des Hauſes war ich ja vollkommen im Klaren. Die ſoge⸗ nannte Rettungs⸗ oder Kinderanſtalt, welche im Rauhen Hauſe am meiſten in die Augen fiel, trat hier vor der Brüderan⸗ ſtalt ganz zKrück. Das neue Rauhe Haus bei Berlin trug das Gepräge der„innern Miſſion“ in ſeinen 21 Brüdern und ihren Lehren klar zur Schau. Ich mußte mich nur noch über ſeine disciplinariſchen Einrichtungen unterrichten. Als wir wieder im Freien waren, und mein Freund ſich von Neuem nach Torfſtich, Bodencultur und Kaninchenverwüſtungen erkundig wollte, fragte ich den Inſpector, ob auch die Ein⸗ richtungen der Convicte und die Convictverſammlungen in dem Hauſe ſtattfinde, deren einheitliche Spitze ſeine Perſon wäre.„Gewiß“, erwiderte er,„die Geſammtheit der Brüder jeder Familie bildet einen Convict.“
Die Convicte bilden bekanntlich die Einrichtung, worauf die feſtgegliederte Verbindung der Brüderſchaft des Rauhen Hauſes am meiſten beruht. Die Organiſation der Brüder⸗ ſchaft, deren Mitglieder bei ihren Eintritt geloben, ſich aus⸗ ſchließlich der Arbeit der„innern Miſſion“ zu widmen, be⸗ ſteht in Folgendem: An der Spitze ſteht ein Curatorium, welches die Verwaltung und Oberaufſicht über den ganzen Bund führt, und deſſen oberſte Spitze der Oberconvictmeiſter Wichern ſelbſt iſt. Unter dem Curatorium ſteht der Ober⸗ convict, unter dem Oberconvicte die Conviete, welche ſich regel⸗ mäßig zu beſtimmten Zeiten verſammeln, die Bundes⸗ und Miſſionsangelegenheiten verhandeln und ſo die Pflanzſchule des Bundes bilden. Sie rekrutiren ſich aus vom rechten Glauben beſeelten jungen Männern aus dem Lehrer- und Handwerkerſtande, welche vom Inſpector und von dem Ober⸗ helfer einige Jahre geſchult werden, um dann„als unſtudirte Apoſtel des Chriſtenthums“, wie ſie ſich ſelbſt gern nennen, in die Welt zu ziehen und für die Zwecke der innern Miſſion zu wirken. Während dieſer Zeit ſind die Kinder das Material, das Object, an dem ſie ihre Studien machen. Jeder Bruder hat die Verpflichtung, über ſeine andern Convictbrüder zu wachen, und dem Vorſteher vertrauliche Anzeige zu machen, falls ein Bruder Aergerniß geben ſollte. Die Strafen be⸗ ſtehen in Verweis und Ausſtoßung. Die Belohnungen in einem„auskömmlichen Amte“ und in„Anſpruch an die Unter⸗ ſtützungskaſſe“, Jeder iſt ſeinem unmittelbar Vorgeſetzten zum
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unbedingter Gehorſam verpflichtet, Niemand darf ſich ohne
Erlaubniß des Oberconvictmeiſters verloben oder verheirathen oder ein fremdes Amt betreiben. Strenge Disciplin, unbe⸗ dingter Gehorſam, gegenſeitige, immerwährende Beaufſichtigung, ſtrenges Geheimniß in„Familienangelegenheiten“ ſind ja die Grundſäulen der Brüderſchaft.
Als wir wieder die ſandigen Ufer des Plötzenſees um⸗ ſchritten hatten und wieder quer über das Feld gingen, um nach Moabit zurückzukehren und dort einen Wagen für unſere Rückfahrt nach Berlin zu ſuchen, waren der Dichter und ſeine Gattin eigentlich nicht ſo recht darüber im Klaren, weshalb ich mich in ſo erbitterter Weiſe über das ſo eben geſehene Rauhe Haus ausſprach! Es war das erſte Rauhe Haus, welches ſie beſucht hatten, und die Kinderrettungsanſtalt hatte ſie geblendet.„Jetzt ſagen Sie mir“, fragte meine Freundin, „was iſt eigentlich das Ziel dieſes neuen Ordens, der, wie Sie ſagen, als eine große Familie um das Rauhe Haus ſteht?“
„Die Deviſe des Ordens heißt“, erwiderte ich,„unſere ganze jetzige, freiheitliche, politiſche, religiöſe und wiſſenſchaft⸗ liche Richtung iſt eine ſittlich verwahrloſte. Die Wiſſenſchaft muß umkehren, der poſitive Glaube muß wieder in die Herzen der Menſchen einziehen, die ganze freie Entwickelung des jetzigen Staatslebens muß ſich wieder in dörfliches Spieß⸗ bürgerthum verwandeln. Immerwährender Krieg gegen dieſe ſittlich verwahrloſte Richtung unſeres Jahrhunderts. Dieſe rettende That vollbringt die Brüderſchaft des Rauhen Hauſes und der neue proteſtantiſche Orden.“
Da lachte die hübſche Frau meines Freundes laut und lange, und ihre frommen Taubenaugen blickten heiter und fröhlich in die Abendnebel, welche begannen zwiſchen Haide und Wald das Rauhe Haus in ihre durchſichtigen Schleier zu hüllen.„Was“, rief ſie,„ein neuer Loyola, ein neuer Jeſuitenorden? Loyola⸗Wichern? Und das in unſerem Jahrhundert, in dem Jahrhundert der großen revolutionären Strömungen, welche ſeit ſechzig Jahren bereits das ganze alte Europa unterwühlt oder zuſammengeriſſen haben? Wiſſen Sie, wie mir das Rauhe Haus und ſein Orden nun er⸗ ſcheint? Wie eine lächerliche Farce oder wie eine poſſenhafte Komödie!“
Weltausſtellungs Bilder.
