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Zuſtände vorgeführt, daß dieſes Bild zu den wunderbarſten Schöpfungen unſeres Leſſing gehört.
Es iſt ein Ausſchuß des Concils, vor welchem Huß ſeine Lehre vertheidigt. In der Mitte des Bildes neben einem mit großen Büchern bedeckten Tiſche ſteht der böhmiſche Reformator in eifriger Darlegung ſeiner Ueberzeugungen begriffen, die Hand ruht betheuggnd auf der Bruſt, die Augen ſind wie näh innen gekehrt, ganz in die innere Betrachtung der gött⸗ lichen Wahrheit verſunken. Die Hörer und Richter ſitzen zu beiden Seiten in mehrfachen Reihen. Links im Vordergrund hebt ſich die Geſtalt eines jugendlichen Cardinals; ihm iſt die Kirche ein Intereſſe der Politik, vornehm ſpielt er mit einer Troddel des Cardinalshutes, die andere Hand ruht auf dem Schooße, ſeine Augen verrathen den Zorn gegen dieſe Auf⸗ wiegelung, der bei einigen anderen Prälaten hell und klar die Verdammung des Redners bekundet.— Gründe gelten ihnen nichts. Hinter dem Cardinal zumal iſt ein Geiſtlicher, deſſen ſtrenge, imperatoriſche Mienen weder Furcht noch Mit⸗ leid kennen, ſobald das Intereſſe der Kirche es erheiſcht. Weltlich ungenirt in ſeiner Haltung, den leichtſinnigen Würde⸗ träger verrathend, ſitzt auf der andern Seite ein Biſchof, der ſich in flüchtigem Geſpräche zu einem jungen Mönche, der hinter ihm ſteht, zurückwendet, während ein ſtumpfer Alter,
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etwas weiter ab von Huß, rechts im Vordergrunde mit vor⸗ gebeugtem Leibe daſitzt, mit zitternden Händen ſich an der Lohne ſeines Seſſels hält, und in der hageren Trockenheit ſeiner Geſtalt verräth, daß er nach ſtreng kanoniſchem Geſetz gar keine Gründe zu hören braucht, die er gar nicht zu faſſen vermöchte. Ueber die übrigen Geſtalten ragt nur ein Mönch noch hervor, der rechts etwas hinter einer Säule lehnt, deſſen Geſicht den giftigſten Ketzerhaß verräth, während ihm gegen⸗ über, ebenfalls an eine Säule des Saales gelehnt, der wackere böhmiſche Ritter Wenzel von Tabor ſteht, der ehrlich verblüfft in das Treiben hineinſchaut, die Gefahr ſeines Schützlings unter ſolchen Geſellen wohl erkennt und ihn deshalb mit ängſtlicher Miene anblickt.
Aus dem Ganzen weht uns ein Stück Weltgeſchichte entgegen, ſelbſt das Colorit und die Beleuchtung bekunden einen düſtern, ahnungstiefen Sinn, der die Verurtheilung des Reformators als einen traurig wichtigen Act für die Ent⸗ wickelung der religiöſen Freiheit erſcheinen läßt.
So ſehen wir den Künſtler anfangs in romantiſch mittel⸗ alterlichen Geſtalten ſich bewegend, düſter und trüb das Leben erfaſſend, nach und nach zum vollen Bewußtſein des natür⸗ lichen zurückkehren, das er mit freiem Geiſte zu durchdringen,
wreltgeſchichtlich zu geſtalten weiß.
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Nach Cuſtozza!
Von Georg Hiltl.
