Das Herz ſchlug ihr in raſchen Schlägen, der Abend war tiefdunkel, am Firmament jagten ſich ſchwere Wolken, und der Wind ſauſte an den Fenſtern und am Dach des Schloſſes hin, die Wetterfahnen auf dem letzteren wie wüthend um ihre Spindeln trillend.
Nun ſchallte der erſte Schlag der vollendeten Stunde, wie Wehelaut im heulenden Winde verhallend. So ent⸗ ſchloſſen auch Anna war, ſo machte doch ein Blick in die ſchwarze Tiefe hinab ſie zuſammenſchauern. Das Dröhnen der Glockenſchläge, das Sauſen des Windes und die nicht zu unterdrückende Angſt vor dem Wagniß auf der Strickleiter im Dunkel der zweiſtöckigen Tiefe unter ihr hatten ihre Sinne ausſchließlich in Anſpruch genommen, daß ſie nicht einmal be⸗ merkte, wie durch das raſche Oeffnen der Thür ein ſtarker Luftzug ſie anhauchte. Von unten herauf erſcholl das ſchon einmal gegebene Zeichen des Vogelgekreiſches jedoch jetzt drei⸗ mal raſch hinter einander.
„Heilige Mutter Gottes, ſei mir gnädig!“ rief Anna und wollte den angerückten Stuhl beſteigen. In dieſem Moment legte ſich eine Hand, ſie zurückhaltend, feſt auf ihre Schulter, und eine kraftvolle Männerſtimme ſprach neben ihr:
„Für diesmal vertrete Ich die Stelle der heiligen Mutter, Frau Nichte. Ich kann es nicht über mein Herz bringen, dich auf der ſchwanken Leiter ein Unglück nehmen zu laſſen,
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auch iſt dein guter Freund da unten nicht mehr ſo Herr ſeiner ſelbſt, um dich in Empfang nehmen zu können; meine Trabanten ſorgen dafür, daß ihm das Warten in der kalten Abendluft nicht Schaden bringt.“
Kurfürſt Auguſt hatte dieſem Hohne kaum Worte ge— liehen, als von unten herauf Lärm erſcholl, in welchem Waffen⸗ geklirr und die ſonore Stimme des griechiſchen Arztes ver⸗ aehmbar wurden. Nach wenigen Minuten drang ein Schrei herauf, das Waffengeklirr hörte auf, der Fackeldunſt, der die nächtliche Scene unten erleuchtete, verſchwand bald darauf um die Ecke des Schloßgebäudes. Oben am Fenſter, unter dem Eindruck des gewaltigſten Schreckes zuſammengeſunken, lag Prinzeß Anna am Boden.
„Doctor“, ſprach der Kurfürſt, auf ſie deutend, zu ſeinem Leibarzte...„Ihr werdet meine Anordnungen pünktlich aus⸗ führen laſſen. Morgen erwarte ich Meldung über alles Euch Aufgetragene.“
Nach dieſer Weiſung verließ, ohne auf die Ohnmächtige einen Blick zu richten, der Kurfürſt das Zimmer, und eine halbe Stunde ſpäter befand ſich Prinzeß Anna in einem Thurmgemache, deſſen Fenſter ſich ſtark vergittert wieſen, und vor deſſen äußerem Ausgange, zu welchem nur durch ein paar andere, jedoch kleinere Gemächer zu gelangen war, ein Trabant, Wache haltend, mit klirrenden Sporenſchritten auf und nieder wandelte.(Schluß folgt.)
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Weltausſtellungs-Bilder.
VI.
Die Maisons meublées und die Hötels garnis.— Die Witwen der Table⸗d'hoͤte.— Monsieur le Concierge.— Die Fahrt ins Bois.— Die Madeleine und der Eintrachtsplatz.— Die Champs Plysées.— Die napoleoniſche Geſellſchaft.— Die leichte Cavalerie der Biches.
Wer in Paris auf die Maisons meublées angewieſen iſt— und dies ſind ſo ziemlich alle Fremden, wenn ſie längere Zeit hier verweilen— den trifft das Loos, gewiſſermaßen in eine Kommode zu kriechen.
Es iſt unglaublich, mit welcher Oekonomie der Pariſer aus einem Raum, den wir für ein Zimmer leidlich ausreichend halten würden, ein ganzes Apartement, d. h. eine Wohnung von mehreren Piecen zu machen im Stande iſt.
Eine Tapetenwand kreuz, eine andere quer, einen Verſchlag vor dieſen und eine Thür vor jenem Winkel, ſo ſchafft man hier wie mit Zauberei eine Wohnung von Zimmer, Schlaf⸗ gemach, Küche, Speiſekammer und was dazu gehört. Sie ver⸗ ſtehen hier die Mathematik des Geldeinnehmens und ſind darin von einer ganz unglaublichen Erfindungsgabe.
