Bluſtrirtes Volßsblatt— Herausgeber: Hans Wachenhuſeu. 3 33
X. Jahrgang. 1867.
Die Woaffe.*)
Erzählung von Otto Girndt.
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D. glänzenden Räume eines neu etablirten Kaffeehauſes glichen einem Ameiſenbau, ſo wogte es hinein und hin⸗ aus. Einheimiſche wie Fremde wollten das Local kennen lernen, das durch ſeine luxuriöſe Ausſtattung Alles überbot, was die Hauptſtadt bisher an Prachtſälen aufzuweiſen hatte.
Dazu kam die günſtige Lage des palaſtartigen Gebäudes.
Man überſah aus den Fenſtern zwei der belebteſten Plätze und drei volkreiche Straßen. Der unaufhörliche, mannich⸗ faltige Verkehr draußen bildete den Hauptſtoff des Geſprächs für die meiſten Gäſte des Locals.„Dies Wagenrollen! Die herrlichen Pferde! Welche Toiletten! Das müſſen hohe Perſonen ſein, ſie werden ſo häufig gegrüßt!“ In dieſer und ähnlicher Weiſe äußerte ſich das Erſtaunen der ins Freie guckenden Wein⸗, Bier⸗ und Kaffeetrinker gegen ihre männ⸗ lichen und weiblichen Familienmitglieder oder gegen die guten Bekannten, von denen ſie im Geſchäft des Gaffens unterſtützt wurden.
Den geiſtvollen Menſchen unterſcheidet nichts ſo deutlich vom geiſtloſen, wie das Schweigen, welches er zu bewahren verſteht. Er ſpricht nicht eher über die Dinge, die ſeine Aufmerkſamkeit feſſeln, als bis er etwas von ihnen zu ſagen weiß, was ſie charakteriſirt, wogegen die Leute der gewöhn⸗ lichen Sorte kein Auge für die wichtigen Eigenſchaften der Dinge haben, ſondern lediglich die Gegenſtände ſelbſt wahr⸗ nehmen und, den Kindern gleich, unermüdlich ihrer Umgebung mittheilen, daß ſie bemerken, was vor ihnen ſteht und geht. Sie ſehen eben nur, aber beobachten nicht.
Je weniger die Maſſe der Anweſenden das Letztere ver⸗ ſtand, deſto mehr ließ Einer ſichs angelegen ſein, ein unter⸗ ſetzt gebauter Mann von einigen dreißig Jahren, der in eine Fenſterniſche gelehnt ſaß und ein Zeitungsblatt auf dem Schoos hielt, das er jedoch nur zur Hand nahm, wenn die beiden ältlichen Herren, die ihm gegenüber an demſelben Tiſch Poſto gefaßt, Miene machten, ihn anzureden. Ließen ſie ihn
unbehelligt, dann ſchweifte ſein klarer Blick hinunter in das wechſelnde Straßengewühl, und bald legte ſich eine kleine
ernſte Falte zwiſchen ſeine ſtarken blonden Augenbrauen, bald glitt ein gutmüthiges, bisweilen ein ſarkaſtiſches Lächeln um
den bartloſen Mund. Mitunter überflog ſein Auge auch die Geſtalten der ſich entfernenden oder neu eintretenden Beſucher des Café's, aber ſelbſt unter den jugendlichen Töchtern Eva's erſchien Keine, durch die es länger als eine Secunde ge⸗ feſſelt wurde.
Das nahmen ihm zwei in auffallende Farben gekleidete Schönen äußerſt übel. Sie hatten nebſt drei Matronen acht bis zehn Schritte von ſeinem Seſſel Platz genommen und längere Zeit gewartet, der Mann mit der hohen Stirn und dem zurückgeworfenen Haar ſolle ihnen Beachtung ſchenken, wie es zahlreiche Lorgnons, Brillen und unbewaffnete Augen von andern Tiſchen her thaten. Sie warfen ſich gegenſeitig Blicke zu, worin zu leſen ſtand:„Jeder nimmt von uns Notiz und der Eine nicht?“ Die Naſen rümpften ſich, ein Ziſcheln begann, darauf berechnet, das Ohr des Mannes zu reizen; doch er hörte nicht oder wollte nicht hören.
„Wie kann ein Herr das Haar ſo lang tragen, Bertha!“
„Es wird wol ein Schulmeiſter ſein, Ida!“
„Oder ein Künſtler; die Maler zeichnen ſich ja in der Regel durch ſolche Flachsrocken aus!“
In dem Moment ſtanden die beiden ältlichen Herren vom Tiſch des Schulmeiſters oder Künſtlers auf, und ſogleich wurden ihre Stühle von einem Reiteroffizier und einem Civiliſten wieder beſetzt, die an Jahren dem ſchweigſamen Gaſt gleichſtehen mochten. Ihre Friſur forderte nicht, wie die ſeine, Ida's und Bertha's Kritik heraus, vielmehr wett⸗ eiferte ſie mit dem Gelock der Kellner des Locals. Ihre Köpfe im Ganzen waren freilich auch nicht ſo ausdrucksvoll, wie der des Flachsrocken-Trägers, dafür aber feiner ge⸗ ſchnitten; die ariſtokratiſche Abſtammung ließ ſich nicht ver⸗ kennen.
Bei ihrer Annäherung hob der ſtille Mann ſein Zeitungs⸗ blatt. Die Vorſicht war indeß überflüſſig; denn Jene ſetzten, unbekümmert um ihn, die Unterhaltung, in der ſie be⸗ griffen, fort.
„Wir könnten uns eigentlich“, ſagte der Civiliſt, ſeine Uhr ziehend,„heute noch den Cromwell anſehen, von dem Comteſſe Margarethe ſo entzückt iſt.“ Und da der Offizier nicht ſogleich antwortete, fügte er fragend hinzu:„Was meinen Sie, Alexander?“
*) Auch dieſe Erzählung unſeres geſchätzten Mitarbeiters beruht wie die im vorigen Jahrgang des Hausfreund abgedruckte Novelle
„Lang iſt's her“ auf wahren Thatſachen. Wachenhuſen's Hausfreund. K. 11.
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