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in Scene zu ſetzen, und wahrhaft bewundernswerth iſt die Ausdauer, mit welcher Alles, vom Director bis zum letzten Maſchiniſten und Illuminateur, ſich müht, die nöthige Wirkung der kleinſten Details zu erzielen.
Die Ausſtattungsſtücke der Pariſer Boulevard⸗Theater ſind in der That eine Feenwelt, und nichts wird geſcheut, um ſelbſt das Unglaubliche, was im vorigen Jahre ſchon geleiſtet wurde, noch zu überteffen. Nichts erſcheint ſo unmöglich, was nicht der Pariſer Maſchiniſt, der Schneider und der Theater⸗ Maler zu leiſten vermöchten, und unerreichbar iſt der Geſchmack, den ſelbſt die unbedeutendſten Gegenſtände in dieſen Vorſtellungen verrathen.
Die Präciſion der Verwandlungen iſt eine tadelloſe; nirgendwo hinkt eine Maſchine, nirgendwo läßt uns die Ver⸗ ſpätung irgend eines Acteurs eine Lücke empfinden. Schlag auf Schlag wird das Auge des Zuſchauers überraſcht, immer aufs Neue geblendet; von Act zu Act culminirt ſich die Pracht, die Wirkung, und wenn die Bühne oft einer halb⸗ ſtündigen Pauſe bedarf, um mit den techniſchen Vorbereitungen zum nächſten Acte fertig zu werden, ſo iſt dieſe Ruhe dem Zuſchauer nicht minder willkommen; ja ſelbſt das Auge ver⸗ langt einen kurzen Urlaub, um für die nächſten Acte empfind⸗ lich zu bleiben und während voller fünf Stunden all' die Zauberei der Maſchiniſten und der nackten Arme und Beine über ſich ergehen zu laſſen.
Mitternacht iſt gewöhnlich vorüber, wenn uns ein ſolches Ausſtattungsſtück entläßt, und zwar nicht ohne zum Ende noch einmal alle ſeine Zauberkraft zuſammenzufaſſen und uns ein Schlußtableau zu zeigen, das ſelbſt die kühnſte Phantaſie in ihren heißeſten Träumen nicht zu erreichen vermag.
Jedes dieſer Boulevard⸗Theater hat natürlich ſein eigenes Feld, auf dem es ackert. Das Theätre⸗Frangais iſt die hohe Schule des franzöſiſchen Drama; hier wird der Eſprit Frank⸗ reichs deſtillirt. Es iſt die Bühne Molières, Corneille's, Racine's; hier wirkten Talma, die Mars, die Rachel u. A., hier wirken jetzt Breſſant, Samſon, Provoſt, die beiden Damen Brohan, die Favart u. A. Hier werden die Dramen Pon⸗ ſard's, Dumas, Muſſet's und der übrigen Schöngeiſter erſten Ranges aufgeführt.
Außer dieſem Theater ſind noch das Odeon und das Chätelet kaiſerlich, erſteres erſten Ranges wie das Théätre Frangais, das letzere ein Volkstheater, das ſich natürlich als ſolches mit Feerien beſchäftigt.
Die große Oper wird, ſobald das neue Gebäude, das jetzt ſchon in ſeiner ganzen Majeſtät daſteht, fertig iſt, in das letztere verlegt werden. Gegenwärtig iſt Verdi der Beherrſcher dieſer Oper. Mit ſeinem Don Carlos, deſſen Tert Schiller's unſterbliches Drama auf eine ſcheußliche Weiſe verhunzte, hat Verdi auch die Franzoſen in die Zukunftsmuſik hinüber zu führen geſucht, die ſie mit einer ſolchen Entrüſtung vor der muſikaliſchen Langenweile zurückwieſen, als unter dem Schutze der Fürſtin Metternich Wagners Tannhäuſer aufge⸗ führt wurde.
Man pfiff und ziſchte bekanntlich dieſen Tannhäuſer aus und ſtrafte dadurch die Anmaßung des Componiſten, nebenbei geſagt, mit einigem Recht, ſoweit es zuläſſig war, die Perſon des Componiſten in ſeinem Werk zu ſtrafen. Das hindert indeſſen nicht, daß man Wagner's Muſik hier in allen Concerten aufführt, ſeinen Tannhäuſer⸗Marſch ſogar in den Ausſtattungsſtücken regelmäßig ſpielt, wenn es gilt, einen königlichen Zug auf der Bühne zu begleiten.
Verdi's Don Carlos muß nach dem Geſchmack der Pariſer ganz gewiß ebenſo langweilig ſein wie dieſer verſchmähte Tannhäuſer; indeß ſchüttelte der Pariſer nur bedenklich den Kopf über dieſe Verirrung ſeines Lieblings⸗Componiſten, und noch heute iſt kaum ein Billet zu dieſen Vorſtellungen zu haben.
Während der Winterzeit, namentlich des Carnevals, ver⸗ anſtaltet die große Oper ihre berühmten Bälle. Einſt waren ſie wirklich großartig durch ihren Maskenſcherz; noch vor zehn Jahren erſchien Alles, was von gutem Ton, unter irgend
ſagten ſich den Ball der großen Oper nicht, und die Loretten ſahen in ihm einen Feſtabend.
