——
mittags im Bois recognoſeirt, hier ihre gefährlichſten Schar⸗ mützel liefert und immer nur Todte zurückläßt.
Dort kommen auch einzelne Vedetten, gefährliche Flangeurs herangeritten. Das Reitgewand ſitzt makellos, denn es darf ja nichts verhehlen; die Hand führt das Roß ſo ſicher wie die des erfahrenſten Wachtmeiſters; das Auge ſucht nach ihrem Arthur, der ſie hier zu treffen verſprochen.
Sie bedarf keiner Begleitung, keines Cavaliers, ſie iſt hier auf ihrem angeſtammten Boden, auf ihrer Domäne. Sie hat Freunde genug, die ſie ſchon ruinirt hat oder noch ruiniren wird, Freunde, mit denen dies oder jenes zu verabreden iſt, und dort findet ſie dieſelben bereits. Im Nu iſt ſie durch eine Geſellſchaft von fils créves umringt, und lachend zieht die Cavalcade weiter.
Dort kommt auch ſie, eine der Löwinnen des Maison dorée. In dem kleinen zierlichen Wagen ſitzt ſie wie Venus in ihrer Muſchel; ihre zarten Hände lenken geübt die beiden
— 5302
feurigen Roſſe. Mit den Augen rechts und links grüßend, mit dieſen gefährlichen Augen, dieſem verführeriſchen Lächeln, jagt ſie dahin, hinter ihr ſitzt der Lakai, die Arme auf der Bruſt gekreuzt; kein Diener hat je eine ſchönere Herrin be⸗ feſſen! Er kennt die Geheimniſſe nicht ihres Herzens, ſondern ihres Boudoirs, kennt ſie Alle, welche die flüchtigen lächelnden Blicke empfingen, aber er ſitzt da wie ein Sphinx, ernſt wie ein Diplomat, und gleichgültig läßt er Alle an ſich vorüber⸗ ziehen.
So geht es hin und her im Bois, bis nach 5 Uhr die Reihen der Wagen ſich lichten und endlich Alles zur Stadt zurückkehrt.
Die Stunde des Diners hat geſchlagen. Das Bois wird wieder ſtill, nur die Schwäne ziehen auf ihrer feuchten Bahn hin und her, und die rieſigen Bärenmützen reiten mit ernſten Geſichtern die Avenue auf und ab.
Hans Wachenhuſen.
Die Ingendzeit des Maler Carl Friedrich Leſſing.
Von Julius Philippſon.
(Schluß.)
Es war damals eine ſchöne Zeit für Düſſeldorf, wo die Malerſchule ſich rühmlichſt auszuzeichnen begann und eine große Zahl aufſtrebender Kräfte enthielt. Leſſing wohnte mit ſeinem Freunde Sohn zuſammen; in echt künſtleriſcher Sorg⸗ loſigkeit wirthſchafteten ſie mit einander und theilten des Lebens Freuden und Sorgen. Eigenthum war gemeinſchaft— lich, ſo daß ſie z. B. ſelbſt einmal nicht wußten, wem ein Röllchen Geld gehöre, das ſich im Schranke unvermuthet vor⸗ fand. Harmlos, jugendlich, ohne kleinliche Eiferſucht, nur ſtrebſam und thätig, in beſcheidener Anſpruchsloſigkeit, waren ſie dem imponirenden, väterlich geſinnten Schadow faſt knaben⸗ haft gern untergeordnet. In dieſer Zeit geſellte ſich auch Friedrich von Uechtritz zu ihnen. Er war es, der beſonders ſich mit Leſſing befreundete, welcher eben ein kleines Gemälde, „der Kloſterhof im Schnee“, gearbeitet hatte. Es fand in der Ausſtellung von 1830 verdienten Beifall, bekundete aber damals die trübe Seelenſtimmung des jungen Meiſters, den ein plötzlicher Todesfall zu dieſer Compoſition veranlaßte. Das Bild war gleichſam eine Verherrlichung des Todes. Einige abgetretene Stufen führen zu dem Säulengang, der den Hof eines Kloſters begrenzt, dahinter eine kleine erleuchtete Kapelle; ein Zug von Nonnen mit vorangetragenem Kreuz bewegt ſich durch den Säulengang nach derſelben, in welcher ein ſchwarzverhangener Sarg uns bekundet, daß hier das Todtenamt für eine verſtorbene Schweſter abgehalten werden ſoll. Aber auch die Natur rings umher iſt gleichſam von den Feſſeln des Todes ergriffen; die beiden Fichtenbäume im Hofe, deren Aeſte unter der Laſt des darauf wuchtenden Schnees zu brechen drohen, zum Theil ſchon gebrochen da⸗ liegen, der erfrorne Waſſerſtrahl am Brunnen, die von Schnee bedeckten Steinbilder zu beiden Seiten der Stufen, welche zur Kapelle führen: Alles zeigt Erſtarrung, Oede und Tod.
