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ſchwöre Sie“ ſetzte ſie, plötzlich wieder ernſt werdend, hinzu, „verrathen Sie es nicht! Ich mache oft ſolche Tollheiten, wenn ich mich allein glaube und mir Niemand einen Verweis geben kann! Ich bin ſo glücklich, wenn ich mich ſo recht meinen tollen Einfällen überlaſſen kann, denn ich bin ja eben nur ein wildes Indianerkind, das zwar in den Städten äußerlich erzogen worden, innen aber ſeiner Natur noch immer nicht entſagen kann!... Kommen Sie“, rief ſie auf⸗ ſpringend und ſich ganz ihrer Unbefangenheit überlaſſend,„ich will Ihnen die Stelle zeigen! Ich habe ſie nicht vergeſſen! Ich habe ſehr oft noch daran gedacht, und wenn ich mich auch ſelbſt ſchalt, daß ich ſo ungeſchickt, ſo unbeſonnen geweſen, ſo mußte ich doch immer wieder darüber lachen!... Kommen Sie!“
Damit zog ſie Leopold aus der Laube, ſprang wie ein Reh ihm voran durch die Gartenſteige, in den kleinen Pavillon, welchen Leopold in jener Nacht durch den Schatten der dichten Bäume hatte ſchimmern ſehen, und trat an das zum See hinaus führende Fenſter deſſelben.
Leopold hatte mit Entzücken das urſprüngliche, mit ſo ſeltſamem Reiz umgebene Weſen des Mädchens beobachtet; ſein Auge, ſein Herz ſchwelgten, als er die ſo elaſtiſche, ſchöne Geſtalt voran eilen und in den Pavillon ſpringen ſah.
Alles, was er von der Schönheit ſeiner Zauberin ge⸗
träumt, ſah er durch die Wirklichkeit noch übertroffen. In
ſüßem Taumel folgte er ihr und trat neben ſie an das Fenſter.
„Sehen Sie“, ſagte ſie, während ſie ihn mit vor Freude leuchtendem Auge anblickte.„Dort war es; dort neben jener kleinen Inſel, da wo die Büſche ſich ins Waſſer neigen. Die armen Anemonen! Ich habe ſie in meinem Schreck zerknickt und ſie wollen ſich nicht wieder aufrichten!“
Leopold blickte nach der bezeichneten Stelle.
Allerdings, dort war es, wo ihm die Waſſerfee erſchien. Aber wie war das geſchehen, wie kam dieſes Mädchen..
Ines ſah ihn ſo ernſt, ſo ſinnend dorthin blicken. Sie hatte geglaubt, auch er werde lachen, anſtatt deſſen machte er ein ſo melancholiſches Geſicht. Gewiß beurtheilte auch er ſie ganz anders, als ſie gehofft.
„Sind Sie mir böſe?“ fragte ſie, indem ſie treuherzig die Hand auf ſeinen Arm legte.„Gewiß, ich habe Unrecht gethan!“
Dieſe Berührung elektriſirte Leopold. Er bemächtigte ſich dieſer Hand und wollte ſie an ſeine Lippen führen. Sie verweigerte dies, ließ aber ihre Hand unbefangen in der ſeinigen.
„Ob ich Ihnen böſe bin? Ich verſichere Sie, daß ich ſeitdem mich unendlich glücklich fühle. Doch nein, ich bin es erſt ſeit geſtern Abend, denn dieſes Feenbild hat mir all meine Ruhe geraubt, und erſt ſeit ich Sie geſtern Abend wieder erkannt, fühlte ich ein Glück, das ſich heute vertauſendfachte!“
„Sie ſprechen da in einer Weiſe, die ich nicht verſtche“, Ines ein wenig unwillig, denn ſie ſchien keine Freundin un Schmeichelworten zu ſein.„Ich würde gewiß einen ſchwien Verweis bekommen, wenn man von meiner Unvor⸗ ſichtifeit gehört hätte“, fuhr ſie den Kopf ſchüttelnd fort. „Abe ſehen Sie, wenn ich Abends an dieſem Ufer ſtehe, kehren ſo gern die Erinnerungen meiner Kindheit zurück! Damo;“.. Ines' Auge nahm hier einen wehmüthigen Ausdrek an, ihr Antlitz ſenkte ſich ſchwermüthig.„Damals, in unſer Wäldern, ſprang ich jeden Abend wenn die Sonne untergegngen war, in die klare Flut eines Sees, deſſen ſchöne Ur mir ſo unvergeßlich geblieben ſind. Wir Kinder alle und uch die Alten ſchwammen in dem See herum; es war ſo litig; wir trieben ſo viel Scherze, während in den Zelten di Mütter das Abendmahl bereiteten.. Es ſind viele Jahr ſeitdem verſtrichen und ich kann wohl ſagen, daß mir dieſe Leben beſſer gefällt; aber wenn mich ſo die Erinnerung vieder ergreift, dann faßt es mich unwiderſtehlich! Und ſo waes auch an jenem ſpäten Abend, als ich mich ganz allein nd unbemerkt glaubte. Ich ſprang vom Ufer, ich ſchwammmher in dem klaren durchſichtigen Waſſer und
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ſchrieben.
