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er aus den Adreſſen und Handſchriften unſerer Briefe und den Garderoben unſerer Bekannten ſchon zu erkennen ge— wohnt iſt.
Uebrigens iſt Niemand beſſer im Stande, unſern ganzen Lebenswandel zu beurtheilen, als gerade der Concierge. Er weiß, wann wir aufſtehen und wann wir zu Bette gehen; er empfängt meiſt die Miethszahlungen, und er iſt es auch, der die Wohnungen vermiethet; da er dieſerhalb ſchon von Jedermann im Hauſe ſehr reſpectvoll behandelt wird, iſt es immer gut, mit ihm auf dem freundlichſten Complimentirfuß zu bleiben.
Der Pariſer, wenn er Gargon iſt, pflegt ſein Frühſtück im Kaffeehauſe zu nehmen, indeß beſorgt es ebenſo gut auf Verlangen die Wirthin oder der Concierge.
Wer nicht Geſchäftsmann iſt, fühlt vor 10 Uhr kaum das Bedürfniß nach ſeinem Kaffee. Zwiſchen 12 und 2 Uhr iſt die Zeit des eigentlichen Dejeuner, das uns in jedem Kaffeehauſe ſervirt wird. Nachmittags zwiſchen 3 und 6 Uhr fährt man am liebſten ins Bois, zu welcher Promenade man einen Fiacre, ſei er auf dem Boulevard oder an beſtimmten Straßenecken, nimmt, und zwar à Theure, auf die Stunde. Der Kutſcher händigt ſeinem Fahrgaſt eine Karte ein, auf welcher die Taxe ſteht.
Für gewöhnliche Courſe zahlt man den einſpännigen Fiakern, deren Nummer mit gelber Farbe verzeichnet iſt, 1 Franc 50 Cent., denen mit rothen Nummern 1 Franc 80 Cent., auf welche Unterſcheidung ich zu achten bitte. Ein Douceur von einigen Sous darf natürlich nicht fehlen.
Bei Wettrennen und andern beſonderen Gelegenheiten gibt es kaum unverſchämtere Patrone als die Pariſer Fiaker. Am Sonntage unter ſolchen Umſtänden 25 Francs für eine Stunde im Bois zu verlangen, iſt dieſen Kutſchern ſehr ge⸗ läufig. Der Wiener Fiaker könnte bei dem Pariſer noch in die Schule gehen.
Hier im Bois, lieber Leſer, findeſt Du bei ſchönem Wetter Alles, was Paris an Eleganz, Ariſtokratie und ver— goldeter Liederlichkeit beſitzt.
Schon in den Champs Elysées ſiehſt Du die glänzendſten Equipagen, von Fiakern und kleinen Cavalcaden durchmiſcht, hin⸗ und herjagen, während zu beiden Seiten die Spazier⸗ gänger ſich bewegen oder auf den je für einige Sous ver⸗ mietheten Stühlen gruppenweiſe ſich unterhalten.
Alles was glänzt oder glänzen will, eilt um dieſe Stunde ins Bois. Selbſtbewußt in den offenen Wagen zurückgelehnt, ſieht man die Ariſtokratie der Geburt und des Geldes, die Diplomaten und die Bureaukraten dahin rollen; auch der Kaiſer liebt es, ſich bei ſchönem Wetter zu zeigen und ſein müdes, ſtets halb geſchloſſenes Auge rechts und links über die bunte Menge hingleiten laſſen.
Je nachdem die Stimmung iſt, hört man wohl ein„Vive rempéereur!“, ſieht man die Vorüberfahrenden ihre Hüte vor ihm ziehen, indeß paſſirte es während der letzten Zeit, d. h. während der Luxemburger Frage, ſehr oft, daß man von der kaiſerlichen Equipage abſichtlich wenig Notiz nahm; denn Paris grollte, Paris glaubte ſich in ſeiner erſten politiſchen olle als peuple civilisateur beeinträchtigt.
Es erſchien dem Pariſer unerhört, daß ein Mann wie Bismarck es wage, eine ſolche Sprache gegen Frankreich zu führen, ohne daß ſofort die Regimenter an den Rhein mar— ſchirten, um unter dieſen anmaßenden Deutſchen ein fürchter⸗ liches Blutbad anzurichten und in Berlin den Frieden zu dictiren, und doch mußte man gute Miene machen gegen die Fremden, die man doch einmal hierher geladen, um ihnen ihr Geld abzunehmen.
Fahren auch wir vom Boulevard ins Bois.
Zahllos ſind die Equipagen, die Fiaker und die Omnibus, welche an uns vorüberjagen, denn die Stunde hat geſchlagen, die Alles hinauf ruft.
Dort rechts die kleine elegante Kirche, einem griechiſchen Tempel ähnlich, iſt die bekannte Madeleine, 1764 im Bau begonnen, aber erſt 1832 beendet; es iſt ihr alſo recht ſauer geworden, fertig zu werden. Lablache ſang dort mit ſeiner
ungeheuren Baßſtimme. Ihr Inneres zeigt in ſeinen Sculp⸗ turen und Malereien, daß ſie dem Cultus der Magdalene gewidmet. Aber die Magdalenen büßen hier niemals, ſie fündigen ſo lange ſie können, machen inzwiſchen dem lieben Gott viel Wind vor und gehen endlich ins Maison de santé, um dort in aller Eile und Stille zu ſterben.
