Vergängliche alles Irdiſchen erinnert. Eben dieſes Bild iſt es, das wir unſern Leſern in der vorigen Nummer vorlegten.
müder Kreuzritter, der auf ebenſo müdem Roſſe durch eine einſame Berggegend zieht. Dann aber wandte ſich unſer Meiſter mehr der geſchichtlichen Malerei zu. Aber auch dieſer Uebergang geſchah nicht auf einmal. Die romantiſch mittelalter⸗ liche Gefühlswelt zeigte ſich noch in ſeiner Leonore, die er nach Bürger's Ballade mehrfach ausführte, und worin er die Schauer der Geiſterwelt und der Liebe hineinzufaſſen wußte, dann in ſeinen Darſtellungen von Walter und Hilde⸗ gunde, nach Guſtav Schwab's kleinem epiſchen Gedichte. Das liebende Paar entweicht im erſten Bilde dem Gelage der Hunnen, die neben den Reſten des üppigſten Schmauſes im trunkenen Schlafe prächtig dahingeſteckt liegen; in einer fol— genden Zeichnung ſteigen Walter und Hildegunde den ſteilen Schloßberg hinunter, der Erſtere ſein Roß an der Hand leitend, Letztere nach der oben herabdrohenden Königsburg Etzel's ängſtlich zurückſchauend. Eine dritte Zeichnung zeigt eine in ſanften Hügeln ſchwellende Gegend, Walter ſchlummernd im Schoße der Geliebten und von ihr mit beſorgten Blicken be⸗ wacht; eine vierte zeigt in einem ſtillen, engumſchloſſenen Felſenthal, durch welches ſich ein tiefer Bach zwiſchen üppigen Kräutern ſchlängelt, Hildegunde, mit der Angel in der Hand, an dem Bache ſitzend, liebevoll nach dem Freunde in ſüßem Liebeskoſen ſich umwendend, Alles rings Freuden, Liebe und Heimlichkeit. Im fünften Bilde ſehen wir Walter in keckem Kampfe auf ſeinem Roſſe ſiegreich dem fliehenden Feinde den Todesſtoß gebend. Die Zeichnung iſt von einer Großartig⸗ keit der Auffaſſung, von einer Kühnheit der Schlachtenbildung, wie ſie Leſſing kaum wieder erreicht hat.
So ſuchte und fand er im Rittelalterlichen das Leben der Natur, die in ihm ſelbſt vorwaltend war. Die energiſchen Geſtalten des Ritterthums, mehr der Natur als dem Geiſte angehörend, in denen aber das Geiſtige wenigſtens das Ge⸗ fühl der Angeborenen, Urſprünglichen gewonnen, das einſame Vertiefen der Seele in das Kloſterleben, das ſeiner eigenen träumeriſchen, tiefen Anſchauung ſo ganz entſprang, die Liebe zur reinen, urſprünglichen, vom Leben der Neuzeit noch nicht berührten Landſchaft erfüllten damals ſein ganzes Fühlen und Arbeiten. Er arbeitete in dieſer Bewunderung der mittel⸗ alterlichen Kraft mehrere Compoſitionen, worin er das Räuber⸗ leben zum Gegenſtande der Darſtellung machte. Im erſten ſehen wir die Räuber ſich keck vor einem ſchroffabfallenden Gipfel eines Berges vertheidigen, der Jubel des Einen, der eben einen Feind im Thale erſchoſſen, der Anführer, welcher die Ziele der Schüſſe den wilden um ihn lagernden Geſellen anweiſt, eine kühne Dirne, welche einen Gefangenen mit dem Piſtole in der Hand bewacht,— Alles zeigt uns ein kampf⸗ muthiges Leben, eine vollendete Schönheit der Anordnung. Im zweiten ſehen wir zwei ſolcher Mordgeſellen auf einem rauhen Fels, halb ſtehend, halb kniend an demſelben feſtge⸗ klammert, mit mordgewohnten Blicken nach dem Opfer ſpähen, in voller Luſt ihrer blutigen Thätigkeit. Auf dem dritten dagegen ſitzt ein Räuber auf dem Vorſprung eines Berges in tiefes Brüten über ſein Schickſal verſunken. Weit im Hintergrunde eine lachende Gegend, von einem Fluſſe durch⸗ ſchlängelt, im ſanften hinſterbenden Lichte des Abends ſich ausdehnend. Der Reiz und die Milde der Beleuchtung iſt für den unglücklichen Verbrecher unwillkürlich eine Mahnung, daß ihm der Frieden der Welt verloren, den er gern für ſeinen Knaben finden möchte, der im harmloſen Schlummer, von dem einen Arme des Räubers umfangen, daliegt und die Sorgen des ſchuldigen Vaters nicht theilt.
Die Leonore und der trauernde Räuber wurden während der Berliner Ausſtellung vom 1832 vielfach bewundert, der Künſtler ſelbſt befand ſich aber auf einer Studienreiſe in die Eifel, wo ihm die reine, unvermiſchte Eigenthümlichkeit dieſes Gebirges mit ſeiner vulkaniſchen Hede, mit ſeiner geſunden Bevölkerung entgegentrat. Hier lernte er die Natur aufzu⸗ faſſen ohne mittelalterliche Nebengebilde, und verſtand er danach drei Porträtlandſchaften, in ihrem ureigenen Charakter,
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Eins der letzten romantiſchen Gemälde war ein alter,
im reicheren Umfange, breiter und voller wie früher darzu⸗ ſtellen. Wir ſehen darin ſein eigenes Weſen tiefer, geiſtiger und reiner ſich entwickeln. Die Natur blickt uns hier mit den Augen eines Menſchenantlitzes an, es iſt die zu einem höheren Daſein erwachte Natur des Künſtlers ſelbſt, die uns hier entgegentritt.