vergaß die ganze Umgebung. Ich glaubte wieder in unſern Wäldern zu ſein, an die mich dieſes Thal erinnert... Da ſah ich den Nachen ſchwimmen. Ich glaubte ihn leer; ich klammerte mich an ihn... Aber welch ein Schreck, als ich Sie in dem Boote liegen ſah! Mit einem Schrei tauchte ich ins Waſſer zurück, barg mich hinter der kleinen Inſel, erreichte wieder tauchend das Ufer, geſchützt durch die Büſche und ver⸗ ſteckte mich, Sie beobachtend, hier im Pavillon... Seitdem hab' ich es nicht wieder gewagt, und ich habe mir auch wohl Vorwürfe gemacht, aber es war doch nicht ungeſchehen zu machen, und Sie, Sie verrathen mich nicht.. nicht wahr?“
Leopold preßte ihre Hand in der ſeinigen, und es war ihm, als fühle auch er einen Druck der ihrigen.
Er hätte ſo gern geſprochen, aber er wagte es nicht; er wußte nicht, welche Sprache er mit dieſem Naturkinde reden ſolle; er fürchtete auch den Zauber zu ſtören, fürchtete, ſie zu erzürnen, wenn er zu kühn ſei; er wußte nur, daß er namen⸗ los glücklich, wenn dieſes ſchöne Auge, das ihm ſo zutraulich und treuherzig in das ſeinige blickte, die Wahrheit ſprach, ihn ſein Glück hoffen ließ.
Plötzlich fuhr Ines, die ebenfalls nachdenkend zu werden ſchien, erſchreckt zuſammen. Ein gellender Pfiff erſchallte durch den Garten.
Gleich darauf rief eine rauhe Stimme ihren Namen in barſchem, unfreundlichen Ton durch den Garten.
Ohne ein Wort ſprang ſie aus dem Pavillon. ſah ihr nach, wie ſie in das Haus zurückeilte.
Leopold
13. Mr. Stockfield.
Anders war es inzwiſchen im Innern der Villa zuge⸗ gangen.
Mr. Stockfield ſchien anfangs unwillig über den Beſuch des jungen Mannes, indeß führte er ſeinen Gaſt in ein Zimmer, das ganz nach mexikaniſcher Weiſe ausgeſchmückt war und den Eintretenden vermuthen ließ, er ſei in das Zelt eines Indianer⸗Häuptlings gerathen.
Stockfield bot ſeinem Gaſt einen Platz auf einem mit einer Unzenhaut bedeckten Seſſel und ſchritt dann zu einem Schrank, aus welchem er eine alte, von Zeit und Gebrauch ſtark gedunkelte Brieftaſche hervornahm.
Rit ſeinem wiegenden, ſchweren Gang kehrte er dann zu Lahrſtein zurück und nahm phlegmatiſch demſelben gegen⸗ über Platz.
Es war, wie wir ſchon hörten, etwas zwiſchen dieſen beiden Männern, was der Sühne bedurfte.
Lahrſtein ließ ſein Auge mit gemiſchten Gefühlen auf ſeinem Nachbarn ruhen. Auf dem Antlitz dieſes Mannes ſtand deutlich lesbar eine ganze ungewöhnliche Lebensgeſchichte, voll der ſchwerſten Arbeit und der größten Gefahren, ge⸗ Wind und Wetter hatten dieſes Antlitz mit einem Leder überzogen, in das ſich tiefe Narben eingegraben; ſeine Stirn zeigte, als er den Panama⸗Hut von ſich warf, den unvollendeten Schnitt eines Skalpiermeſſers, mit welchem die tiefen Runzeln parallel liefen; ſeine Augen waren in ihre Höhlen zurückgeſunken; der ſtarke graue Bart war von der Sonne gekrauſt, und ſeine dicken, harten Hände deuteten auf ſchwere Arbeit, die ſie nicht geſcheut.
„Lahrſtein“, ſprach er, nachdem er ſich geräuspert, mit ſeiner rohen Stimme,„du weißt, es iſt Blut zwiſchen uns⸗ du weißt, daß ich eine Schuld auf mir habe, an der ich mehr als zwanzig Jahre hindurch ſchwer genug getragen. Ich danke Gott, daß er mir das Glück gab, dich noch am Leben zu finden und mit dir aufzurechnen. Du wirſt mich alſo ruhig anhören!“
Stockfield machte hier eine Pauſe und legte die Brief⸗
taſche neben ſich.
„Ich brauche dich an nichts zu erinnern“ fuhr er fort, „denn was zwiſchen uns vorgegangen, vergißt ſich in einem ganzen Leben nicht. Du haſt mich als jähzornig gekannt und du weißt, daß Leute dieſes unſeligen Temperamentes nach⸗
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