Dieheilige Magdalena iſt die Schutzgöttin aller Pariſerinnen, aber ich zweifle, daß ſie ſich beiderſeitig jemals verſtanden haben. Sie meinen Alle, weil ſie viel geliebt wie Jene, werde auch ihnen viel vergeben werden. Sie kommen meiſt in ſtolzen Equipagen gefahren, treten mit demüthigem Haupte in die Kirche, erkaufen ſich die ewige Seligkeit mit dem großen Silber⸗ ſtück, das ſie in, den Beutel der Quẽteuſe werfen und fahren von hier direct in die Elyſeiſchen Felder.
Dieſe Kirche iſt mir zu vornehm, man hat mit ihr dem lieben Gott einen Salon, aber keinen Tempel gebaut. Als ich ſie zuletzt betrat, mochte irgend ein Heiligentag gefeiert werden, man hatte den Eingang von außen mit fürſtlich vergoldetem Purpur⸗Sammt bekleidet, zwei Goldengel hielten in ihren Händen das Venite, adoremus, die Kirche war ge⸗ füllt, Magdalena ſtrahlte in überirdiſchem Kerzenglanz, auf der Kanzel ſtand der Prieſter, er rang und ballte die Hände, während er predigte er ſchrie, daß es den armen neben mir knieenden Nonnen durch alle Glieder ſchauderte; Viele weinten und ſchlugen die Augen zu Boden; ich aber verſtand kein Wort von all Dem, was der Prieſter ſagte; ich wußte nur, daß dies nicht die Sprache ſei, in welcher man im Namen Gottes zu mir reden ſoll.
Vom Boulevard de la Madeleine führt die kleine Rue Royale ſofort auf einen der Glanzpunkte von ganz Paris, auf die Place de la Concorde, den Eintrachtsplatz. Von hier ſchreitet man links auf die Tuilerien, durch dieſe auf die Place du Carouſſel, und von da in den mit den Tuilerien verwachſenen Louvre. Eine herrliche Promenade von den Tuilerien durch den Garten derſelben, über den Eintrachts⸗ platz in die Elyſeiſchen Felder.
Dieſer ſchönſte und ſcheinheiligſte aller Plätze Europa's, der Eintrachtsplatz, ſieht ſo glatt und feierlich aus, als habe er ſeit ſeiner Entſtehung dieſes elegante Feſtkleid getragen, und dennoch hat er zu jeder Epiſode franzöſiſcher Geſchichte ſeinen Schauplatz geliefert. Die Seine, der Tuileriengarten und die Paläſte der ehemaligen Gardemeuble umſchließen ihn. 1754 bis 1763 angelegt, wurde zuerſt die Reiterſtatue Ludwigs XV. hier aufgeſtellt. Ludwig XVI. ward durch ſein Feuerwerk, das bei ſeiner Vermählung mit Marie Antoinette hier ſtattfand, ſchuld an dem Tode von viertauſend Menſchen, die auf dem Platze im Gedränge umkamen. Die Revolution riß die Statue Ludwigs nieder, ſie ſtellte die der Freiheit und die Guillotine hier auf, und mordete auf dieſem Platze Ludwig XVI., Marie Antoniette, Charlotte Corday, die Girondiſten, die Dantoniſten u. A.— Napoleon gab dem Revolutionsplatze den Namen Eintrachtsplatz, die Alliirten, welche hier ihr Tedeum feierten, nannten ihn wieder den Platz Ludwig's XV. 1830 hieß er wieder Eintrachtsplatz, und ſeit 1836 ſteht an der Stelle Ludwig's der Obelisk von Luxor, ein Geſchenk Mehemed Ali's, von 73 Fuß Höhe. Wer die räthſelhaften vergoldeten Figuren auf den 27, Fuß hohen Granitfuß anſchaut, wiſſe, daß dieſe die Maſchinen darſtellen, mit welchen der Obelisk herbeitransportirt wurde. Zwei Springbrunnen erheben ſich zu beiden Seiten des Obelisk, die acht Bildſäulen rings umher ſtellen die acht größten Provinzialſtädte Frankreichs vor.
Aber der Eintrachtsplatz hat auch ſeine noch ganz friſchen Erinnerungen, und der Obelisk hat etwas geſehen, was Wenige mit anſahen, nämlich den ſtillen Abſchied eines unglücklichen Mannes von Paris und ſeinem Frankreich am 24. Februar 1848 beſtieg hier am Fuße des Obelisk ein ſchlichter alter Herr ein ebenſo ſchlichtes Cabriolet, und dieſer Mann war Ludwig Philipp, bis dahin König der Franzoſen, Vater und Gerant der geſchäftemachenden Bourgeviſie.
So ſchrieb ich in einem früheren Buche über Paris und wiederhole dies hier.


