Jahrgang 
1867
Seite
520
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Wenn in Paris noch irgend ein Stand geſund iſt, ſo iſt es der des Arbeiters. Man wird in ſeiner Mitte ſich ſtets wohl und angeheimelt finden, denn der franzöſiſche Arbeiter iſt großentheils Gentleman in ſeinem Benehmen gegen Andere, namentlich gegen Fremde.

Freilich iſt er ſehr kitzlich, wenn man die Achtung gegen ihn aus den Augen ſetzt, am meiſten aber in ſolchen Localen, wenn fremder Uebermuth ihm Veranlaſſung zur Eiferſucht gibt oder ſonſtige Provocationen vorkommen, die man bei einigem Takte leicht vermeidet.

Auch die Pariſer Arbeiterin gibt noch immer viel inter⸗ eſſanten Beobachtungsſtoff. Mag ſie in der Werkſtatt ſitzen,

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oder auf der Straße, im Ballſaal erſcheinen, ſelten wird es ihr an dem fehlen, was der Pariſer als ſeine bevorzugte Eigenthümlichkeit betrachtet au chic.

Iſt auch das Kleid noch ſo dürftig, es hat Facon und wird mit angeborener Anmuth getragen; iſt das Stiefelchen noch ſo grob, der Fuß wird ſelten ungraziös ſein.

Die Mehrzahl dieſer Mädchen iſt freilich aus der Provinz, indeß ſind ſie alle Franzöſinnen. Die geborene Pariſerin iſt leicht aus ihrer Umgebung heraus zu erkennen, aber ſie iſt es auch, die man am wenigſten im ſchlichten Merinokleide findet und nach dem, was ich oben geſagt, eigent⸗ lich niemals in demſelben ſuchen ſoll.

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Anna ron Granien (Kurfürſt Moritz' Tochter) und ihr Schicſal. Hiſtoriſche Erzählung von Franz Lubojatzky. (Schiuß)

Ein Verrath war geſchehen durch Sybille, aber kein ab⸗ ſichtlicher.

Der Entſchluß zur Flucht war ihr leicht geworden, aber als der dazu beſtimmte Tag anbrach, als Stunde um Stunde dem verhängnißvollen Abend näher führte, wurde ihr das Herz von unſäglicher Angſt ſchwer, die ganze Bedeutung des vorhabenden Schrittes fiel ihr wie eine erdrückende Laſt auf die Seele, ſie konnte ſich der Thränen nicht erwehren, eine qualvolle Unruhe peinigte ſie. Mit Mühe verbarg ſie dieſen Zuſtand der Prinzeß; aber er war von Anderen nicht unbe⸗ merkt geblieben, man beobachtete ſie, ohne daß ſie eine Ahnung davon hatte. Als die ſechste Abendſtunde herangekommen war, wurde ſie von der Prinzeß verabredeter Maßen für dieſen Abend entlaſſen, um ihre im Dienſte der Frau Kur⸗ fürſtin ſtehende und alſo im Schloſſe mitwohnende und er⸗ krankte Mutter zu beſuchen. Auch dahin hatte man Sybillens auffälliges Weſen berichtet, ſelbſt die Frau Kurfürſtin hatte davon gehört und befohlen, man ſolle das Mädchen ſcharf im Auge halten. Dies geſchah. Unter vielen Thränen hatte ſie Gutenacht zu der Mutter geſagt, weil ſie bald wieder zu ihrer Herrin müſſe, was, wie man wohl wußte, für dieſen Abend nicht der Fall war und daher beſonders auffällig wurde.

Flüchtig, mit einem Bündel in Eile zuſammengeraffter Kleidungsſtücke unter dem Arme, eilte ſie durch die vielfach ſich kreuzenden Schloßgänge, um nach Verabredung, t ſie nämlich es nicht wagen wollte, auf demſelben Wege, h. auf der Strickleiter, wie ihre Herrin, das Schloß zu ſich zu Don Garcia zu begeben und in deſſen Wagen, der ſpäter die Prinzeß aufzunehmen beſtimmt war, voraus in die egend des Schloſſes zu fahren und daſelbſt ihrer Herrin zu harren.