Später ward Alles blaſirt. Die weibliche Miſtokratie mied die Bälle, die Loretten erſchienen nur noch in Domino's und Chauve⸗Souris, hielten ſich vornehm in den Logen und blickten mitleidig auf die Ausgelaſſenheit der Quadrillen hinab. Der Carneval ſchlief allmählich ein. Die Regierung ſuchte ihn zwar am Leben zu erhalten, indem ſie für ihr Geld Masken auf die Boulevards und in die Opernbälle ſchickte, aber wie geſagt, auch Paris ward blaſirt und der Carneval iſt jetzt nur noch ein Feſt der Blanchiſſeuſen, der Cleres und der Ouvriers. Die Zeit iſt hin, wo man in Paris luſtig war; heute iſt man hier nur noch leichtſinnig und liederlich. Das vie de Bohéme iſt ſchlafen gegangen und nur der Bils crevé wirft der Danat ſeine Goldſtücke in den Schoos, weil es Mode iſt, ſich auf galante Weiſe zu ruiniren.
Ich erwähne unter den mehr als dreißig Pariſer Theatern, wie ſie vor Beginn der Expoſition beſtanden(denn die Namen der inzwiſchen noch eröffneten ſind mir kaum bekannt, wenigſtens nicht zur Hand) nur die hauptſächlichſten. Da ſind: die Opera⸗Comique und das Theätre Italien, kaiſerlich, am letzteren Adeline Patti als erſter Stern; ferner das Theatre⸗Lyrique, das ſich in letzter Zeit namentlich mit deutſchen Opern be⸗ ſchäftigte, den Freiſchütz zum dritten Male wieder einſtudirte und gegenwärtig Flotow's Martha allabendlich aufführen läßt.
Das Chätelet, dem Lyrique an der Place du Chätelet gegenüber, iſt eins der ſchönſten neueren Theater und vereint die beſten Kräfte. Gegenwärtig wird es ebenfalls von einem deutſchen Stoff,„Aſchenbrödel“, ernährt, der unter dem Titel „Cendrillon“ die Maſſen anzieht. Die Pracht der Aus⸗ ſtattung dieſes Märchens iſt eine unglaubliche.
Das Theaͤtre de la Gaité, ebenfalls an den unteren Boulevards gelegen, cultivirt wie das vorige die Feerien, Melodramen und Singſpiele. Seit Monaten machen hier „Les Pirates de la Sayane“ Furore, ein mexicaniſches Volks⸗ ſtück, in welchem die Amerikanerin Miß Menken auftritt.
Das Gymnaſe am Boulevard Bonne⸗Nouvelle gibt Dramen und Luſtſpiele; augenblicklich iſt es A. Dumas fils mit ſeinen„Idées de Madame Aubray“, der dieſe Bühne beherrſcht.
Die Porte St. Martin iſt berüchtigt durch ihre Volks⸗ und Schauderſtücke, von denen ſie zur Ausſtellungszeit die wirk⸗ ſamſten neu einſtudirt, um den Fremden zu zeigen, wie man dem Publikum den Angſtſchweiß auf die Stirn treibt.
Das Theätre du Palais⸗Royal gibt Luſtſpiele und Operetten. Offenbach's„Vie parisienne“, eine der größten muſikaliſchen Albernheiten, füllt ſeit Monaten jeden Abend das Haus.
Das Vaudeville liegt an der Place de la Bourſe und bringt Alles, was ihm vorkommt; das Varietes am Boulevard Montmartre, Luſt- und Singſpiele; die Bouffes⸗Pariſiens wurden von Offenbach für ſeine bekannten Burlesken gegründet und liegen in der Paſſage Choiſeul.
Es folgen noch: Ambigue⸗Comique, Folies⸗Dramatiques, Theaätre⸗Beaumarchais, Fantaiſies⸗ Pariſiennes(Operette), Theätre⸗Dejazet, Marigny, Nouveautés und St. Germain.
Damit ſind ſo ziemlich die nennenswerthen Theater erwähnt. Indeß kommt hierzu noch ein ganz neues, das Theätre⸗International, von dem ich bis jetzt nichts weiter zu ſagen weiß, als daß es Mitglieder aus allen Nationen engagirt hat, um ſeinen Namen zu rechtfertigen, ſoeben eine Oper einſtudirt, wenn ich nicht irre, den Nebucodonoſor, und uns mit einem internationalen Ballet von funfzig Tänzerinnen
überraſchen wird.
Wie man hört, ſollen ſogar Negertänze in dieſem Theater aufgeführt werden, um auch den ſchwarzen Völkerſchaften gerecht zu ſein, und ſo kann man ſich denn auf das Tollſte gefaßt machen.
Der Cirque⸗Napoleon ſteht in ſeinen Leiſtungen dem Renz ſchen Circus bei weitem nach, doch hängt dies von den Umſtänden ab.
einer Charaktermaske; ſelbſt die Damen der Ariſtokratie ver⸗
Ich habe jetzt zweier ganz merkwürdiger Bühnen zu er⸗


