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ſichtiger zu beurtheilen ſind; aber du haſt mich auch als
einen Betrüger, einen Schurken gekannt... Du bejahſt es“, fuhr er fort, als Lahrſtein mit dem Kopfe nickend traurig vor ſich hinblickte, wie wenn ſein Geiſt in der Vergangenheit weile.„Es war zwiſchen uns eine längere Gemeinſchaft nicht möglich, wir konnten nicht Compagnons bleiben; ich entſchloß mich alſo, aus unſerm Geſchäft auszutreten. Auseinanderſetzung privatim unter uns geſchehen laſſen. Du zeigteſt mehr Eigennutz, als du vielleicht ſollteſt; ich ſah vor⸗ aus, daß ich dich nicht beſtimmen werde, meinen Verlangen auf die zehntauſend Thaler, welche ich mehr begehrte, nach⸗ zugeben; ich gab alſo heimlich vor unſerer Trennung einen Wechſel aus, den du nothwendig ſpäter einlöſen mußteſt. Das war ſchlecht von mir. Ich rettete mich, indem ich nach Amerika ging, nachdem unſere letzte Zuſammenkunft eine ſo verhängnißvolle geweſen. Von meinem Jähzorn hingeriſſen, ergriff ich, als wir in deiner Wohnung allein waren, ein Meſſer und rannte es dir in den Leib... Ich hörte erſt nach einigen Jahren, daß du in Folge einer Krankheit ge⸗ ſen
„Das Geld, um das ich dich betrog, hat mir kein Glück gebracht. Ich verſpeculirte es in New⸗York mit meinem eigenen Vermoͤgen und ging dann, nur mit einer guten Büchſe bewaffnet, zur Indianergrenze, wo ich achtzehn Jahre lang meine Farm und mein Leben gegen die Rothhäute verthei⸗ digte. Endlich gelang es mir, meine zu einem großen Beſitz angewachſenen Ländereien und meine Neger zu verkaufen. Ich
ging, der Jagd und der Strapazen müde, mit dem Gelde und
einem Indianerkind, das ſich zu mir verirrt und das ich nicht wieder von mir ließ, nach New⸗Orleans. Dort begann ich große Geſchäfte, die mir Millionen brachten und in mir den Wunſch reifen ließen, unter dem fremden Namen, den ich in Amerika trug, meine Heimat wieder aufzuſuchen... Dich zu finden, durfte ich nicht hoffen, aber die Deinigen wollte ich aufſuchen, um wenn es nothwendig ſei, an ihnen hundertfach wieder gut zu machen, was ich an dir Böſes gethan. Ich ſah dich wieder! Wie du mich hier ſiehſt, Lahrſtein, bin ich ein in rauhem Jagdleben für die Civiliſation unbrauchbar gewordener Menſch; das habe ich eingeſehen in dem Augen⸗ blick, als ich den europäiſchen Boden betrat. Ich will alſo zurückkehren, nachdem ich mich mit dir ausgeſöhnt. Hier nimm meine Hand jetzt, Lahrſtein! Ich bitte dich von ganzem Herzen um Verzeihung! Darf ich dir auch das Geld erſetzen, um das ich dich beſchädigt, hier nimm dieſe Brieftaſche, es iſt das Funfzigfache darin! Mit dem Hundertfachen würde ich ja nicht ſühnen können, was ich gethan, und ich wage es daher kaum, dir Entſchädigung zu bieten... Aber du haſt einen Sohn, Lahrſtein, und ſein Anblick hat mir ſogleich einen Gedanken eingegeben. Ihm will ich bieten, was ich dir nicht bieten darf! Biſt du einverſtanden?“
Der barſche, aber aus dem tiefſten Herzen dringende Ton, in welchem Stockfield ſprach, konnte ſeine Wirkung auf Lahrſtein nicht verfehlen. Er erwiderte den Druck der Hand.
Da flog ein Sonnenblick über das ernſte Geſicht des rauhen Mannes— vielleicht zum erſten Mal ſeit lange.
„Lahrſtein!“ rief er ſchluchzend, ſich an die Bruſt ſeines einſtigen Freundes werfend.„Bruder! Ich ſehe es, du ver⸗ zeihſt mir! O, du biſt der Alte geblieben! Du wirſt mir noch herzlicher verzeihen, wenn du Alles hörſt, was ich während dieſer zwanzig Jahre erduldet! Lahrſtein, du vergibſt mir! Laß alſo Alles, Alles vergeſſen ſein!... Willſt du?“
Dabei blickte er ihm ſo treu und ehrlich ins Auge, während das eigne ſich feuchtete und eine Thräne in die tiefen Falten der dunklen Wange rann. Mit Heftigkeit preßte er Lahrſtein in ſeine Arme und drückte einen Kuß auf ſeinen Mund.