Eine ſolche Kommode, lieber Leſer, bezahlſt Du monat⸗ lich mit 75 bis 150 Franes, je nachdem ſie eine bis ein halbes Dutzend Treppen hoch gelegen und je nachdem die Gegend und das Meublement beſchaffen iſt.
Wer in Paris möblirte Zimmer ſucht, der blicke nur nach den gelben Zetteln; die weißen erwarten, daß der Suchende „in ſeinen eigenen Möbeln“ iſt. Steht auf dem Zettel«pelle Chambrev oder gar dornée de glaces*, ſo kann man auf einen ſehr anſtändigen Preis gefaßt ſein; indeß erſpart der Concierge ſich ſelbſt und dem Fremden gern das Treppenſteigen, indem er den Letzteren ſchon unten auf Alles vorbereitet, was oben ſeiner wartet.
In den Hötels garnis und in manchen Maisons meublées iſt auch Table⸗d'höte, welcher die Wirthin präſidirt. An dieſen Table⸗dhötes iſt ſo Manchem ſchon ſo Manches paſſirt. Allein⸗ ſtehende Damen lieben gerade dieſe Häuſer; die Tafel gibt ſtets Gelegenheit zu Bekanntſchaften, und ſelten fehlen an der⸗ ſelben junge Witwen mit bleichen, entſagungsreichen Geſichtern, ſchmachtenden Blicken und einer Lebensgeſchichte, die ſie in einem Roman von Paul Féval oder Ponſon du Terrail geleſen, deren Erzählung aber auf unerfahrene Gemüther ſelten ihren Eindruck verfehlt.
La veuve du colonel iſt in dieſen Häuſern eine faſt unentbehrliche Figur, und damit bezeichnete man bisher die
angebliche Witwe irgend eines in Afrika, in der Krim oder in Italien gefallenen Offiziers.
Neuerdings ſind die mexicaniſchen Witwen ſehr en vogue. In welchem Kriege aber auch dieſer heiß beweinte Gatte, der niemals exiſtirt hat, geſtorben ſein mag, la veuve du colonel iſt eine faſt unentbehrliche Illuſtration der Tafel.
Gewöhnlich iſt ſie außerordentlich liebenswürdig, mittheil⸗ ſam und mitfühlend, denn das Unglück macht ja weich. Sie zeigt namentlich dem Fremden großes Intereſſe, denn er iſt ja auch allein, wie ſie, die Arme! Sie ſervirt den Kaffee, den Thee mit unübertrefflicher Grazie, hat alle kleinen Nachläſſigkeiten und Zufälligkeiten der Toilette, die ihre Reize in das beſte Licht ſetzen können, ſorgfältig ſtudirt, läßt ſich ins Theater und ins Bois führen und iſt eine gute Geſellſchafterin, une bonne amie.
Oft genug hat man indeß ſchon die Entdeckung gemacht, daß man ihre Freundſchaft zu theuer bezahlt.
Der wichtigſte Mann im Hauſe, bis hinauf zum Palais der ariſtokratiſchen Faubvurgs, iſt ſtets der Concierge, mit dem auf freundſchaftlichem Fuße zu leben eine unerläßliche Noth⸗ wendigkeit iſt.
Mit Monsieur le Concierge und Madame la Concierge becomplimentirt man ſich den ganzen Tag hindurch, ſo oft man an ihrer Loge vorüberkommt, ſo oft man genöthigt iſt, in dieſe einzutreten, um ſeinen Schlüſſel abzugeben oder zu holen, oder ſo oft er in der Wohnung des Miethers zu thun hat.
Der Concierge empfängt die Briefe und die Beſuche; er legt die Porti aus, weiß, wen man gern bei ſich ſieht und wen nicht, weiß, zu welcher Stunde man zu Hauſe iſt, wann man unbeſucht ſein will und in welchem Kaffeehauſe man zu treffen iſt.
Er weiß, welchen Umgang wir haben und weiß aber auch ſehr bald, was er von uns zu halten hat. Da er Menſchen⸗ kenntniß beſitzt, ſo taxirt er uns ſehr genau, und es iſt immer rathſam, eine gewiſſe Poſe gegen ihn zu beobachten, denn Poſe iſt Alles in Paris. Hier„poſirt“ Jeder, und Jedermann gewinnt darin eine gewiſſe Geſchicklichkeit.
Da der Concierge der Spion des Hauſes, ſo iſt es immer politiſch, ihn nicht weiter in uns hineinblicken zu laſſen, als


