Jahrgang 
1867
Seite
510
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Pentz ſtieß einen Seufzer aus.

Ja, ja, ſagte er,ich war ein recht ſchlechter Kerl; aber im Grunde waren es nur die Redensarten, die ich in den ſtädtiſchen Vereinen hörte; die hatten mir den Kopf ver⸗ dreht.

Das haben ſie gethan, Pentz, ſagte Schröder.Ja

das haben ſie! Aber du kannſt doch noch immer Gott danken, daß du wenigſtens nicht ein Verbrechen auf dem Gewiſſen haſt!

Schweigend reichte Pentz ſeinem Kameraden und Unglücks⸗ gefährten die Hand.

Dir danke ich es! Aber ich weiß du ſchweigſt, weil Strafe er⸗

du ſiehſt, daß ich es bercue, nachdem ich meine halten! Wie das Grab! verſicherte Schröder. Meine alte Mutter hat jetzt ihre Freude an mir, fuhr Pentz fort.Sie pflegt mich mit der Geduld eines Engels, denn ich bin ja ihr Einziger, nachdem meine Schweſter an der Seuche geſtorben... Gott habe ſie ſelig!

Laß uns aufbrechen und uns in Gala werfen, Pentz, denn es iſt Zeit, ſprach Schröder.Du wirſt heute bei der Doppelhochzeit im Lahrſtein'ſchen Hauſe ein frommes Geſicht machen, wenn du die Marie mit dem Inſpector zum Altar gehen ſiehſt; für einen Invaliden wäre ſie ja doch verloren!... Ich freue mich immer, wenn ich das glückliche Paar ſehe, den Leopold mit ſeiner ſchönen Indianerin, die trotz ihrer wilden großen Augen ſo zahm iſt wie ein Lamm, wenn ſie an ſeinem Arm hängt. Er muß ein glücklicher Menſch ſein, der junge Herr! Ein ſo ſchönes Weib und drei Millionen! Und nun gar der drollige alte Amerikaner! Man ſagt, er ſoll früher vor mehr als zwanzig Jahren Lahrſtein's Compagnon geweſen ſein. Sie ſollen ſich damals erzürnt und getrennt haben, und jetzt ſind ſie wieder ein Herz und eine Seele!..

Pentz erhob ſich mühſam an ſeinen Krücken.

Komm, ſagte er,du ſollſt dich überzeugen, wie froh ich heute auf dieſer Hochzeit bin.

Und Beide ſchritten die Dorfſtraße hinab, um ſich in ihre Sonntagskleider zu werfen.

Ein Beſuch im nenen Rauhen Hanſt bei Berlin.

Von Guſtav Raſch.

Intellectuelle Kräfte von hoher Bedeutung ſtehen in Frankreich und in der Schweiz im Dienſte der revolutionären Mächte. Wir werden ſie durch keine Waffengewalt und keine Verfaſſung überwinden, wenn wir ſie nicht mit der Macht des Glaubens angreifen. Nur der Glaube wird es vermögen, den Drachen in ſeiner Höhle aufzuſuchen und ihm den Kopf abzuſchlagen. So ſprach der Oberconvictmeiſter der Brüder⸗ ſchaft des Rauhen Hauſes, Doctor Wichern, im Frühling des Jahres 1849, als die Reaction in ganz Europa vom Belt bis zur Adria momentanüber den Drachen der Revolu tion geſiegt hatte, und in ſeinem geiſtvollen und energi⸗ ſchen Kopfe entſtand die Idee, dieſen Gedanken organiſatoriſch auszubilden und die bereits im Jahre 1848 in einer in Wittenberg abgehaltenen großen Verſammlung proteſtantiſcher Geiſtlichen ausgebrütete Verbindung derinnern Miſſion zur Seele und zum Träger aller europäiſchen reactionären Beſtrebungen zu machen. Der in Wittenberg bereits ge⸗ ſchaffene Centralausſchuß derinnern Miſſion mußte der Centralausſchuß der deutſchen oder, womsglich, der europäiſchen Reaction werden, aus den Anfängen jener, alle freiheitlichen und fortſchrittlichen Beſtrebungen des Volkes mit dem Ana thema belegenden Prieſterverſammlung in Wittenberg ſollte ein wohlgegliederter, ſich nach allen Richtungen hin und in alle Schichten der Bevölkerung eindringender Orden geſchaffen und in den Staatsdienſt gebracht werden, um zur größeren Wirkung und zur Erreichung ſeiner Reſultate den Mechanis⸗ mus des Staates ſelbſt in Bewegung zu ſetzen.

