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häuſer, Aſyle, Jünglingsvereine, chriſtliche Herbergen— im
Geiſte der innern Miſſion; 1857 wirkten deren ſchon 210, die in einer weitverzweigten Thätigkeit faſt alle Lebensſphären und Lebensalter der Geſellſchaft berührten und die Erziehung von 6000 Kindern beſorgten. 1856 faßte die innere Miſſion feſten Fuß in dem preußiſchen Gefängnißleben. Faſt gleich⸗ zeitig entſtand in dem Kopfe des Oberconvictmeiſter der Ge— danke, unter dem harmloſen Namen Johannesſtift ein zweites Rauhes Haus in Berlin zu gründen. In ſeinem zehnten, an Profeſſor v. Holtzendorff veröffentlichten Rund⸗ ſchreiben an die Brüder ſagt der Oberconvictmeiſter:„Es wird ein zweites Rauhes Haus, aber in der Hauptſtadt Preußens.»
Das zweite Rauhe Haus in der Hauptſtadt Preußens, in Berlin, iſt fertig. Es befindet ſich, noch immer unter dem harmloſen Namen des evangeliſchen Johannes⸗ ſtiftes, eine halbe Stunde von dem Dorfe Moabit, am An⸗ fang der ſogenannten„Jungfernhaide“, ganz in der Nähe des kleinen Plötzenſees, und iſt ſeit dem 1. April vorigen Jahres von der Brüderſchaft des Rauhen Hauſes bezogen worden. Die Sammlungen, welche zu der Gründung deſſelben von den Hausbrüdern, Sendbrüdern und Freibrüdern des Rauhen Hauſes unter ſeinen Gönnern und Anhängern in Bewegung geſetzt wurden, betrugen im Anfange des Jahres 1860 bereits 31,000 Thlr. Das„Senfkorn“ iſt auch im Johannesſtift bereits zu einem Baume erwachſen, der fünf ſtattliche Häuſer und achtzig Morgen Landes beſchattet, und dieſe achtzig Morgen Landes hat der Fiscus der Brüderſchaft zu dem Spottpreiſe von 3000 Thlr. verkauft. Die Stadt Berlin kauft theurer und würde dafür wenigſtens 30,000 Thaler bezahlt haben. Zu dem Bau eines der zum Johannesſtift gehörenden Familienhäuſer wurden aus der Schatulle der Königs von Preußen 3000 Thaler angewieſen. Und wenn auch die 2000 Thaler, welche früher aus preußiſchen Staatsmittel an die Brüder des Rauhen Hauſes jährlich gezahlt wurden, vom Abgeordnetenhauſe geſtrichen worden ſiyp, ſo berichtet Wichern doch, daß der Staatsminiſter Gr einen zu ſeiner Dispoſition ſtehenden Fons ℳ 2500 Thlrn. dem kürzlich in Berlin neugegründeten Rauhen Hauſe über⸗ wieſen habe. Bei dieſer„andauernden Armuth“ kann es die Brüderſchaſt des Rauhen Hauſes alſo ſchon aushalten.
In Begleitung des Mitarbeiters des Hausfreund Anton Niendorf, des Dichters der„Hegler Mühle“ und ſeiner hübſchen Frau machte ich mich eines Tages in Berlin auf den Weg, um dieſem neuen Rauhen Hauſe in der„Stadt der In⸗ telligenz“ einen Beſuch abzuſtatten. In ſeiner Quere durch— ſchritten wir das Dorf Moabit; eine mit Neubauten eingerahmte Straße, die Stromſtraße benannt, führte uns zu einer Sand— und Haidefläche, dann an den ſumpfigen Plötzenſee, und als wir ſein ſandiges Geſtade umſchritten hatten, erblickten wir in einiger Entfernung zwiſchen Haidegrund und niederer Tannenwaldung mehrere ſtattliche Häuſergruppen im Schwei⸗ zerſtil, zu denen ein ſchmaler Fußpfad durch das Geſtrüpp den Weg zeigte. Das mußte das neue Rauhe Haus ſein! Die kleinen Familienhäuſer auf dem Grund und Boden des Rauhen Hauſes bei Hamburg waren ganz in derſelben Weiſe erbaut. Und richtig, ein Pfahl mit einer Tafel ſteht mitten im Wege, und auf der Tafel ſind die Worte zu leſen:„Evangeli— ſches Johannesſtift.“ Nun betraten wir einen weiten parkähn⸗ lichen Grund, durch deſſen Raſenflächen, Blumenbeete und junge Baumgruppen wohlgepflegte Kieswege zu einſtöckigen Häuſern im Schweizerſtil mit Außentreppen und kleinen Holzbalconen führten. Nur eins von den Häuſern war in einer anderen Manier erbaut. Es ſah aus, wie eine Feſtung. Das feſtungsartige