Ein ſtarkes Gewitter ſchwebte über Goito und deſſen Uumgegend. Aengſtlich und erwartungsvoll ſtanden die Bewohner der Stadt auf den Plätzen, vor den Thoren und gruppenweiſe in den Gaſſen. Zuweilen, wenn die Donner des Himmels ſchwiegen, lauſchte Alles geſpannt gegen Weſten. Von hier aus rollte ein anderes Getöſe bald in einzelnen Pauſen, bald ſchneller auf einander folgend durch die Luft. Rauchſäulen ſtiegen empor, ein fahler Schein kämpfte mit der Beleuchtung der Wolken, die tief auf die Gegend herabhingen. Seit dem früheſten Morgenſtunden war die große Schlacht von Cuſtozza entbrannt, in der das Schickſal Italiens, zur Hälfte wenigſtens, entſchieden werden ſollte. Eine dunkle Wolke zog über Goito, dahinter klärte ſich der Himmel und lachte in, dem hellen, freundlichen Blau— die von der furcht⸗ baren Hitze faſt verſengten Bäume und Sträucher hoben ihre Zweige und Blätter, der Gewitterregen hatte Alles erfriſcht, auch die Hoffnung. Da zieht am Rande des Horizontes eine lange Linie auf— Wagen, Reiter und Fußvolk nahen. Es ſind die Erſten, welche ſich aus dem Kampfe gegen Goito zu bewegen. Entgegen den Freunden! den Kämpfern für Italien! Im Nu ſind Nachrichten verbreitet: die Schlacht iſt unentſchieden! heißt es, dann raunt man ſich zu: Sie iſt ver⸗ loren für Italien! Die dritte Kunde lautet: Von Reuem hat der Kampf begonnen!— Immer dunkler wird der blaue, glänzende Himmel, immer neue Schaaren Verwundeter, Sterbender kommen heran, es ſind die Opfer von Cuſtozza. Jetzt iſt Goito lebendig geworden, aus allen Häuſern eilen die Einwohner auf die Straßen, man ſchleppt Erfriſchungen herbei— die Hallen der Häuſer, die Märkte ſind ſchon mit Blutenden bedeckt, die Aerzte haben vollauf zu thun; noch immer dröhnt der Kanonendonner, Söhne Italiens, aber es iſt kein Geheimniß mehr: Die Schlacht iſt nicht gewonnen für Italiens Streiter. Der Feind hat mit gewaltiger Zähigkeit den Angriffen widerſtanden, hat ſie zurückgeſchlagen. Auf der Linie von Monte⸗Vento bis Staffalo und Gonfardine haben ſich die Schaaren des Königs Victor mit Heldenmuth geſchlagen. Die Diviſion Brignone iſt nach verzweifeltem Kampfe gezwungen worden zurückzugehen. General Lamarmora hat dem Könige gerathen, nach Valeggio zu rücken. Schon ein Mal heute iſt der General durch Goito mit den Diviſionen Angioletti und Longoni geeilt, um auf den Höhen von CuſtozzQ den Sieg zu erfechten— allein er kommt mit ihnen gerade an, als
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der Rückzug ſchon begonnen hat. Die Diviſionen ſind nicht früh genug in den Kampf geſchoben worden, und die Donner des Geſchützes, welche man jetzt in Goito hört, ſind die letzten furchtbaren Athemzüge des verzweifelten Kampfes, der den Rückzug der Italiener begleitet. Wunderbar feſt und energiſch iſt das Verhalten der Diviſion Brignone, die Soldaten leiſten den hartnäckigſten Widerſtand, jeder Fuß breit Erde wird ihnen mit Blut abgerungen. Eine bange Stunde iſt wiederum vorüber, da ziehen am Abendhimmel ſcharf ſich abſetzend die Colonnen der Diviſionen von Birio und des Kronprinzen Humbert heran. Die Straße iſt bedeckt mit Fuhrwerken, Reitern und Wagen, Geſchützen und Munitionscolonnen, Alles durcheinander. Die Dunkelheit wird bald durch den Mond erleuchtet, der heraufſteigt, und zahlloſe Lichter werfen außer⸗ dem ihren Glanz in die Straße von Goito. Nun raſſeln die Trommeln, die Hörner tönen. Es iſt zwar keine freudige Muſik, wie ſie beim Marſche gegen den Feind erklang, aber ſie iſt doch muthig, zornig zugleich. Vorauf jagen die Ulanen mit Helm uud Lanze. Alle ſind ſchweiß⸗ und ſtaubbedeckt. Dann marſchiren, noch dampfend vom Gefechte, die Berſaglieri herein. Ihre Hüte ſind weiß von der dicken Staublage. Die Federn halbgeknickt und zerhauen, die Schäfte der Büchſen und die Haubajonnete mit Blut und Schmuz bedeckt, die Läufe blind vom Pulverſchleim: Eviva lItalia donnert der Ruf aus heiſeren Kehlen. Eine jubelnde Begrüßung ſchallt den Einmarſchirenden entgegen.„Gewehr ab!“ Die Ermatteten ſinken nieder, wo ſie noch eben ſtanden. An den Häuſern liegen hundertweis Gruppen blutender, aber doch noch ſcherzen⸗ der und lachender Leute. Die Wachtfeuer flammen auf—
noch immer kämpfen die
immer ohne Ende windet ſich die Schlange von Soldaten, Fuhrwerken und Geſchützen durch Goito. Ein neuer Jubelruf erſchallt, der verwundete Kronprinz Humbert erſcheint, mit ihm Birio, deſſen Diviſion den Rückzug mit großer Bravour decken half. Trotz des verlorenen Tages iſt Alles wohlauf, denn auch der Feind iſt gewaltig geſchwächt, und in zwei Tagen heißt es, ſoll die neue Schlacht geſchlagen werden. Unterdeſſen iſt herbeigeſchafft worden, was nur irgend Hülfe und Erfriſchung bringen kann. Die Glocken in Goito ſummen den Abendſegen, die Kirchen öffnen ſich, nicht um die Frommen einzulaſſen, ſondern um die Verwundeten aufzunehmen, die in den kühlen Hallen ſich von den Schwerzen der brennenden Wunden auf Augenblicke befreit fühlen.
Die friedlichen Gärten der Klöſter wimmeln von Soldaten.