Dieſes innere Schmerzensleben zeigte ſich auch in dem erſten Entwurfe zu dem erſt ſpäter ausgeführten„Königs⸗ paare“, welcher im Winter 1828 zu 1829 entſtand. Der König und ſeine Gemahlin ſtehen an einem ſchwarzverhangenen Sarge, der ihr einziges Kind umſchließt; der König finſter hinausſtarrend, die Königin ſchmerzvoll in Trauer aufgelöſt.
Leſſing's trübe Seelenſtimmung wurde noch durch die wenig heitere Weltanſicht des Künſtlers, der nach außen hin dem reichen Inhalt ſeines Herzens noch immer nicht den richtigen Ausdruck zu geben verſtand, ihn ſogar ungeſellig und unbeholfen erſcheinen ließ, vermehrt. Es war deshalb ein Glück, daß der Umgang mit Uechtritz den Künſtler auf andere Bahnen lenkte. Dieſer wußte ihn zu ermuthigen, die verlorene Luſt an der hiſtoriſchen Malerei wieder zu gewinnen, vorerſt beſonders für den Berliner Kunſtverein„das Königs⸗
paar“ in veränderter Auffaſſung auszuführen. Der große Beifall, welchen das Gemälde in der Berliner Ausſtellung von 1830 errang, wurde ein neuer Antrieb für den Künſtler—, auf dieſer Bahn fortzuſchreiten. Der Verein zahlte dem Maler ſechshundert Thaler für das Bild, und von der Dame, die es bei der Verloſung gewann, kaufte es ſpäter der Kron⸗ prinz von Prenßen für das Vierfache dieſes Preiſes, um fern von dem Vaterlande eine Zierde des Kaiſerpalaſtes in Peters⸗ burg zu werden.
Im Herbſt 1830 unternahm Schadow mit ſeinen Schülern
Sohn, Hildebrand, Bendemann eine Reiſe nach Italien, von
der ſie erſt im Herbſt des nächſten Jahres zurückkehrten. Ob⸗ ſchon Leſſing erſt zweiundzwanzig Jahre alt war, wurde er von Schadow zu ſeinen Stellvertreter ernannt, der die Arbeiten der jüngern Schüler nachzuſehen hatte, ihnen mit Belehrung und Rath zur Seite ſtand. Mit gewohnter Treue und⸗ Gewiſſenhaftigkeit führte er dies aus, obſchon ihm irgend Tadel auszuſprechen ſehr ſchwer fällt. Ueberhaupt hat Leſſing kein eigentliches Kunſtintereſſe für die Werke Anderer; er malt, weil dies der Ausdruck ſeiner Gedankenwelt, ſemer Empfindungen iſt; für die Natur nur hat er Intereſſe; um Gebirge, Eichen u. ſ. w. zu ſehen, iſt ihm nichts unbequem, ſcheut er weder Mühſeligkeiten noch Wind und Wetter. Allein nach fremden Gemälden, ſelbſt nach bedeutenden Galerien zieht ihn nichts hin, er malt aus ureigener Anſchauung, die Werke Anderer frommen ihm nichts.
Auch die Leonore nach Bürger's herrlicher Ballade wurde in dieſer Zeit entworfen, leider anfangs à la prime zu haſtig gemalt. Zum Glück kam Schadow mit den Freunden eben von der Reiſe zurück; dieſe zeigten dem Künſtler unverhohlen ihr Misfallen, der ſich ſofort bewogen fand, das ganze Bild umzuarbeiten, wie wir es noch jetzt ſo allgemein durch Steindruck verbreitet finden. Er lernte hierdurch lieber mit Ausdauer zu arbeiten, als durch ſeichte Schnellmacherei ſein herrliches Talent zu verflüchtigen.
So ſehen wir in allen den bisherigen Werken des Künſtlers eine gewiſſe Verwandtſchaft mit der ſogenannten romantiſchen Schule unſerer Literatur, jene ſehnſüchtige Vor⸗ liebe für die Lebensformen und Bauwerke des Mittelalters, worin Ritter, Mönche und Eremiten in Ruinen von Klöſtern und Burgen dargeſtellt werden. Die melancholiſche Hinneigung zu poetiſch maleriſchen Gebilden von Winter und Tod zeigt ſich ſogar noch einmal ſpäter in dem„winterlichen Kloſter⸗ kirchhofe“, den er ein paar Jahre hernach für den Buch⸗ händler Reimer in Berlin gemalt hat, wo ein alter Mönch,
inmitten der ſchneebedeckten Gräber ſtehend, ſich auf den Spaten
lehnt, mit welchem er eben ein Grab gegraben und an das
—
„M
13
—
mi ei Ue lio na di wi
m ge
—=——
S—— S—.————