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Die Theater.— Die Feerien.— Die Cafes-Concerts.— Thereſa und Suſanna.—„Man tanzt im Salon.“— Die Chroniken der Soircen.— Wie die Marquiſe coſtümirt war und wie ſie geduftet hat.— Der Cancan.— Das Caſino, die Salle-Valentino, die Cloſeries und die Barrieren⸗Bälle. S
Seit der Kaiſer die Theater im Jahre 1864 von jeder Conceſſion befreit und die Bühne alſo rückſichtslos der geſchäft⸗ lichen Ausbeutung übergeben hat, namentlich aber ſeit Beginn der Weltausſtellung ſind ihrer Legion in Paris.
Die Speculation hat ſich der Theater jetzt in einer kaum glaublichen Weiſe bemächtigt. Wo irgend ein großer Tanzſaal, eine Muſikhalle aufzufinden war, miethete man den Raum zu⸗ nächſt für die Zeit der Expoſition, um ein Theater darin aufzu⸗ ſchlagen oder wenigſtens ein Cafe⸗Concert darin zu etabliren.
Es begann ein Steeple-chase um die beſten Local⸗ ſängerinnen, um die ſchönſten Figurantinnen, um die flotteſten Tänzerinnen, eine Jagd auf Alles, was eine ſchöne Büſte, ſchöne Arme und Beine und nur irgend ſo viel Talent oder Kühnheit beſaß, als nothwendig war, um vor die Rampe zu treten.
Die Directionen und die Regiſſeure rekrutirten, was irgend zu haben war. Es wurden Orcheſter zuſammengeſtellt, Partituren alter vergeſſener Operetten und Singſpiele ange⸗ kauft, Repetitionen gehalten— Alles mit fieberhafter Eile, um nur ja bis zum 1. Mai den Hunderttauſenden von Fremden, die man erwartete, ſein Repertvire verkünden zu können.
Inzwiſchen behielten die einmal beim Publikum beliebten Theater ihre Anziehungskraft, ſo weit ſie dieſelbe durch ihre Vorſtellungen zu behaupten im Stande waren, und dieſe über⸗ boten einander natürlich durch ihre Leiſtungen. 33
Und welche Magnete wendet man in Paris an, um das Publikum in Maſſen herbei zu locken! Auf jeden unſexer fünf Sinne wird von den Directionen ſpeculirt, am meiſten aber auf den ſechſten, auf den Unſinn. Die Zauberkünſte der Maſchinen, der Seidenwirker, der Modiſten und die Allmacht Gottes ſelbſt, ſoweit ſie ſich in ſeinem ſchönſten Meiſterſtück, dem Körper eines ſchönen Weibes, offenbart, werden zu Hülfe genommen, wenn es gilt, ein neues Stück auszuſtatten.
Verſenkungen, Verwandlungen, Decorationen, Verſetzſtücke, bengaliſches und elektriſches Licht, Spiegelwirkung, Fontainen, Ver⸗ und Entkleidungen, Ueberraſchungen, Atlas, Gaze, Tricots, Gold⸗ uud Silberflitter, Diamanten und Perlen, Sonnen⸗ und Mondenſchein, Gletſcher, Waſſerfälle, Schneetreiben, Wolken⸗ brüche und Alpenglühen, feuerſpeiende Berge und Meeresgründe, Himmel und Hölle, Ober und Unterwelt, Tugend und Laſter, Sünde und Unſchuld, Alles muß zuſammenwirken, wenn es gilt, mit Hunderttauſenden von Franken ein Ausſtattungsſtück