Der Fluchtplan war gut entworfen. Obwol die Paſſage über die Elbbrücke damals, ſobald der Abend einbrach, unter ſtrenger Bewachung ſtand, ſo öffneten ſich doch für Agathos' Wagen laut hohen Befehls die Schlagbäume zu jeder Zeit, da derſelbe in einigen fern von der Stadt am Wege nach Meißen zu auf ihren Schlöſſern und Herrenhäuſern wohnen⸗ den Adelsfamilien auf eigenen Wunſch des Kurfürſten Kranke beſuchte, was auch an dieſem Abend zur Entführung Anna's als guter Vorwand gedient haben würde, wenn der Plan überhaupt bis dahin gediehen wäre. An der kleinen Schloß⸗ pforte aber wurde Sybille von ihrem ihr unbemerkt nach⸗ eilenden Zukünftigen eingeholt und trotz ihres Sträubens feſt⸗ gehalten. Als ſie ihren Fluchtverſuch mislungen ſah, verlor ſie gänzlich die Beſonnenheit.

Gewaltſam wurde ſie zur Frau Kurfürſtin geführt, wo zufällig auch deren hoher Gemahl zugegen war. Dies brach

ihren Muth gänzlich, und in der Angſt leiſtete ſie ein umfäng⸗ liches Geſtändniß, welches für ihre Herrin und deren Retter jene bereits erzählten überraſchenden Folgen hatte.

Schwer verwundet von dem Pallaſch eines der Trabanten, war der ſeine perſönliche Freiheit muthig vertheidigende Don Garcia de Rubero mit ſeinen gefangen genommenen Diener in das Schloßgefängniß gebracht worden. Am nächſten Morgen liefen wirre Gerüchte von einem an der kurfürſtlichen Familie beabſichtigten, aber vereitelten Verbrechen durch die Stadt, bis ſich dieſelben dahin abklärten, daß es nur einem verbrecheriſ chen Entführungsverſuche der in Gewahrſam ge⸗ haltenen Prinzeß Anna von Oranien gegolten, den der für ſein frevelhaftes Beginnen nun im Kerker büßende griechiſche Arzt Agathos unternommen habe.

Nach Verlauf einiger Tage wurde Kurfürſt Auguſt eiligſt zu ſeiner Nichte, der ſterbenden Prinzeſſin Anna, gerufen.

Als er an deren Lager trat und in das vom Tode ſchon mit tiefer Bläſſe überhauchte Geſicht, deſſen hochgewölbte Stirne mit kalten Schweißperlen überdeckt ſich zeigte, und die

bereits jenen, alle Zweifel beſeitigenden Vorboten des nahen

Endes, den Anflug des Verlaſſens deutlicher Sehkraft, weiſenden Augen ſchaute, zuckte es wol wie Schauer in ſeinem Antlitze; vielleicht flüſterte eine innere Stimme ihm etwas von Schuld zu; aber er ermannte ſich ſchnell und fragte mit dem Tone des ruhigſten Gewiſſens:Was iſt dein Begehr?

Ich möchte als Fürſtin ſterben, der wenigſtens die letzte Stunde ihres Lebens das bietet, was Anderen ein ganzes langes Leben hindurch geboten hat antwortete die Sterbende mit müder Stimme.

Sage es.

Ein Lächeln ſchien in dem fahlen Gejch i als ob ihr die Jronie des Geſchickes, das an ihr all ſeinen 3

Haß ausgelaſſen, ſpaßhaft verkomme.

Ich habe noch keines meiner Wünſche Erfüllung erlebt, auch den ich jetzt noch habe, ich erlebe ſie nicht; aber von Euch hängt es ab, mir wenigſtens die Freude mit ins Grab zu geben, ihn erfüllt zu wiſſen. Nach einer Weile, denn das Röcheln auf ihrer Bruſt vergönnte ihrer nicht, ununter⸗ brochen fortzuſprechen, redete ſie mühſam weiter:Gnade für Don Garcia! Gnade für ihn! Alle Schuld iſt mein nur allein mein!

Der Kurfürſt verharrte im Schweigen.

Aufgerüttelt durch dieſe ſtarre Härte des Oheims auß dem Todeskampfe,

Kraft unterſtützt, auf ihrem Lagen in die Höhe.

richtete ſich Anna, wie von unſichtbarer Wie das