„So!“ rief er aus, während die Stimme noch zitterte. „Weg mit dem ſchnöden Geld, das mich nur an mein Ver⸗ brechen erinnert!“ ſetzte er hinzu, indem er die Brieftaſche in die Ecke ſchleuderte.„Mir iſt jetzt wohl wie ſeit lange nicht! Ich könnte etwas Großes, etwas Ungeheures thun, aber meine
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Wir wollten die
fließt ihr noch immer in den Adern.
Gedanken ſind in dem langen und wilden Grenzerleben ſo
eingetrocknet wie eine alte Büffelhaut! Du, Lahrſtein, ſollſt mir etwas erdenken helfen, was ungeheuer groß und ſchön iſt! Nicht wahr, du wirſt mir helfen, denn du hatteſt ja immer
den Kopf voll von Plänen!... Aber da fällt mir ein, wo
iſt denn dein Sohn? Ich werde ihn ſuchen! Auch er ſoll wiſſen, was ich an dir zu ſühnen habe! Ich mache kein Ge⸗ heimniß daraus, ich habe dem Mädchen, meinem Augapfel, wol hundert Mal erzählt, was wie ein Berg auf meinem alten vertrockneten Herzen ruht.
Damit ſchritt Stockfield zur Thür hinaus in den Garten. Lahrſtein folgte ihm, in ſeltſamer Rührung über das Weſen dieſes ſonderbaren Menſchen, der einſt ſo wenig umgänglich, von allen Leidenſchaften und geſellſchaftlichen Verirrungen be⸗ herrſcht geweſen war und jetzt als ſo maſſive, einem Auer⸗ ochſen ähnliche Natur zurückkehrte.
Stockfield ſuchte zunächſt nach Ines. Sie war nicht zu finden. Seine an der Bruſt hängende kleine ſilberne Pfeife an den Mund führend und ihren Namen rufend, blickte er umher.
Da kam das Mädchen wie eine Gazelle herbei geſprungen und blickte faſt zaghaft, als fürchte ſie einen Verweis, auf den Gebieter.
„Wo haſt du den jungen Mann?“ herrſchte er ſie an.
Ines ſchien verwirrt.
„Dort!“ antwortete ſie endlich, auf Leopold zeigend, der ihr langſam folgte.
„Ein hübſcher Junge!“ rief Stockfield, Leopold's Geſtalt muſternd. Dann ſich zu Lahrſtein zurückwendend, ergriff er haſtig und ungeſtüm deſſen Arm.
„Lahrſtein“, ſagte er in deutſcher Sprache, welche Ines nicht verſtand.„Ich ſagte dir, wir müſſen auf eine große Idee ſinnen! Ich habe ſie gefunden!“
Lahrſtein blickte ihn fragend an und mußte unwillkührlich lachen über die plumpe Wichtigkeit Stockfield's.
„Gott verdamm' mich, ich habe ſie gefunden, Lahrſtein!“
wiederholte Stockfield.
„Sieh dir dieſes Mädchen an! Iſt ſie nicht wie eine wilde Roſe, die einen tüchtigen und ſorgfältigen Gärtner haben muß, der ſie veredeln kann? Sie iſt in den theuerſten amerikaniſchen Schulen unterrichtet, aber das Indianerblut Ich ſage dir, ſie hat ein Herz wie kein Weib in dieſem ganzen verroſteten Welt⸗ theil, und wenn ich ſterbe, hat ſie ein Vermögen von mindeſtens drei Millionen Dollars!... Dein Junge muß die Ines heirathen, ſo bekommt dein Sohn meine Millionen und unſere Rechnung iſt getilgt!... Goddam! Ich hätte nicht geglaubt, daß meinem dicken Schädel noch eine ſo capitale Idee ein⸗ fallen werde!“
19. Schluß.
Der Herbſt ſandte ſeine letzten ſchönen Tage. Durheie breite Dorfſtraße des Lahrſtein ſchen Gutes jagte der Find die gelben Blätter, welche er von den Obſtbäumen der Grten geſchüttelt.
Vor dem Wirthshauſe, in welchem früher di( Ver⸗ ſammlungen der unzufriedenen Fabrikarbeiter ſtattgeinden, ſaßen zwei junge Männer auf der Bank, beide df kurze Pfeife im Mund, der eine mit einem dicken Stock imSande Figuren zeichnend, während der Andre, ſeine Holziße von ſich ſtreckend, die Krücken an die Wand gelehnt hat
Sie waren Beide Krüppel und verzehrten im timiſchen Dorfe ihre Invaliden⸗Penſion.
„Ja, ſiehſt du, Pentz, ſo hat das Alles kommeſmüſſen!“ begann Schröder, die ins Stocken gerathene Werhaltung wieder fortführend.„Du ſiehſt jetzt, daß Jeder dös Schickſal und die Allmacht walten laſſen muß. Die Ande; ſind Alle glücklich geworden, und wir Beide müſſen nunmit unſern hölzernen Gliedern uns ſo gut verbrauchen, jie es eben angeht.“
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