„Ich ſpüre nicht die mindeſte Luſt, das Bild kennen zu lernen.“
„Es ſoll aber ein ganz vorzügliches Werk ſein, ſowol in der Compoſition wie im Colorit. Es macht entſchiedene Senſation. Comteſſe Margarethe—“
„Meine Schweſter“, unterbrach der Andere mit etwas unwilliger Miene,„iſt nicht competent.“
„Ich meine doch“, widerſprach der Erſte,„ſie beſitzt das feinſte Gefühl und Verſtändniß—“
„Ah bah“, fiel der Reitersmann von Neuem ſchroff ein,„wir ſollten unſern Stand mehr berückſichtigen, beſter Benno!“
„Inwiefern?“ fragte dieſer gelaſſen.
Der Offizier drehte die Spitzen ſeines Schnurrbarts und verſetzte:„Ich halte es für ungeziemend, wenn Leute unſerer Geburt—“
„Geſchmack an der Kunſt finden?“ warf der Getadelte mit gedämpfter Stimme dazwiſchen.„Dann dürften wir ja auch kein Theater beſuchen?“
„Sie laſſen mich nicht ausreden, Baron. Cromwell! Wer war der Mann? Ein engliſcher Brauer! So hoch ich die Gemälde ſchätze, die den unglücklichen König Karl I. darſtellen, ſo wenig kann ich mich für ſeinen Mörder Cromwell begeiſtern, mag ihn der Maler aufgefaßt haben, wie er will. Die grobe, plumpe Phyſiognomie war mir von jeher zuwider. Fühlen Sie denn nicht, Benno, daß wir die Verbreitung demokratiſcher Ideen unterſtützen, wenn wir Intereſſe für einen Menſchen wie Eromwell an den Tag legen?“
„Der Menſch Cromwell“, entgegnete der Baron ruhig, „iſt ja ſeit Jahrhunderten von der Geſchichte gerichtet, und im Leipziger Muſeum befindet ſich ein Gemälde von Somers, das den Lord⸗Protector auch künſtleriſch richtet; denn es zeigt ihn in körperlicher Verfallenheit, die Gewiſſensangſt, den Schauder über ſeine Thaten auf allen Zügen. Ich habe oft und lange mit immer ſteigender Theilnahme vor dem Bilde geſtanden, warum ſoll ich jetzt nicht auch das Gegenſtück auf⸗ ſuchen, das mir den verwegenenen Charakter auf dem Höhe⸗ punkt ſeiner Kraft und Macht vorführt? Weikert's Pinſel hat nach der Schilderung, die ich von der Conmteſſe erhalten, der Geſtalt ſeines Helden eine unvergleichliche Energie ver⸗ liehen“ 3
„Meinetwegen!“ Der Offizier klirrte mit ſeinem Pallaſch.
„Es wird“, fuhr Baron Benno lächelnd fort,„Ihrem Starrſinn dennoch nichts übrig bleiben, als mich in Weikerts Atelier zu begleiten. Ihre ſchöne Schweſter, Graf, hat uns gebeten, das Werk in Augenſchein zu nehmen.“
„Ich bin nicht der gehorſame Diener meiner Schweſter!“ wies Alexander das Anſinnen zurück.
„Aber Margarethens galanter Bruder!“ verbeſſerte“ der Baron mit Feinheit.
Der Graf murmelte, die Stirn in Falten ziehend, etwas vor ſich hin, was Jener nicht verſtand. Aufgefordert, ſeine Bemerkung zu wiederholen, that er's nicht, ſondern ſagte:
„Um nicht vier Wochen hindurch von der Sache zu hören, ſie aber ein für alle Mal los zu werden, will ich mit Ihnen fahren, Benno, ſobald die Bouteille geleert iſt!“ Er ſchnippte mit dem Fingernagel gegen eine Flaſche, die als Etikette „Rüdesheimer Berg“ trug.
„Fahren, Graf?“ gab der Baron zurück.„Warum fahren? Eine Promenade wird uns bei dem köſtlichen Wetter weit erquickender ſein.“
„Ich trinke und reite wohl zu meiner Erquickung“, klang. die Erwiderung,„bin aber im Leben noch nicht zu meiner Erquickung gegangen.“ Der ſtattliche Cavaleriſt hob ſein Glas an die Lippen, ließ den goldfarbenen Inhalt ver⸗ ſchwinden und ſchloß:„Uebrigens wird man ſich doch nicht zu Fuße nach einer Malerwerkſtatt begeben! Was lächeln Sie, Baron?“
Der Gefragte blickte raſch über den Tiſch hinweg, als fürchte er, der Zeitungsleſer, deſſen Kopf und Schultern voll⸗
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ſtändig durch das voluminöſe Organ der Preſſe verdeckt waren,
könne die Converſation belauſchen. Graf Alexander erneute die Frage:
„Was lächeln Sie?“
Leiſe verſetzte Benno:„Pardon, wir werden ſchwerlich ein Fuhrwerk auftreiben, das uns weiter bringt, als bis vor das Haus. Für Meiſter Weikert aber iſt es gewiß Neben⸗ ſache, wie wir zu ihm gekommen.“
„Kennen Sie den Mann von Anſehen?“ begehrte der Graf zu wiſſen.
