„Melden Sie uns Herrn Weikert! Baron Hochberg und Graf Falkenſtein!“
„Der Meiſter ſteht dort!“ erklärte der Kunſtjünger leiſe und deutete hinter die Staffelei. Weikert trat hervor.
„Es iſt doch erlaubt?“ fragte der Graf wiederum ſo laut, daß mehrere Köpfe der Beſucher des Ateliers ſich mit“ einem Ausdruck von Unmuth gegen ihn kehrten, aber ſchnell
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die Augen zurück auf die werthvolle Leinwand richteten.
Der Mann im ſchlichten ſchwarzen Oberrock mit dem langen blonden Haar, der als Meiſter bezeichnet worden, forderte, ohne ſich zu verbeugen oder erfreut zu lächeln, nur durch eine kurze Handbewegung die neuen Ankömmlinge auf, näher zu treten, und geſellte ſich ſofort wieder zu ein paar Silberhäuptern, die hinter ſeinem Bilde ſtehen geblieben waren.
GFortſetzung folgt.)
—S Ein Beſuch im nenen Rauhen Hauſe bei berlin.
Von Guſtav Raſch. Schluß.)
Als wir aus dem Hauptgebäude durch den Garten gingen, um ein Knabenfamilienhaus, welches hart an der Grenze des Grundſtückes ſtand, zu beſuchen, lies ich mir bon dem Inſpec⸗ tor von der Organiſation des Hauſes erzählen. Sie war ganz dieſelbe wie im Rauhen Hauſe bei Hamburg. Die Knaben wohnten, in Gruppen oder Familien vertheilt, in drei von den zierlichen Häuſern, deren ich bereits erwähnt habe; ein viertes Haus war für die weiblichen Zöglinge der„Rettungs⸗ anſtalt“ beſtimmt; jede Familie ſtand unter Aufſicht eines oder zweier„Hausbrüder“, welche in demſelben Hauſe wohnten; bei den Mädchen erſetzte die Stelle des Hausbruders eine „Schweſter“. Die Zöglinge beſtanden aus verwahrloſten Kin⸗ vern oder aus Knaben, welche bereits irgend ein Vergehen verbüßt und aus dem Correctionshaus hierher gebracht waren. Ich wunderte mich über die große Zahl der im Hauſe an⸗ weſenden Brüder, da die Zahl der Kinder ja nur 47 betrüge. Da belehrte mich der Inſpector, daß außer einem Oberhelfer, der allein den Titel„Herr“ führe, einem Candidaten der Theologie und mehrern Brüdern, welche nur zum Unterricht da wären, allerdings 21 Sendbrüder im Hauſe ſeien, dieſe aber außerordentlich viel zu thun hätten. Sie gingen nach der Stadt, um ſich mit der Krankenpflege, mit der Armen⸗ pflege und mit den Gefangenen zu beſchäftigen. Die Armen⸗ pflege nähme beſonders täglich einen größeren Umfang an; durchſchnittlich würden alle Tage wol zehn Bittgeſuche von vor⸗ nehmen Perſonen an die Brüderſchaft geſandt, um eine Prüfung derſelben zu veranlaſſen. Ich war nun über den Zweck des neuen Rauhen Hauſes auf einmal im Klaren. Die große Anzahl der Sendbrüder und Lehrer, welche in gar keinem Verhältniß zu den Kindern ſtand, an denen„das Rettungs⸗ werk der chriſtlichen Liebe“ vollbracht werden ſollte, diente einzig und allein dazu, die„innere Miſſion“ theils in Berlin zu centraliſiren, theils ſie auszubreiten, ſowie aus dem Hauſe eine neue Brüt⸗ und Erziehungsanſtalt von Sendbrüdern der „innern Miſſion“ zu machen, wie im Rauhen Hauſe bei Horn. Das Rauhe Haus bei Hambnrg iſt die eigentliche Pflanzſtätte des Ordens der„innern Miſſion“. Das Rauhe Haus bei Berlin ſoll eine gleiche Pflanz und Brütſtätte zu gleichen Zwecken und mit gleichen Mitteln werden. Ich zweifle nicht, daß auch bald ein Verlagsgeſchäft und eine Druckerei zur Fabrikation der„kernigen Koſt der Schillingsbriefe“ und der „Tractätchenliteratur“ in derſelben angelegt wird. Bis jetzt wurde alles lebendige und papierne Material für die Zwecke des Ordens der innern Miſſion noch aus der Generalbrüt⸗ anſtalt des Rauhen Hauſes bezogen.
