabille hat zwar Alles neu poliren und vergolden laſſen, aber man wird es kaum wagen, vor Eintritt beſſern Wetters den Zaubergarten zu eröffnen, und mit ihm trauern alle die übrigen.
Paris im Grünen, dieſes luſtige, lachende Paris, das in den Parks und auf den Wieſen von Verſailles, St.⸗Cloud, Asnières u. ſ. w. ſeinen göttlichen Unſinn treibt, das Paris wird erſt mit dem Mai eröffnet; ich muß alſo mit dem Leſer einſtweilen noch innerhalb der Barrieren bleiben.
Sobald der Pariſer nicht mehr tanzen kann, zieht er ſich ſein Bonnet über die Ohren und verzichtet auf die Freuden der Welt.
Jede Pariſer Zeitung hat ihre beſtimmte Rubrik:„Man tanzte geſtern Abend in den Salons der Madame K., der
Madame Y. und der Gräfin Z.“ Jedesmal mit dem chroni⸗ ſchen Zuſatz: rien de plus noble, plus spirituel u. ſ. w. Danach beginnt der Chroniqueur die Toiletten der ausge⸗ zeichnetſten Damen der Soirée zu beſchreiben und der Leſer der Zeitung kann darauf ſchwören, daß nach dieſer Schilderung jeder dieſer Salons ein Extract der Grazie, des Geiſtes und aller nur denkbaren geſellſchaftlichen Vorzüge geweſen.
Es iſt unglaublich, mit welcher Subtilität, mit welcher Anmuth der Pariſer Chroniqueur von ſolchen Soiréen zu ſprechen verſteht. Man ſieht die Comteſſe A., die Vicomteſſe Y. lebendig vor ſich in ihrer Toilette; man athmet den Duft ihres Parfums, empfindet die Gewalt ihres bezaubernden Lächelns.
Natürlich fehlt niemals der Zuſatz: man ſpielte auch Komödie, on a fait de la musique, man ſang oder declamirte. Die Damen der höchſten Kreiſe, welche in dieſen kleinen Komödien eine Dilettanten⸗Rolle übernommen, ſind nicht minder eiferſüchtig darauf, ihre Namen in der Chronik der Pariſer Journale genannt zu ſehen, als die Künſtlerinnen der Theater es ſein können, und Alles iſt natürlich„graziös, voll unüber⸗ trefflicher Anmuth“ geweſen.
Ja noch mehr, die Reclame der Geſellſchaft geht bereits ſo weit, daß die Damen des beſten Tones, der höchſten ariſtokratiſchen Kreiſe, welche einer Soirée beigewohnt, am nächſten Tage ihre Namen unter den in der Chronik aufge⸗ zählten Gäſten zu leſen verlangen.
Ein Pariſer Journal, das Glück machen, das geleſen ſein will, würde die größte Taktloſigkeit begehen, wenn ſeine Chronik nicht gewiſſenhaft die Toilette aller der hervorragendſten Erſcheinungen der Soirée in den Hotels der Geſandtſchaften, der Ariſtokratie oder der gefeiertſten Schriftſteller und Künſtler brächte.
Hier in Paris iſt die Reclame Alles. Wer eine Soirée gibt, verlangt, daß morgen alle Zeitungen davon ſprechen; wer eine Soiree beſucht und irgendwie Anſpruch auf eine geſellſchaftliche Stellung hat, der macht Reclame für ſich, in⸗ dem er eine der glänzendſten Erſcheinungen dieſer Soiréen geweſen ſein will.
Graſſirt irgendwo die Manie, Liebhaber⸗Komödie zu ſpielen, die Künſtler zu Vorträgen zu zwingen, ſo iſt ſie in Paris vorhanden. Und nirgendwo iſt es bequemer, ſeine Soirten durch künſtleriſche Namen zu illuſtriren wie gerade in Paris.
Die Literatur und die Kunſt, die der Reclame am meiſten bedürfen, laden natürlich auch Alles, was Geiſt und Eleganz beſitzt, zu ihren Soiréen, und die Journale des nächſten Tages ſind dann unerſchöpflich in der Schilderung all des Spirituellen, was dieſe Soirée ausgezeichnet.
Es iſt erſtaunlich, wie wohlfeil es Jedem hier iſt, ſpirituell zu erſcheinen. Esprit und gräce bezeichnen hier Alles, was blaguiren und Toilette machen kann. Alles iſt nur Poſe, und die Pariſer Feuilletoniſten müſſen mit par⸗ fümirter Dinte, auf parfümirtem Papier ſchreiben, um nur dem Leſer den ariſtokratiſchen Duft wiederzugeben, den ſie am Abend vorher in der Soirée geathmet.
Indeß, man muß Pariſer ſein, um zu begreifen, wie man ſtets in dieſer künſtlichen Atmoſphäre umhertaumeln kann. Dieſe Feuilletons ſind ja auch nur Bonbonièren, und die Wochen⸗Chronik duftet mich immer an, wie wenn ich in den Laden eines Friſeurs trete. Ich ſehe die wunderbar gebaute
Coiffüre, welche die Gräfin. auf dem Balle getragen, im
Schaufenſter deſſelben auf dem Haupte der Puppen; ich rieche alle die Parfüms, welche den Salon durchduftet, ich ſehe die Schminke, den Poudre de riz, welche den Nacken der Vicomteſſe Y. bedeckt, und die Schönpfläſterchen, mit welchen Madame Z. ihr Lächeln ſo unwiderſtehlich macht. 45 Treten wir einmal in eine andere Atmoſphäre, die frei⸗ lich nicht weniger ungeſund als die vorige, und in der wir eine ganze Anzahl der Gräfinnen und Baroninnen finden, die
einſt ihre falſche Rolle im Bois und in ihren eigenen Salons geſpielt.
Ich meine die Salons des Caſino in der Rue⸗Cadet, die
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