Mit ſeinem unläugbar großen Organiſationstalent und mit ſeiner ebenſo großen Energie ging der Oberconvictmeiſter der Brüderſchaft des Rauhen Hauſes ans Werk. Was an chriſtlichen Vereinen und an chriſtlichen Rettungshäuſern in Deutſchland umherſtand, wurde in Verbindung gebracht; alle religiöſen, der fortſchrittlichen und freiheitlichen Entwickelung feindlichen Elemente wurden geſammelt; die treubündleriſchen, pietiſtiſchen und muckeriſchen Vereine in allen deutſchen Groß ſtaaten und Kleinſtaaten wurden auf den Centralausſchuß der innern Miſſion als auf ihren Mittelpunkt hingewieſen; alle proteſtantiſchen Sekten, alle Bekenner des Buchſtabens der Schrift wurden unter die eine Fahne berufen, deren Deviſe die innere Miſſion war, und nach und nach wurde jene, jetzt weitverzweigte Verbindung derHausbrüder,Send⸗ brüder, undFreibrüder geſchaffen,welche, durch Gemein⸗ ſamkeit des Berufes und der Anſchauungen vereinigt, durch die Disciplin des Rauhen Hauſes eng mit einander verbun⸗ den, durch beſondere Einrichtungen in Verkehr zu einander geſetzt, von einer einheitlichen Spitze aus geleitet, durch materielle Intereſſen zum Theil an einander geknüpft, gegen

Verwaltung.

außen in gewiſſen Beziehungen abgeſchloſſen, und in beſtimmte Vereinigungen hierarchiſch gegliedert, ihren örtlichen Central⸗ punkt im Rauhen Hauſe bei Hamburg fanden.*) Dann wurde der Orden in den preußiſchen Staatsdienſt gebracht. Wichern wußte das Vertrauen des verſtorbenen Königs Friedrich Wilhelm 1V. von Preußen und ſeiner Gemahlin zu gewinnen. Sendbrüder des Rauhen Hauſes wurden als Aufſeher in die preußiſchen Strafanſtalten eingeführt, und ihr Oberconviet⸗ meiſter an die Spitze der Abtheilung für Gefängnißweſen im Miniſterium des Innern mit dem Titel eines Oberconſiſtorial⸗ rathes geſtellt. Der General des neuen Ordens war nun nicht allein die Spitze und Seele des Centralausſchuſſes, ſondern bekleidete auch, indem er zugleich als Oberconvict⸗ meiſter alle Filialanſtalten des Rauhen Hauſes in ſeiner Perſon concentrirte, eine der erſten Stellen in der preußiſchen Er ſtand dadurch auf einer wirklichen Macht⸗ ſtufe, von der aus es ihm leichter wurde, für Ausbreitung und Vergrößerung des Ordens umfaſſende Schritte zu thun. Die höchſten Würdenträger des preußiſchen Staates wurden nun die Hauptgönner der Brüderſchaft des Rauhen Has und des aus ihr hervorgegangenen Prieſterordens, und zeichneten ihre Beiträge auf die Liſten des Rauhen Hauſes; von den Perſönlichkeiten, welche die höchſten Kirchenämter bekleiden, ſind vieleFreibrüder des Rauhen Hauſes; ebenſo ſind viele der höchſten Kirchenämter in Hannover und Mecklenburg im Beſitz ihrer Parteigänger.Sendbrüder des Rauhen Hauſes

wirken für dieinnere Miſſion als Hausväter und Gehüfen in den Rettungshäuſern und Waiſenhäuſern, als Aufſeher in

den Strafanſtalten, als Stadtmiſſionäre, als Krankenpfleger, als Herbergsväter, als Tractätchen⸗Colporteure, als Lehrer in Mecklenburg allein ſtehen bereits fünf Schulen unter ihrer Obhut; andere Brüder ſtrebſamern Geiſtes befinden ſich in der Nähe hochgeſtellter Perſonen, wenn auch nur, um als Referenten über die bei denſelben eingehenden Bittgeſuche zu dienen. So, ſagt Dr. Düboc in ſeiner vortrefflichen Schrift**), iſt der proteſtantiſche Orden, getragen von dem unzweifelhaft großen organiſatoriſchen Talent ſeines Meiſters, die(Brüder⸗ ſchaft, aus den unſcheinbarſten Anfängen zu einer umfaſſen⸗ den Bedeutung gewachſen; mit ihm in gleichem Maße die einnere Miſſion?, deren bemerkenswertheſte Erſcheinung er bildet. Im Jahre 1848 exiſtirten nur 68 Inſtitute Rettungs⸗

*) So Holtzendorff's umfaſſende Definition der Brüderſchaft des Rauhen Hauſes. S.Die Brüderſchaft des Rauhen Hauſes, von Dr. F. v. Holtzendorff. Berlin 1861.

**)Die Propaganda des Rauhen Hauſes und das Johannes⸗ Stift in Berlin. Von Dr. J. Düboc. Leipzig 1862.