Wir ſtanden nun vor einem Knabenfamilienhauſe. Die Kinder waren augenblicklich mit Garten⸗ und Feldarbeit be⸗ ſchäftigt; das gemeinſchaftliche Wohnzimmer der Kinder, welches zu ebener Erde lag, war alſo leer. Es war groß und luftig; Bänke und Tiſche nahmen die Mitte des Raumes ein: an der Wand hing ein Stunden⸗ und Unterrichtsplan, gegen⸗ über war ein Bücherbrett mit dem gedruckten Rettungsmaterial angebracht; das Schlafzimmer der acht oder zehn Kinder, welche unter der Aufſicht eines Bruders das Familienhaus bewohnten, ſtieß an das gemeinſame Wohnhimmer. Die Betten
hatten eiſerne Geſtelle; überall herrſchte große Ordnung und Sauberkeit. Während mein Freund, der ein tüchtiger Land⸗ wirth iſt, ſich mit dem Inſpector über die Bodencultur des Grundſtückes unterhielt, uud ſeine Gattin ſich nach der Exiſtenz der Kaninchen erkundigte, deren Spur ſie draußen im Garten entdeckt haben wollte, beſah. ich mir den Stundenplan und durchblätterte das gedruckte Rettungsmaterial auf den Pulten. Alles wie im Rauhen Hauſe bei Hamburg! Lauter Verlags⸗ ſchriften des Rauhen Hauſes meiſt religiöſen Inhalts; das „Hamburgiſche Geſangbuch“, die Bibel,„Unſere Lieder“, „Luther's Katechismus“,„Geiſtliches Geſangbüchlein“; nur zwei Fachbücher, ein Rechnenbuch und ein Geographiebuch. Das war blutwenig für die geiſtige Bildung verwahrloſter Kinder, welche ſich eine eigene Exiſtenz in der menſchlichen Geſellſchaft gründen ſollen, aber genug, um aus ihnen die„innere Miſſion“ zu rekrutiren. Nach dem Stundenplan begannen die Unter⸗ richtsſtunden mit ſechs Uhr Morgens und endigten Abends um acht. Unterricht in der Religion und Singen religiöſer Lieder füllten, wie im Rauhen Hauſe bei Hamburg, auch hier die meiſten Stunden des Tages aus, ſowie im übrigen Tages⸗ leben durch die Abend⸗ und Morgenandachten und durch reli⸗ giöſen Plauderſtunden das religiöſe Element eine Hauptrolle ſpielte. Der obere Stock des Familienhauſes war von den Brüdern allein eingenommen. Sie bewohnten ebenfalls ein gemeinſchaftliches Wohnzimmer und Schlafzimmer, wie die Kinder im Erdgeſchoß, ſo daß immer eine gegenſeitige Beauf— ſichtigung ſtattfand. In den geräumigen beiden Zimmern wohnten fünf oder ſechs Brüder. Einer von ihnen, ein junger Mann, anſcheinend in den zwanziger Jahren, ſaß an dem großen Tiſche und beſchäftigte ſich, wie ich ſah, mit dem Vergleichen eines Kapitels aus den Evangelien in grie⸗ chiſcher Urſprache und der Lutherſchen Uebertragung. Hier oben war alſo eine von den Bildungs⸗ und Erziehungsan⸗ ſtalten der künftigen Sendbrüder der„innern Miſſion“. Da es vier Familienhäuſer gab, und die oberen Räume jedes Familienhauſes in ähnlicher Weiſe von den„Brüdern“ bewohnt wurden, ſo befanden ſich im Berliner Rauhen Hauſe alſo vier Pflanz⸗ und Bildungsſtätten des Bundes der innern Miſſion.
Wir verlangten die andern Familienhäuſer nicht zu ſehen, da ſie, wie der Inſpector ſagte, ganz in derſelben Weiſe ein⸗ gerichtet waren. Er führte uns auf meinen Wunſch nur noch in ein Mädchenfamilienhaus. Es befand ſich noch in ſeinen erſten Anfängen. Acht kleine Mädchen, im Alter von 6 bis 13 Jahren ſaßen um einen Tiſch herum; eine„Schweſter“ von einigen zwanzig Jahren ſaß in der Ecke, und ein Bruder las ihnen aus irgend einem religiöſen Buche vor. Wohn⸗ zimmer und Schlafzimmer waren recht reinlich gehalten; auch ſahen die Kinder friſch und munter aus.
Wir hatten nun die drei Abtheilungen des neuen Rauhen Hauſes geſehen, welche ſeinen Charakter repräſentiren, die Brüderanſtalt, die Kinderanſtalt und den Betſaal. Die Dekonomiegebäude und die Werkſtätten, wo die Knaben Pan⸗ toffeln machten und Hoſen und Jacken anfertigten, konnten mich nicht weiter intereſſiren. Ueber den Charakter und Zweck
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