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ilienhaus, zu deſſen Bau der König von Preußen 3000 Thaler gegeben hatte, und führte den Namen „Düppelſchanze“. In der Mitte des Parkes ſtand ein größeres Haus mit Freitreppe und hohen Fenſtern. Zwei Knaben in grauem Anzuge, welche beſchäftigt waren, ein Fuder Dorf von einlm, kleinen Wagen abzuladen, ſagten uns, daß dort der„Herr Inſpector“ wohne, der den Fremden die Erlaub⸗ niß gäbe, dias Johannesſtift zu beſehen. Auf meine Frage, wie vieh Kinder im Hauſe ſeien, antwortete mir der eine von den Kraben„47“, und wie viel Brüder,„21“. Nun, 47 Kinder, welche„durch die Gnade Chriſti und durch die Er— ziehung ſgepettet werden ſollen“, und 21 Brüder,„welche ſich mit der ciellſten Seelenpflege dieſer 47 Kinder beſchäftigen“,
Haus war das F
rief ich unwillkürlich,„da muß das zukünftige Seelenheil der Gerettetän ja außer allen Zweifel ſein!“ Auf dem mit ſchwarzen und weißen Schieferplatten gepflaſterten Flure des ſchon er⸗ wähnten ſtattlichen Hauſes mit der Freitreppe und den hohen Fenſtern trafen wir den„Herrn Inſpector“, die einheitliche Spitze der Brüderſchaft im Johannesſtift. Candidat der Theo⸗ logie, aus gem Wupperthale gebürtig, war das theologiſche Gepräge ſeiner Seele auch in ſeinen glatten Geſichtszügen unverkennbar. Der„Gutsbeſitzer bei Wittenberg“ wo Nien⸗ dorf auf ſeinem„Hauſe Wolfswinkel“ wohnt, half uns über alle Schwierigkeiten der Erlaubniß, eine Wandcrung durch die Familienwohnungen des neuen Rauhen Hauſes antreten zu dürfen, hinweg. Vielleicht dachte der ehemalige Candidat der Theologie, als er den Namen Wittenberg hörte, auch an jenen proteſtantiſchen Kirchentag in der Lutherſtadt, wo Wichern zuerſt die Idee der„innern Miſſion“ proelamirte. Dazu ſchaute ihn Emilie Niendorf aus ihren blauen Taubenaugen ſo mild an, und die Nachmittagsſonne umwob ihr lichtblon⸗ des Haar und ihr roſiges, zartes Geſicht mit einem goldenen Schimmer, daß man unwillkürlich an jene zarten Bilder deutſcher Frauen Albrecht Dürer's auf goldenem Hintergrunde denken mußte, und ihre Stimme klang ſo ſanft, daß es nicht möglich war, unter dieſem Lammkleide die Wölfin zu ent— decken. Der Inſpector führte uns zuerſt in den Betſaal. Er war an der ſüdlichen Seite des Hauſes belegen, war hoch groß und licht; ſeine Decke war mit braunem Holz getäfelt, und ſeinen Hintergrund nahm eine blau gemalte, mit goldenen Sternen beſäete Niſche in kuppelartiger Form ein.
Auch im Rauhen Hauſe bei Hamburg führte mich der begleitende Oberhelfer zuerſt in den Betſaal. Der Betſaal iſt der Mittelpunkt aller Beſtrebungen der Brüderſchaft. Nicht allein, daß ſich das Leben der Colonie um denſelben in ſtrenger Regelmäßigkeit bewegt, im Betſaale werden auch die „Tagesſprüche“ und die„Jahresſprüche“ ausgetheilt, welche ſich wie eine elektriſche Kette durch alle Mitglieder der Brü⸗ derſchaft zu demſelben Denken und Handeln verbinden; hier werden die Briefe der Sendbrüder, welche in der Welt für die„innere Miſſion“ wirken, verleſen; im Betſaal ertönt das Kriegslied der neuen theologiſch-militäriſchen Organiſation, welche auszieht, um die ungläubige, freiheitliche Welt zu über⸗ winden und zu bekehren:„Lege mir die Rüſtung an, die Gott ſelbſt hat bereitet.“ Im Betſaal des Johannesſtiftes wird, wie uns der Inſpector erzählte, außer den Sonntags— andachten, täglich eine Morgen⸗ und Abendandacht abgehalten, an der alle Brüder mit den Zöglingen Theil nehmen. Auf den die ganze Länge des Saales einnehmenden hölzernen Bänken lagen Exemplare des im Verlage des Rauhen Hauſes bei Hamburg erſcheinenden Evangeliſchen Geſangbuches umher. Auch die„Arbeit“ für die Hausbrüder, Sendbrüder und Zög⸗ linge wird hier in der Mittagsſtunde vertheilt.
(Schluß folgt.)
Feuilleton.
Eine Hopojagd.
Der berühmte Reiſende Livingſtone, deſſen kürzlich in den Zeitungen
mitgetheilte Ermordung leider immer wahrſcheinlicher wird, fand auf ſeiner vorletzten Erforſchungsreiſe durch Süd⸗Afrika dort eine Dürre
vor, von der man in unſeren Gegenden ſich wol ſchwer einen Begriff wird machen können.
Binnen zwei Jahren waren zuſammengenommen noch nicht 10 Zoll Regen gefallen, der Kolobeng trocknete völlig aus, die Fiſche ſtarben ab, und ſelbſt die in ganzen Schaaxen herbeiziehenden Hhänen
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