Eine große Umwandlung ging aber mit unſerm Maler vor, als ihm durch Uechtritz im Winter des Jahres 1832—33 die geſchichtliche Kenntniß der hyuſſitiſchen Unruhen zutheil wurde. Eine kleine Unpäßlichkeit ſuchte ihm der Freund durch Vorleſen aus„Menzel's Geſchichte der Deutſchen“ zu veran⸗ nehmlichen, das körperliche Unbehagen verlor ſich bei der ge⸗ ſpannten Aufmerkſamkeit, die er der Erzählung jener Religions⸗ wirren widmete, und ſchon wenige Tage darauf begann er die Aufzeichnung der unter den Namen der Huſſitenpredigt bekannten Compoſition. Das Thema beſchäftigte ihn derartig, daß er eine alte Beſchreibung des Huſſitenkrieges aus dem Jahre 1621 wahrhaft zu ſtudiren begann, und daß er die ganze Zeit dieſer religiöſen Wirren zu maleriſchen Vorwürfen in ſich aufzunehmen wünſchte. Dem in ſlaviſcher Umgebung Aufgewachſenen ward dabei ganz heimatlich zu Muthe, da er in ſeinem Ringen nach realer Wahrheit und Richtigkeit nur das darzuſtellen vermag, was zu ſeinem eigenen, innerſten Weſen in beſonders naher Beziehung ſteht. Dabei ſteht er ſelbſt mit ſeinem Seelenleben dem ſlaviſchen Charakter ſehr nahe, denn auch in ihm wohnt der blutwarme Herzensſchlag, der volle Bruſtton des ſeeliſchen Lebens, der tiefe Strom eines reinen, natürlichen Daſeins, die bei den ſlaviſchen Stämmen eine Energie und Schnellkraft emporbringen, wie wir ſie in den huſſitiſchen Kriegen mit ſchaudernden Erſtaunen wirken ſehen. Leſſing hat dabei das echt deutſche Gefühl ſeiner Familie für Wahrheit, gepaart mit einer richtigen Würdigung des Chriſtenthums. Die Einfalt, Geſundheit und Freiheit des Proteſtantismus erfüllt ihn mit ganzer Kraft, und wenn ihm auch der hingebende Glaube fehlt, ſo beſeelt ihn doch eine echt fromme Scheu, den Ernſt der Religion als nichts zu betrachten. Die auf ſich ſelbſt trotzende Kraft der Huſſiten, die für den Tod ihres Lehrers und Meiſters ihrer Ueberzeugung nach Rache nehmen mußten, die Gründe, welche ſie zu blutigen Thaten anregten, ſchienen ſeiner eigenen Kraft⸗ anſchauung zu entſprechen, um dieſer Zeit ein Denkmal zu ſetzen.
Auf der Huſſitenpredigt wird uns das Aufgähren dieſer wilden Kräfte in ſeiner ganzen Unheimlichkeit vorgeführt. Zwei alte Bäume ſcheinen den Anfang eines Waldes zu bilden, vor denſelben iſt eine Erderhöhung, auf welcher ein Prediger im langen ſlaviſchen Rock mit wildfliegendem Haar fanatiſch ſteht und eine eifrige Schaar von Zuhörern ver⸗ ſammelt. Sie ſtehen oder knien um ihn her, äußerlich ruhig, innerlich erregt, dumpf und finſter kochen ihre Gefühle in ihnen, der innerſte Kern ihres Naturlebens iſt religiös er⸗ griffen, unheilſchwanger iſt ihr Brüten und Sinnen. Auf der linken Seite ſtreckt ein Greis beide Arme dem Prediger gläubig entgegen, ein ritterlicher Jüngling auf der rechten Seite iſt, inbrünſtig den Prediger anſchauend, in die Kniee geſunken, ein Alter mit ingrimmig ruhigem Geſicht, mit dem Dreſchflegel über der Schulter und übereinander geſchlagenen Armen, lehnt an einem Felſen, er iſt fertig und ent⸗ ſchloſſen zum Kampfe. Ein brennendes Kloſter im Hinter⸗ grunde erſcheint als eine Verherrlichung der Rachegedanken, die in anderen Geſtalten des Bildes ſich verkörpert zeigen, wobei als Geſammteindruck eine in ſich brütende, mehr oder weniger tückiſche Andacht charakteriſtiſch ſich darſtellt.
Eine zweite Zeichnung dieſer Zeit, wo Ziska mit einem Haufen auf das Rathhaus ſtürmt, um die dort anweſenden Magiſtratsperſonen aus den Fenſtern hinaus auf die Spieße des unten tobenden Pöbels zu werfen, iſt Eigenthum des Herrn A. Mendelsſohn in Berlin.
Die dritte Compoſition dieſer Zeit ſtellt uns Huß vor dem Concile in Coſtnitz dar. Die Begeiſterung des Künſtlers hat hier eine Wahrheit und individualiſirende Beſtimmtheit errungen, fernliegende Gegenden erhellt, geiſtig geſteigerte
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