„Nein! Seine Berühmtheit datirt ja erſt aus dem vorigen Jahr, als ich noch bei der Legation in Liſſabon war.“ 2
„Drängt ſich denn dort die Demokratie mit ihren maß⸗
loſen Anſprüchen auch ſo naſeweis hervor, wie bei uns?“ forſchte der Offizier, das Geſpräch dadurch plötzlich auf ein neues Feld ſpielend.
„Pſt, ich bitte!“ flüſterte der Baron.
„Alle Wetter, ich ſoll doch wohl meine Anſichten nicht verleugnen?“ grollte Jener.
„Wo es darauf ankommt, ſie geltend zu machen, ſie zu vertheidigen“, ſagte Benno halblaut,„werden Sie mich auch nicht ſtumm finden. Indeß hier an einem öffentlichen Ort hat es weder Bedeutung, noch Zweck, politiſche Grundſätze zu offenbaren.“
„Weil Ihr Alle feig werdet!“ rief der Graf, und das Blut ſtieg ihm ins Geſicht.
„Mein Himmel!“ ſuchte der Baron ihn zu beſchwichtigen, „unſere Fürſten ſelbſt ziehen es neuerdings vor, mit dem Volke zu gehen, ſtatt ſich ſeinen berechtigten Forderungen zu widerſetzen.“.
„Das Volk“, entgegnete der Zuhörer in entſchiedenem
Ton,„hat nichts zu fordern, höchſtens zu wünſchen.
„Ein ander Mal davon, lieber Alexander!“ wich Benno aus.„Wir müſſen uns aufmachen, wenn wir das Bild noch bei Tageslicht ſehen wollen.“.
In dieſem Augenblick erhob ſich der Zeitungsleſer, drehte ſich, durch das Blatt geſchützt, um, legte daſſelbe dann auf einen Stuhl, langte ſeinen Hut und Havelock von der Wand, warf den Mantel über die rechte Schulter und ſchritt während
dieſer Geſte raſch an den beiden Cavalieren und den Damen,
die er ſo arg ignorirt hatte, vorbei, der Ausgangsthür zu. em Barn war es unmöglich geweſen, die Züge des Weg⸗ S zu erkennen; dem Grafen ſchien es durchaus gleich⸗ gültig zu ſein, wer ſo lange in ſeiner Nähe geſeſſen; er hakte das gelockerte Schwert ins Gehänge, rückte den Stuhl und ſagte mit Beziehung auf die Mahnung ſeines Gefährten:
„Die Verſicherung geb' ich Ihnen, Benno, ich werde angeſichts des gemalten Brauers meine Meinung ſo wenig unterdrücken wie irgendwo anders!“
Der Baron ließ die Aeußerung hingehen, rief den Kellner, zahlte und brach mit dem ſporenklirrenden Feinde der Demokratie auf. Eine kleine Viertelſtunde ſpäter betrat das Paar das geräumige Atelier, in welchem das lebensgroße Porträt Cromwell's aufgeſtellt war. Man ſah den Protector umgeben von Ofſizieren der Revolutions⸗Armee, die zum Kriegsrath verſammelt ſind, worin die mächtige Stimme des kühnen Oliver den Ausſchlag gibt. Dieſer Moment war ſo klar und eindringlich hervorgehoben, daß kein Betrachter zweifel⸗ haft bleiben konnte, was der Künſtler hatte veranſchaulichen wollen: Das Uebergewicht einer gewaltigen Natur, die ſich ihre geſammte Umgebung in der Weiſe unterthan macht, daß ſie den Zaudernden zum Entſchluß zwingt, den Muthigen zur hellen Begeiſterung entflammt und ihren auf ein vorge⸗
ſtecktes Ziel losſteuernden Willen zum Geſetz für Alle
erhebt. Eine Gruppe von Herren und Damen ſtand vor dem Gemälde, als der Reiteroffizier und ſein Begleiter die Thür
öffneten, an der ein Schüler des Malers ſie empfing. Dem
Baron entſchlüpfte ein unwillkürliches Ah des Erſtaunens beim erſten Blick auf das imponirende Werk; der Graf da⸗ gegen wandte ſich mit dem überlauten Ton, der ihm eigen war, an den Thürhüter:


